Die fünfte Folge unserer Serie über Berufseinsteiger

Tom*, 28, unterrichtet an einem Hamburger Gymnasium Englisch, Politik und Geschichte. Dank eines Lehrauftrags konnte er schon vor Ende seines Studiums in den Beruf starten. Jetzt wartet er auf einen der wenigen Referendariatsplätze. Und versucht, seinen Schülern und seinen beiden Kindern gerecht zu werden.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Mein Berufsleben begann mit einem Schock. Ich hospitierte gerade an einem Gymnasium in Hamburg, im Frühjahr 2019 war das. Dort begleitete ich einen Englischlehrer, er wurde von den Kolleginnen und Kollegen und besonders von seinem Oberstufenkurs sehr geschätzt. Kurz vor Ende meines Praktikums verstarb er völlig überraschend – und der Schuldirektor bat mich, den Englischkurs zu übernehmen. Ein Referendariat hatte ich zwar noch nicht absolviert und auch meine Masterarbeit noch nicht abgegeben, über einen Lehrauftrag durfte ich aber trotzdem schon unterrichten. Mitten im Schuljahr übernahm ich also einen Oberstufenkurs – kaum zehn Jahre älter als meine Schüler, die mich nur als Praktikanten kannten.

Als Lehrbeauftragter vertrete ich andere Lehrkräfte und bin deshalb befristet an der Schule angestellt, bezahlt werde ich nach Stunden. Normalerweise arbeite ich 20 Stunden in der Woche und verdiene damit knapp 1800 Euro brutto pro Monat. Das ist etwa so viel, wie man während des Referendariats bekommt – bei der Hälfte der Arbeitszeit.

Schon im Studium wusste ich, dass man auf einen Referendariatsplatz in Hamburg lange warten muss. Viele meiner Kommilitonen sind deshalb weggezogen. Weil ich zwei kleine Kinder habe, kann ich aber nicht einfach sagen: Lasst uns nach Bremen, Berlin oder Bayern! Dass ich den Lehrauftrag bekommen habe, war also auch eine Chance, Praxiserfahrung zu sammeln.

„Vielleicht lag es daran, dass sie mich nicht als richtigen Lehrer akzeptierten.“
Tom

Die ersten Wochen waren heftig. Wer denkt, Lehrpersonal ziehe morgens nur einen Ordner aus dem Regal, liegt völlig falsch! In der Oberstufe gibt es oft keine Lehrbücher mehr, man muss sich selbst und die Schüler ständig auf dem Laufenden halten, denn auch die Abituraufgaben nehmen Bezug auf aktuelle Geschehnisse. Es war meine Verantwortung, die jungen Erwachsenen vorzubereiten. Abends, wenn meine Kinder schliefen, saß ich stundenlang am Schreibtisch, um die kommenden Unterrichtseinheiten zu konzipieren. In der Anfangszeit kam ich deshalb oft übermüdet in der Schule an.

Wirklich willkommen fühlte ich mich nicht. Morgens grüßten nicht einmal alle Kollegen zurück, wenn wir uns auf dem Schulflur begegneten. Ein echter Austausch im Team fand nicht statt, und wenn, dann erntete ich meist nur Kritik für meine pädagogischen Ansätze: Ich wollte weg von dem gymnasialen Druck, hin zu individuellen Aufgaben. Dass ich dafür im Kollegium nicht ernst genommen wurde, ließ mich ziemlich an meiner Person zweifeln. Vielleicht lag es daran, dass sie mich nicht als richtigen Lehrer akzeptierten.

Selbstzweifel und Stress

Zeit, mich mit meinen Selbstzweifeln auseinanderzusetzen, hatte ich nicht. Im Gegenteil: Ich musste selbstsicher wirken, gerade vor Klassen der Mittelstufe, die ich später übernahm. Der Moment, in dem man durch die Tür ins Klassenzimmer schreitet, ist entscheidend. Da geschehen 100 Dinge gleichzeitig: aus Smartphones schallt Musik, ein Kind turnt im Fenster, ein anderes fängt an zu weinen. Um im Notfall richtig handeln zu können, muss ich den Überblick bewahren.

Die ständige Geräuschkulisse im Klassenzimmer zerrte in den ersten Monaten an meinen Nerven, obwohl ich Lärm von meinen eigenen Kindern eigentlich gewohnt bin. Ich stand dauernd unter Strom, diesen Stress nahm ich mit nach Hause. Als ich mit den Kleinen am Ende einer besonders anstrengenden Woche mit vollem Einkaufswagen an der Supermarktkasse stand und sich ein älterer Herr vordrängelte, platzte mir der Kragen: Ich schrie den Mann an, was ihm einfallen würde, sich so rücksichtslos zu verhalten und meine Zeit zu stehlen. Super unangenehm!

Ich wollte nie einer dieser cholerischen Erwachsenen sein, schon gar nicht vor den Augen meiner Kinder. Natürlich bereue ich, dass damals eine völlig unbeteiligte Person Opfer meiner schlechten Laune wurde, trotzdem war das Erlebnis im Supermarkt ein Schlüsselmoment für mich. Ich versuchte, fortan ruhiger zu sein, zu meinen Überzeugungen zu stehen, mich aber auch mal kompromissbereit zu zeigen. Das verbesserte die Situation im Kollegium und gab mir gegenüber meinen Schülern das nötige Selbstvertrauen. Mit der Zeit lernte ich auch, einzuschätzen, wie viele Stunden Vorbereitung für welche Kurse notwendig sind, und fand so zurück zu einem gesunden Schlafrhythmus. Vor allem aber wurde mir klar, dass ich nicht ständig als Vorbild funktionieren muss.

„Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr endlich meinen Referendariatsplatz bekomme.“
Tom

Seit ich im Berufsleben stecke, Vater bin und verheiratet, vermisse ich manchmal das Gefühl der Unbeschwertheit aus meiner Jugend. Um es nicht ganz zu verlieren, arbeite ich freitagabends in einer Bar. Dann stehe ich an der italienischen Kaffeemaschine und klopfe dumme Sprüche mit meinen besten Freunden, wie zu Studienzeiten. Das klingt vielleicht komisch, aber diese Nachtschicht bedeutet ausschließlich Zeit für mich selbst. Bis ich wieder nach Hause komme und am nächsten Morgen von meinen Kindern geweckt werde.

Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr endlich meinen Referendariatsplatz bekomme, denn das würde bedeuten, dass ich entsprechend früher verbeamtet und auf lange Sicht besser besoldet werde. Sorgen um die Zukunft mache ich mir keine, ich verdiene gerade gutes Geld, habe einen Job, der mich erfüllt, und das Referendariat wird mir in absehbarer Zeit zugeteilt werden. Bis es soweit ist, unterrichte ich weiter die Klassen der Mittelstufe, denn meine Oberstufe habe ich in diesem Jahr durch das Abitur gebracht. Ich war unendlich stolz – nicht nur auf meine Schüler."

*Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem ersten Berufsjahr erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


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