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Ciao, Anschreiben? Ein Karrierecoach erklärt, warum das keine gute Idee ist

Wer schon einmal eine Bewerbung abgeschickt hat, erinnert sich wahrscheinlich eher ungern an das Verfassen des Anschreibens. Der Einstieg, die Floskeln und die 0815-Stärken, die man darin unterbringt, bereiten mehr Kopfschmerzen als der Kater nach einer richtig guten Party.

Um potenziellen Azubis und dualen Studentinnen und Studenten den Bewerbungsprozess zu erleichtern, kündigte die Deutsche Bahn im Juni vergangenen Jahres an, auf das Anschreiben verzichten zu wollen. "Wir wollen es den Bewerbern so leicht wie möglich machen", sagte Personalerin Carola Hennemann damals (bento). 

Im Herbst setzte das Unternehmen das Vorhaben um. Vor einigen Tagen meldete es dann einen Zuwachs von etwa zehn Prozent bei den Bewerbungen (Handelsblatt). Die Bahn hatte offenbar Erfolg mit ihrer Strategie. Aber warum? Und ist das jetzt die Bewerbung der Zukunft?

Ist das Anschreiben mittlerweile einfach unwichtig oder sind junge Menschen nur schlecht darin, eines zu verfassen? 

bento hat mit Karriere- und Business-Coach Bernd Slaghuis darüber gesprochen.

(Bild: Bernd Slaghuis)

Hat man das Anschreiben gestrichen, weil man davon ausgeht, dass junge Menschen zu faul oder einfach zu ängstlich sind?

Ich denke, dass das Abschaffen des Anschreibens ein guter Marketingschachzug der Deutschen Bahn ist. Damit erregt sie Aufmerksamkeit, steht bei Bewerbern stärker im Fokus und generiert so mehr Anschreiben. Natürlich senkt das auch die Hürde der Bewerbung – das Anschreiben ist unabhängig vom Alter für fast jeden Bewerber die wohl größte Schwierigkeit.

Ist das Anschreiben denn mittlerweile wirklich so unwichtig, dass ein großes Unternehmen einfach darauf verzichten kann?

Für Berufseinsteiger, vielleicht auch gerade für Auszubildende, verstehe ich, wenn ein Unternehmen beschließt, dass der Lebenslauf für die Erstauswahl reicht. Die Auswahlentscheidung für einen Ausbildungsplatz ist natürlich eine andere als für eine 150.000-Euro-Stelle im Management. 

Bei meiner Arbeit mit Bewerbern, die schon sehr viele Bewerbungen verschickt haben und damit nicht erfolgreich waren, sehe ich jedoch, dass es dann das überarbeitete Anschreiben als echter Mehrwert zum Lebenslauf ist, das dazu führt, dass die Bewerber eingeladen werden.

Ist der Lebenslauf besser geeignet, den richtigen Bewerber zu finden? 

Lebensläufe werden immer bunter, ganz viele Arbeitgeber suchen ja auch Quereinsteiger. Der Lebenslauf eines Quereinsteigers oder Generalisten passt per Definition aber niemals exakt zu einer Stellenausschreibung. Diese Bewerber haben heute nur durch das Anschreiben die Chance, echte Klarheit über ihre Motivation zu schaffen. 

Wer als Arbeitgeber in Zukunft nur noch auf Lebensläufe setzt, bei dem werden massenhaft geeignete Kandidaten mit wertvoller Berufserfahrung und hohem Potenzial durch das Raster fallen, weil ihr Lebenslauf nicht auf den ersten Blick passt. Der Lebenslauf ist eine reine Vergangenheitsbetrachtung – von heute bis zur Schulzeit. Bei einer Bewerbung geht es aber um eine Zusammenarbeit in der Zukunft. Das Anschreiben sollte also besser genutzt werden, um einem potenziellen Arbeitgeber mitzuteilen, was einem in Zukunft im Beruf wichtig ist und wie man in Zukunft gemeinsam arbeiten möchte.

„Bis auf ein Foto, was vielleicht ein bisschen Persönlichkeit transportieren kann, erfahre ich nicht viel über den Menschen dahinter.“
Bernd Slaghuis

Es gibt mittlerweile nicht nur Unternehmen, die auf das Anschreiben verzichten, sondern auch auf Fotos oder Namen – um Diskriminierung entgegen zu wirken. Ist das die Bewerbung der Zukunft? 

Ich hoffe nicht. Bei einem anonymisierten Lebenslauf bleibt nicht an Information viel übrig. Ich wünsche mir die entgegengesetzte Richtung: Bewerber sollten die Möglichkeit bekommen, sich mit einem klaren Profil so zu präsentieren, wie es ihren Stärken entspricht. 

Wer gut schreibt, der kann ein Anschreiben formulieren, wer gut vor der Kamera ist, der kann eine Videobewerbung einsenden. Für andere ist vielleicht der direkte Kontakt auf einer Karrieremesse der beste Weg. Also weg vom alten 08/15-Denken bei Bewerbungen, sondern mehr kreative Freiheit für Bewerber, auch wenn es Mehrarbeit bei Arbeitgebern bedeutet.

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