Die elfte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Lisa*, 26, arbeitete in ihrem ersten Job als Referentin bei einem sozialen Projekt und organisierte Veranstaltungen zur Berufsorientierung für Jugendliche. Die Arbeit machte ihr Spaß – wäre da nicht ihre Kollegin gewesen.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"In meinem ersten Job erlebte ich, wie aus einer anfänglichen Freundschaft mit einer Kollegin ein Konkurrenzkampf wurde. In den ersten drei Monaten verstanden wir uns gut, doch dann fing sie an, mir Mails nicht mehr weiterzuleiten oder Meetings mit unserem Chef zu verschweigen. Ich weiß bis heute nicht, warum sie sich so verhalten hat. Vielleicht fühlte sie sich von mir und meiner Arbeit bedroht.

Eigentlich hatte ich mich auf die Elternzeitvertretung bei dem sozialen Projekt gefreut, Bildungsarbeit für Jugendliche war genau mein Ding. Dass ich den Job quasi direkt im Anschluss an mein Studium in Sozialwissenschaften bekommen hatte, fühlte sich an wie ein echter Glücksgriff: Ende März 2019 hatte ich den Master abgeschlossen, am 1. Mai trat ich die Stelle als Projektreferentin an. Zwölf Monate lang sollte ich Workshops und Vorträge zur Berufsorientierung für Schulklassen organisieren und dafür durchs ganze Bundesland fahren. Zu meinen Aufgaben gehörte, das genaue Thema festzulegen, manchmal auch die Referentinnen und Referenten zu buchen sowie die Finanzierung im Blick zu behalten. Monatlich verdiente ich damit knapp 2400 Euro brutto bei einer 35-Stunden-Woche.

Aus der netten Kollegin wurde eine Konkurrentin

Mein neues Team war klein. Neben mir arbeiteten acht weitere Kolleginnen an verschiedenen Projekten, eine davon war meine direkte Partnerin. Als ich in den ersten Monaten nur mitlief, war sie freundlich und hilfsbereit. Wir lachten viel, verbrachten die Mittagspause zusammen und trafen uns auch mal nach der Arbeit zum Yoga oder Kochen. Doch nach der Einarbeitungsphase schlug die Stimmung plötzlich um: Meine Kollegin behandelte mich mehr und mehr wie eine Gegnerin – so wirkte es zumindest auf mich.

Je selbstbewusster ich wurde, je mehr ich mich einbringen wollte, desto mehr gab sie mir das Gefühl, ich hätte keine Ahnung von meinem Job. Ich schlug zum Beispiel vor, die Jugendlichen mehr in unsere Workshops zu integrieren, sie abstimmen zu lassen oder Gruppenübungen zu machen. Doch meine Kollegin wollte lieber bei den altbekannten Methoden bleiben, also weiter Frontalvorträge halten. Ansonsten gebe es zu viel Chaos, sagte sie. Sie gab immer weniger Aufgaben an mich ab, nahm mir sogar Arbeit weg und legte Termine mit Projektpartnern auf die Nachmittage, an denen ich nicht im Büro war. 

„Manchmal fühlte ich mich eher wie ihre Praktikantin, nicht wie die Teamkollegin.“
Lisa

Ich verstehe, dass man sich als Neue im Team Verantwortung und Vertrauen erst mal verdienen muss, aber ich durfte fast nichts selbst entscheiden. Als ich auch nach einem halben Jahr keine größeren Veranstaltungen übernehmen durfte, bekam ich sogar ein schlechtes Gewissen: Ich dachte, ich würde zu viel verdienen dafür, dass ich so wenig zu tun hatte und nur meiner Kollegin zuarbeitete. Manchmal fühlte ich mich eher wie ihre Praktikantin, nicht wie die Teamkollegin.

Lange suchte ich den Fehler bei mir: Was hatte ich falsch gemacht? Warum verhielt sich meine Kollegin mir gegenüber so unfair? Es fühlte sich an, als wäre sie neidisch auf mich oder hätte Angst, ich würde ihr den Job streitig machen.

Am Jahresende, nach knapp acht Monaten im Job, wurde es ganz schlimm. Wir hatten eine Veranstaltung an einer großen Schule geplant, Eltern, Lehrerinnen, Schüler und auch mein Chef waren da. Ich hatte viel Arbeit in den Abend gesteckt. Doch meine Kollegin tat so, als hätte sie alles ohne mich organisiert. Sie übernahm die spannenden Aufgaben, die Moderation zum Beispiel, ich durfte nur die Namensschilder an die Gäste verteilen. Man muss mir angesehen haben, dass ich genervt war, jedenfalls fragte mich mein Chef, was los sei. Ich entschied mich aber, ihn erst mal nicht einzuweihen.

Doch spätestens nach dieser Veranstaltung wusste ich, dass ich etwas an meiner Situation ändern musste. Zwar machte mir die organisatorische Arbeit im Projektmanagement Spaß, vor allem fand ich unsere Veranstaltungen für Jugendliche wichtig, aber meine Kollegin verdarb mir die ganze Freude daran. Ich war frustriert und sprach kaum noch ein Wort mit ihr.

Wie spricht man bei der Arbeit über Probleme?

Im Januar dieses Jahres fasste ich endlich den Entschluss, mit unserem Chef zu reden. Er hörte mir zu, sagte aber, er könne nicht wirklich etwas an der Situation ändern. Überrascht wirkte er auf mich nicht – ich vermute, ihm war selbst aufgefallen, wie meine Kollegin sich aufführte. Ich denke, er hat einfach abgewogen und sich gedacht, dass ich als Elternzeitvertretung eh nicht mehr lang im Unternehmen sein würde. Bis Mai, also bis zum Ende meines Vertrages, wären es aber noch fast vier Monate gewesen. Ich konnte so nicht mehr arbeiten. Noch in derselben Woche begann ich, mich nach neuen Jobs umzusehen. Ende Februar kündigte ich.

Seit März bin ich nun Projektleiterin bei einem großen Bildungsträger, dort führe ich ein Team von vier Personen. Mein Selbstbewusstsein musste ich erst wieder aufbauen, die Monate im alten Job hatten mich verunsichert und an meinen Fähigkeiten zweifeln lassen. Ich musste mir mehrmals sagen, dass ich auch durch so eine negative Erfahrung etwas gelernt habe. Ich weiß nun leider, dass nicht alle Arbeitskollegen meine Freunde sind. Aber auch, dass ich selbstbewusster sein muss, Probleme früher und direkter ansprechen sollte, und die Fehler nicht nur bei mir suchen darf."

* Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


Gerechtigkeit

Ewane ist schwarz und war bei der Polizei – so denkt er über Polizeigewalt
"Ich habe noch nie so viele blonde Menschen auf einem Haufen gesehen wie bei der Polizei."

Deutschland hat ein Rassismusdiskussionsproblem. Es gibt hier jene, die von rassistischer Polizeigewalt betroffen sind, People of Color, Menschen mit Migrationshintergrund, die genau das thematisieren wollen. Und es gibt jene, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben, nicht nachvollziehen können – und die es daher ablehnen, die Polizei unter Generalverdacht zu stellen.

Beide Seiten stehen sich derzeit scheinbar unversöhnlich gegenüber. Die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah zog in einer Kolumne unter der Überschrift "All cops are berufsunfähig"  satirisch über die Polizei her, empfahl allen Polizistinnen und Polizisten kollektiv die Arbeit auf einer Mülldeponie unter "ihresgleichen". Das führte zu Morddrohungen, einer Entschuldigung der Chefredakteurin – und der Ankündigung von Innenminister Horst Seehofer, die Journalistin anzeigen zu wollen. (SPIEGEL

Was läuft da schief im Diskurs? Und wie schaffen wir es, konstruktiv über Polizeigewalt und Rassismus zu reden? Das haben wir jemanden gefragt, der beide Seiten kennt: Ewane Makia.