Bild: Franck V./Unsplash
30 Berufe, eine Aufgabe – zu Besuch beim Future Game in einem Berlin Thinkspace.

Ich unterhalte mich mit Florian darüber, wie ein Cyborg-Weihnachtsmann im Jahr 2050 durch die Luft fliegt und Geschenke verteilt. Wir sind "Human Enhancement Advisor", beraten also Menschen, die sich durch Computerchips oder Roboterprothesen selbstoptimieren wollen. Gerade müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir Weihnachten retten können. "Nein, warte", sagt Florian, "wir pflanzen den Menschen einen Chip ein, der an Heiligabend alle einsamen Leute, zumindest in ihrem Kopf, zusammenbringt und glücklich macht." – "Geile Idee", sage ich, "so haben wir einen viel größeren gesellschaftlichen Impact."

Was klingt, als wären wir gerade auf einem ziemlich abgefahrenen Trip, ist eine Zukunftssimulation. 

Wir beschäftigen uns mit neuen oder veränderten Jobs. Gemeinsam mit drei Dutzend anderen Leuten stehen Florian und ich in einem Thinkspace in Berlin, einem offenen Raum, in den Menschen zum kreativen Austausch zusammenkommen sollen. Heute wird hier das "Future Game 2050" gespielt. 

(Bild: Maximilian Senff/bento)

Die meisten Gäste sind Coaches oder Berater in ihren frühen Dreißigern. Florian ist im Sommer mit seinem Politik-Master fertig geworden und bildet sich nun zum Innovationstrainer weiter. Wir haben uns gerade unter einer von der Decke hängenden Spielkarte, auf der unsere Rollenbeschreibung steht, kennengelernt. Das Profil des "Human Enhancement Advisors" fanden wir beide spannend: implantierte Computerchips, Sensoren, Schnittstellen, Roboterprothesen – und wir sind die Experten dafür.

Andere Leute stehen unter Karten mit den Jobs "Bee Counter", "Private Data Cleaner" und "Police Officer". Die Zukunftsrollen sollen einen möglichst guten Durchschnitt der Gesellschaft abbilden. Deswegen wurden klassische Berufe wie Koch oder Polizist mit futuristischen Visionen wie unserem Berater gemischt.

(Bild: The Future Game 2050)

Wir alle haben das gleiche Ziel: Uns innerhalb von fünf Minuten auszudenken, wie wir mit unserem Job Weihnachten retten können. Dabei sind wir nicht im Hier und Jetzt – geistig befinden wir uns im Jahr 2050, eine Star Trek-Animation auf dem Beamer hat uns dorthin gebracht.

Für mich erscheint das Szenario erstmal ziemlich skurril. 

Sich mit solchen Visionen auseinanderzusetzen, ist aber wichtig. Was heute noch absurd scheint, könnte morgen das nächste große Ding sein. Bei vielen Ideen merkt man erst später, dass sie bahnbrechend waren.

"Das Internet ist nur ein Hype", sagte Microsoft-Mitgründer Bill Gates 1993. Damit lag er nachweislich daneben. In nur 26 Jahren seit Gates‘ Fehleinschätzung hat die weltweite Vernetzung nicht nur unser Privatleben, sondern auch die Arbeitswelt ordentlich umgekrempelt.

An die Zukunft zu denken, macht oft Angst. Schon vor Jahren hatten die Menschen Bedenken, Roboter würden ihnen die Jobs wegnehmen. Bis jetzt ist dies nicht eingetreten – unsere Arbeitsfelder haben sich lediglich verlagert (SPIEGEL). Irgendwann werden wir wegen der Digitalisierung alle arbeitslos sein und am Hungertuch nagen? Nein, sagt Digitalexperte Karl-Heinz Land. Wir werden einfach nicht mehr selbst arbeiten müssen und die Zeit für Ehrenämter oder private Selbstverwirklichung nutzen können. (WirtschaftsWoche)

Die Arbeitswelt verändert sich. Technologischer Fortschritt und die Globalisierung sorgen dafür. 

Die Fähigkeiten, die Menschen am Anfang ihrer Karriere erwerben, sind nicht unbedingt die, die sie für den gleichen Job in der Zukunft benötigen. 

Im Berliner Thinkspace hören sich Florian und ich gerade die Ideen der anderen Teams an. Einige Rollenspielpaare präsentieren ihre Science-Fiction-Geschichten vor der Gruppe. Der "Private Data Cleaner" bietet den Service an, Gesichter aus Weihnachts-Familienfotos zu entfernen, auf denen man nicht zu sehen sein will. Ein Koch möchte eine Weihnachtsgans erfinden, deren Knochen man nach dem Festmahl als süße Nachspeise essen kann.

Außerdem rettet ein Polizist Weihnachten. In einer Zukunftswelt, in der es sonst nur schwebende Robocops gibt, fliegt der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten auf einem Highway im Himmel in die falsche Richtung. Die Roboter-Polizisten wollen den Weihnachtsmann deswegen abschießen. Der menschliche Polizist, einer der letzten seiner Art im Jahr 2050, installiert Windows XP auf den Polizeiservern – dadurch brechen alle Systeme zusammen. Die Robocops stürzen ab, der Weihnachtsmann überlebt. Lautes Lachen im Thinkspace.

Erfunden haben das "Future Game 2050" der Tech-Philosph Felix M. Wieduwilt und die Zukunftsforscherin Friederike Riemer. Das Spiel richtet sich vor allem an Unternehmen und Organisationen, die es in Workshops verwenden sollen. "Gerade dort fehlt es oft an zukunftsfähigen Visionen", sagt Felix. Aber auch die persönliche Auseinandersetzung mit der Zukunft ist den beiden wichtig. "Oft fühlen sich Menschen ohnmächtig und nicht in der Lage, die Zukunft mitzugestalten", erzählt Friederike, "das wollen wir ändern. Wer eine Rolle einnimmt, macht sich Gedanken und traut sich, seine Wünsche zu äußern."

Zukunftsforscherin Friederike Riemer und Tech-Philosph Felix M. Wieduwilt, die Entwickler des "Future Game 2050".

(Bild: Maximilian Senff/bento)
„Je mehr ich selbst Geschichten über die Zukunft erzähle, desto größer ist die Chance, dass sie wahr werden können.“
Zukunftsforscherin Friederike Riemer

Die Zukunftsrollen lassen offen, ob man sie in ein Szenario, wie hier in Berlin, einbettet oder sich einfach in einer größeren Gruppe darüber austauscht, wie das zukünftige Arbeitsleben aussehen könnte. "Wichtig war uns, zu zeigen, dass die Zukunft nicht einseitig ist", sagen die beiden, "es wird viele Berufe auch weiterhin geben – und es werden neue dazukommen."

Mit dieser Einschätzung sind Felix und Friederike nicht allein. Das australische Forschungsprojekt "100 Jobs of the Future" beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeit in einer zunehmend technologiegetriebenen Gesellschaft. Expertinnen und Experten haben dafür 100 potenzielle Zukunftsjobs erstellt. Darunter findet sich unter anderem der "Aged persons climate solutions consultant", ein Berater, der ältere Menschen, deren Organismus nicht mehr so robust ist, in extremem Wetter- und Klimasituationen schützen soll.

Auch ein Roboter-Ethiker steht auf der Liste der 100 Zukunftsjobs. 

Er soll sich mit ethischen Fragen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz, Robotern, Cybertechnologien und virtueller Realität befassen.

Wahrscheinlich wäre er der Gegenspieler des "Human Enhancement Advisors", den Florian und ich verkörpern. Die Diskussionen mit ihm wären wohl heftig. Inwiefern dürfen wir Menschen durch technische Hilfsmittel optimieren? Zukunftsmusik.

Aber: Es lohnt sich, sich manchmal Gedanken darüber zu machen, wie die Welt etwa im Jahr 2050 aussehen wird. Zum Beispiel bei einer Veranstaltung wie der im Thinkspace in Berlin. Oder eben einfach bei einem Bier zu Hause mit Freunden. Wissen, was in 30 Jahren sein wird, kann sowieso niemand. So war es ja auch beim Internet.


Fühlen

Ich möchte keine Gutscheine für gemeinsame Unternehmungen, danke
Denn die sind einfach keine guten Geschenke.

Caro schuldet mir seit zwei Jahren ein Eis. Hannah und Vicky müssen mich noch auf eine Kanutour einladen. Paul und Josef wollen mich seit drei Jahren in den Freizeitpark ausführen. Und mit Marina rede ich zwar schon lange nicht mehr, aber eigentlich steht da noch ein gemeinsamer Festivalbesuch aus. 

All diese Menschen haben mir mal einen Gutschein für eine gemeinsame Unternehmung geschenkt. 

Keinen davon haben wir eingelöst. Und genau deshalb sind Gutscheine für Quality-Time ein unbrauchbares Geschenk. Egal, was alle Nachhaltigkeits-Bloggerinnen und Glücks-Berater sagen.

Eigentlich gilt Quality-Time diese Weihnachten nämlich als das Geschenk der Zukunft: "Zeit statt Zeug" ist das Motto.

Selbstgemalte Gutscheine für Keksebacken, Rückenmassieren und Winterwanderungen produzieren kein CO2 (zumindest so lange, bis man dann das Auto anschmeißt) und beuten niemanden aus (außer den Verschenkenden, der auf dem Weg zum Weihnachtsessen in der U-Bahn noch schnell eine Karte bekrickelt). 

Gutschein-Geschenke stehen für die Abkehr vom Materialismus, für ein Besinnen auf Zwischenmenschlichkeit und, ganz wichtig, Achtsamkeit, weil man ja den anderen gut beobachten muss, um den perfekten, persönlichen Gutschein auszustellen.

Wie so oft, wenn etwas zu gut klingt, muss es einen Haken geben. Den gibt es auch bei Quality-Time-Gutscheinen: Mindestens die Hälfte von ihnen verfällt. 

Und so werden diese Geschenke zur größten Enttäuschung unter dem Weihnachtsbaum, seit es Socken gibt.

Denn je älter man wird, desto schwieriger werden große Unternehmungen mit Freunden, die allesamt in Beruf, Partnerschaften, Familie eingebunden sind. Ein Bier nach der Arbeit kriegt man vielleicht gerade noch so hin, alle zwei Wochen zumindest.

Die Planung eines gemeinsamen Ausflugs in den Freizeitpark aber wird zum unmöglichen Unterfangen. Je mehr Leute daran beteiligt sind, desto schlimmer: Einer setzt eine WhatsApp-Gruppe auf, der andere legt ein Doodle an. Ein Termin wird gefunden, aber dann kündigt sich die Schwiegermutter an, und das Wochenende danach hat wieder jemand Dienst. Irgendwann ist es Winter, also zu kalt für eine Kanutour, und im nächsten Frühling jährt sich der Geburtstag und ein neuer Gutschein wird verschenkt.

Quality-Time-Gutscheine sind dabei sogar noch schlimmer als normale Gutscheine. Mit einem Gutschein von Media Markt kann man sich zumindest noch irgendwas besorgen, das man sowieso braucht, Mehrfachsteckdosen oder ein Bügeleisen zum Beispiel. 

Der Quality-Time-Gutschein hingegen hat keinen reellen Gegenwert, zu dem man ihn notfalls umwandeln kann. Wer zwei Jahre nach dem Schenken seinen Freund bittet, doch statt des Kanutrips die Wäsche zu machen oder einfach ein Bügeleisen zu kaufen, stellt die Freundschaft mindestens auf eine Probe.