Bild: Tim Gouw/Unsplash
Ja, manchmal darfst du lügen.

Das erste, worauf viele Menschen Linda* ansprechen, ist ihr Nachname. Sie möchte ihn hier nicht preisgeben, aber er ist eben nicht deutsch. Leute fragen dann, woher der Name denn komme und sie erzählt von ihrem iranischen Vater, der Familie. Sie ist das gewöhnt, es stört sie nicht wirklich. "Oft lockert es die Situation auch auf", sagt Linda.

So war das auch bei ihrem letzten Bewerbungsgespräch. 

Die 25-Jährige arbeitet derzeit noch im Marketing eines mittelständischen Unternehmens. Die Firma expandiert, der Standort wird verlegt und Linda fühlt sich dort nicht mehr richtig wohl. Sie möchte wechseln.

Zum Bewerbungsgespräch im neuen Unternehmen erschienen der Personalchef und Geschäftsführer des Mittelständlers. Vom Nachnamen kam das Gespräch schnell auf Lindas Familie: Ob sie Geschwister hätte und wenn ja, wie viele? Woher ihre Eltern denn kämen? Ob sie ein gutes Verhältnis zu ihnen hätte?

Linda antwortete ganz normal, aber dachte: Ein bisschen intim ist das schon. Und was hat das mit dem Job zu tun?

Dann wollte der Geschäftsführer wissen, warum sie ihre aktuelle Stelle aufgeben möchte. Linda antwortete wahrheitsgemäß, woraufhin der Chef fragte: "Wenn dort gerade alles so schlimm ist, warum bekommen sie dann jetzt nicht einfach ein Kind?"

(Bild: Imago/Westend61)

Linda gingen unzählige Fragen durch den Kopf: Was soll das jetzt? Darf er das in einem Bewerbungsgespräch fragen? 

"Ich wusste, er darf das eigentlich nicht fragen. Aber was antwortest du dann: 'Das sage ich Ihnen nicht?' Das klingt ja wie ein Eingeständnis. Dabei geht es ihn doch einfach nichts an", sagt Linda. 

Ob der Chef die Frage hätte stellen dürfen, sei irrelevant, sagt Stephan Dahrendorf, Personalexperte der Karriereberatung Inplace. "Das kontrolliert in diesem Moment ja niemand. Die eigentliche Frage ist: Wie ehrlich muss ich antworten? Also: Darf ich lügen?"

Grundsätzlich gelte: "Persönliche Informationen, die sich direkt auf die zu erbringende Arbeit auswirken, müssen wahrheitsgemäß beantwortet werden." 

Stephan Dahrendorf, Personalexperte der Karriereberatung Inplace.(Bild: privat)

In manchen Fällen gebe es sogar eine Offenbarungspflicht: Eine Krankheit, wegen der die Arbeit nicht normal erledigt werden könne, müsse dem Arbeitgeber – ohne dass er danach fragt – mitgeteilt werden. Passiert das nicht, kann der oder dem Angestellten deswegen nachträglich gekündigt werden. 

Fragen nach der Religion, Familienstand, Herkunft oder Behinderungen wiederum sind generell unzulässig. Hier haben Bewerberinnen und Bewerber ein sogenanntes Recht zur Lüge. Es gibt allerdings Ausnahmen: 

"Eine Schwangerschaft darf rechtlich gesehen verheimlicht werden, außer die Bewerberin stünde eigentlich unter Arbeitsschutz", sagt Dahrendorf. Eine Büroangestellte darf also lügen, eine Ärztin nicht – im Krankenhaus gelten für sie dann viele Einschränkungen: Sie darf beispielsweise kein Blut mehr abnehmen, operieren oder in der Notaufnahme arbeiten. Der Arbeitgeber könnte letztere also aufgrund der Falschinformation nachträglich kündigen. (Übersicht bei Kanzlei Hesselbach)

Aber nur, weil im Bewerbungsgespräch bestimmte Fragen unzulässig sind, heißt das nicht, dass sie niemand fragt. Wie also reagieren? 

"Man darf lügen, ob es taktisch schlau ist oder nicht, ist eine andere Frage", sagt Dahrendorf. Jeder müsse hier recht schnell entscheiden: Will ich den Job oder nicht?

"Wenn die Bewerberin, in diesem Fall Linda, nicht aufgeben will, dann rate ich: sachlich bleiben und entweder ehrlich antworten oder freundlich abmoderieren." Denn eine Lüge komme früher oder später raus – und belaste dann das Arbeitsklima.

Im besten Fall will ich ja einen Arbeitgeber, der mich auch will – egal, wie mein Privatleben aussieht.
Stephan Dahrendorf, Personalexperte

Linda hatte gar keine Zeit, lange über ihre Reaktion nachzudenken und entschied sich spontan für die Wahrheit: "Ich sagte, dass ich im Fall einer Schwangerschaft in ein Unternehmen zurückkehren möchte, bei dem ich gerne arbeite. Das ist aktuell nicht der Fall. Und ich habe gesagt, dass ich mich für ein Kind noch zu jung fühle." 

Ihre Reaktion findet Dahrendorf souverän, sie beweise damit Offenheit und Ehrlichkeit. Er sagt aber auch: "Die Botschaft ist: Du kannst mich alles fragen. Sie geht damit schon sehr weit."

Das Gespräch lohnte sich nicht für Linda – der Chef entpuppte sich als Idiot. 

Am Ende des Gesprächs deutete er auf ihr Bewerbungsfoto. "Das sind aber nicht Sie? Oder haben Sie das mit Photoshop bearbeitet?" Linda verneint. "Da sehen Sie viel schmaler aus." 

Danach wollte Linda die Stelle sowieso nicht mehr. 

Sie blieb trotzdem freundlich, sagte, sie habe das Bild bei einer Fotografin machen lassen und trage sogar denselben Blazer. Nach dem Gespräch ärgerte sie sich wahnsinnig: über die Fragen des Chefs, darüber, dass der Personaler nicht eingeschritten war – und dass sie sich nicht selbstbewusster gegen Fragen gewehrt hatte. 

"Ich hätte das Gespräch schon viel früher beendet", sagte Dahrendorf. Dass sie sich ärgere, sei verständlich. "Das einzige, was sie jetzt noch tun kann: Andere vorwarnen, zum Beispiel auf Kununu." Dort können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Erfahrungen mit anderen teilen – auch anonym

*Auch Lindas Vorname ist eigentlich ein anderer. Weil sie noch im Angestelltenverhältnis ist, möchte sie gerne unerkannt bleiben.


Today

LKA-Mitarbeiter aus Sachsen hat offenbar Zugriff auf sensible Daten
Zwei Fragen, zwei Antworten

Der LKA-Mitarbeiter, der im Rahmen einer Pegida-Demonstration ein ZDF-Kamerateam angegangen ist, hat offenbar Zugriff auf sensible Ermittlungsdaten. Wie der MDR berichtet, ist Maik G. Buchprüfer für komplexe und schwere Straftaten und habe die Möglichkeit, auf das polizeiliche Erfassungssystem "IVO" zuzugreifen. Der Sender beruft sich auf Ermittlerkreise.