Kann man im Kapitalismus glücklich sein?

Ha Vinh Tho sitzt im 19. Stock der Hamburger Elbphilharmonie und versucht, noch schnell ein belegtes Brötchen mit Käse zu essen. Tho hat wenig Zeit. Als Direktor des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan ist er ein viel gefragter Mann.

Vor 20 Jahren ersetzte die kleine Nation im Himalaya das Bruttoinlandsprodukt offiziell durch einen Glücks-Index. Wirtschaftlich hat das kleine Land wenig zu bieten. Doch für die Glückspolitik des Königs interessieren sich seitdem Menschen aus aller Welt. Das Glück ist längst Bhutans wichtigstes Exportgut geworden.

Ha Vinh Tho, dessen Vater aus Vietnam kam und der in Europa aufwuchs, soll im Auftrag des Königs dafür sorgen, dass es richtig erfasst wird. Immer wieder zieht er mit seinen Mitarbeitern durch das zerklüftete Land und befragt die Bevölkerung mit einem ausführlichen Katalog. 

Doch wie geht das? Kann man Glück zählen wie Geld? Und wenn ja, wie lässt es sich vermehren? 

Genau für solche Fragen ist Ha Vinh Tho nach Hamburg gekommen. Eine vierstellige Zahl von Personal-Verantwortlichen soll von ihm heute auf einer Karrieremesse lernen, wie sich Glück und Arbeitsalltag auch im Westen miteinander vereinbaren lassen. 

Holt Karrieremenschen auf den Boden: Bei Thos Vorträgen in Europa ist der Saal meist gut gefüllt.(Bild: storytile/XING)

Herr Tho, Themen wie Selbstverwirklichung und Wachstumskritik sind populär. Trotzdem steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen und Burn-outs. Was machen wir falsch?

Viele haben Ideen, wie das Leben besser sein könnte, aber es gibt dafür keinen Raum. Gerade jüngere Menschen haben die Erwartung, dass sich endlich etwas ändert. 

Aber dann erleben sie bei der Arbeit, dass es immer noch sehr hierarchisch ist. Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt. Alles ändert sich nur sehr, sehr langsam. Diese Spannung führt zu Stress und auf Dauer auch zu Burn-outs.

Ha Vin Tho im Himalaya (Bild: Privat)
Viele haben Ideen, wie das Leben besser sein könnte, aber es gibt keinen Raum dafür.
Ha Vinh Tho

Sie sagen, Glück sei eine Kompetenz, die man erwerben kann. Wie soll das gehen?

Das alles kann man trainieren. In Bhutan machen wir das bereits in in der Schule, aber es geht auch noch später. Ich führe zum Beispiel ein Glückstagebuch. Darin schreibe ich jeden Tag auf, welche Begegnungen und Erlebnisse mir positiv in Erinnerung geblieben sind. 

Das mag vielleicht erst einmal etwas spirituell klingen. Aber es hilft, wenn man sich ab und zu bewusst macht, wie viel eigentlich schon ganz gut läuft.

Vor allem die junge Generation ist heute wieder idealistischer.
Ha Vinh Tho

Sie sprechen oft von zwei Dimensionen des Glücks. Was heißt das?

Das eine sind die äußeren Dinge, die dazu beitragen, dass wir Glück erleben. Das andere ist die innere Einstellung. Ich glaube, wir brauchen ein viel stärkeres Bewusstsein für unseren Körper und unsere Gefühle. Dazu gehört auch Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können.

Sich um das Glück seiner Mitarbeiter zu kümmern, ist inzwischen in vielen Unternehmen populär. Sind wir anspruchsvoller geworden?

Ich glaube ja. Vor allem die junge Generation ist heute wieder idealistischer. Das gefällt mir. Allerdings ist unser System noch nicht darauf eingestellt. 

Deshalb ist es wichtig, dass diese jungen Leute etwas verändern, wenn sie eines Tages in die entsprechenden Positionen kommen. Sonst ändert sich nichts.

Was ist das "Bruttonationalglück"?

Das Bruttonationalglück soll eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt sein. Statt Geld stehen dabei das Wohlergehen der Bevölkerung und der Umwelt im Mittelpunkt. Entwickelt wurde es in Bhutan. Bislang ist die südasiatische Nation auch das einzige Land der Welt, das den Begriff nutzt. Um das Bruttonationalglück zu messen, werden regelmäßig mehrere hundert Bürger interviewt. Kritiker sagen, dass die Erhebung angesichts der verbreiteten Armut in Bhutan zu teuer und ungenau sei.

Wäre Mitarbeitern nicht eher mit mehr Geld geholfen als mit Achtsamkeitsübungen?

Wir sollten über beides sprechen. Wenn wir in Bhutan vom Bruttonationalglück reden, meinen wir damit nicht, dass man alles innerlich klären kann. Man muss die Strukturen verändern und gleichzeitig das innere Wohlbefinden pflegen. Beides gehört für uns zusammen.

Eines der größten Probleme, mit dem wir heute bei der Arbeit konfrontiert sind, ist die Zeit. Wir rennen oft wie in einem Hamsterrad und haben das Gefühl, nie anzukommen. Viele haben das Gefühl, es trotz ihrer Anstrengungen nicht zu schaffen. Als ich meinen ersten Computer bekam, hieß es: Jetzt hast du nie wieder Stress. Das Gegenteil ist passiert.

Können Politiker und Chefs das Glück einfach so von oben verordnen?

Nein, das geht nicht. Wenn Achtsamkeitsübungen nur ein billiger Trick sind, um strukturell nichts zu ändern, wird es überhaupt keine Vorteile bringen. 

Man wird vielleicht ein bisschen gelassener auf der Arbeit, aber auf Dauer wird es noch schlimmer, weil man sagt: Du bist gestresst, okay. Dein Problem, meditier’ mehr. Das ist das Gegenteil von Glück.

Die Systeme in denen wir leben, sind weder Naturgesetze noch gottgegeben.
Ha Vinh Tho

Kann man überhaupt vom Glück reden, ohne gleichzeitig die bestehenden Ungerechtigkeiten zu leugnen?

Davon bin ich überzeugt. Denn was hindert uns am Glück? Ungerechtigkeit! Die auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich und der ständige Vergleich untereinander. Das heißt: Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir diese Probleme auf den Tisch bringen.

Zählen Sie den Kapitalismus dazu?

Ja, ausdrücklich sogar. Denn warum verdienen manche weniger als andere? Warum haben immer noch nicht alle dieselben Rechte? Warum zerstören wir die Umwelt? Genau darüber muss man nachdenken, wenn man vom Glück sprechen will. Die Systeme in denen wir leben, sind weder Naturgesetze noch gottgegeben.

Bhutan ist kein spirituelles Paradies im Himalaya, wie manche im Westen sich das gerne vorstellen.
Ha Vinh Tho

Kritiker werfen Ihrer Regierung vor, dass das Bruttonationalglück einfach ein guter Marketing-Trick sei. In den vergangenen Jahren haben sich die Touristenzahlen verzehnfacht. Ist die Geschichte vom Glück einfach nur ein Bluff?

Wir haben nie gesagt, dass alles gut ist. Bhutan ist kein spirituelles Paradies im Himalaya, wie manche im Westen sich das gerne vorstellen. Auch wir haben Probleme.

Was für welche denn?

Auch in Bhutan zieht es immer mehr junge Menschen in die Stadt. Wenn die Verbesserungen in unserem Bildungssystem dazu führen, dass junge Menschen sich umorientieren, dann müssen wir über die Folgen reden. 

Aber genau darum geht es. Wir wollen offen fragen, was unsere Bürger brauchen, um trotz der rasanten Veränderungen Glück zu finden.

Spiritualität, Kapitalismuskritik und Vorträge – für Tho kein automatischer Widerspruch.(Bild: storytile/XING)

Sie haben lange Zeit für das Rote Kreuz in verschiedenen Krisengebieten gearbeitet. Warum sind Sie dennoch so optimistisch, dass sich Dinge verändern lassen?

Ich war 2005 nach dem großen Erdbeben in Pakistan. Das war zugleich die traurigste und ermutigendste Zeit in meinem Leben. Viele Eltern hatten ihre Kinder verloren, weil das Erdbeben während der Schulzeit geschah. 

Gleichzeitig haben die Menschen sich gegenseitig geholfen, wo sie nur konnten. Selbst in der tiefsten Not haben die Menschen dort noch geteilt, was sie hatten. Seitdem weiß ich, wozu Menschen fähig sind. Wir können die Welt verbessern.


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