Studierende lassen Lucke keine Chance, VWL zu lehren.

Eigentlich sollte Bernd Lucke, Mitbegründer der AfD, am Mittwoch Studierenden der Universität Hamburg die Makroökonomie näher bringen. Aus der geplanten Vorlesung wurde ein eineinhalbstündiges Protest- und Pfeifkonzert.

Mit nüchternem Gesichtsausdruck steht Politiker und Professor Bernd Lucke 20 Minuten lang am Stehpult im historischen Hörsaal ESA B. Scheinbar unbeirrt starrt er in die Menge ihm gegenüber. Alle Sitzplätze unter der Glaskuppel sind restlos belegt. Auch dahinter stehen die Studierenden dicht gedrängt. Mehr als 500 Menschen sind im Saal.

"Nazischweine raus aus der Uni", rufen sie gemeinsam. Dann folgen weitere Parolen. Ob darunter auch ernsthafte Interessenten der Vorlesung sind? Wenn ja, dann haben sie hier keine Stimme. Die Studierenden sind hier, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Ihr Feindbild: AfD-Mitbegründer Bernd Lucke. Um kurz nach 12 Uhr soll die Wiedereinstiegsvorlesung im Fach Makroökonomie beginnen.

Bereits zwei Stunden vorher hatten knapp 300 Menschen vor dem Hauptgebäude der Universität demonstriert. Zu der Kundgebung hat der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) aufgerufen. Die Studierendenvertretung kritisiert Lucke, da er mitverantwortlich für die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland und tolerant für rechts außen sei.

Auch seine aktuelle Partei Liberal-Konservative Reformer (LKR) sei kritikwürdig, da der Landesverband Hamburg unter anderem für "Merkel muss weg"-Kundgebungen geworben habe. Zudem vertrete Lucke das Wirtschaftsmodell der Neoklassik, das einen schlanken Staat und den weiteren Abbau der Sozialsysteme fordere.

Gegen die Kritik der vergangenen Wochen hatte Lucke sich gewehrt und Belege gesammelt, die beweisen sollen, dass er sich auch als Mitglied der AfD schon gegen Rechtspopulismus in der Partei eingesetzt habe. Dem AStA hat er ein Gespräch angeboten. Es wird am Donnerstag stattfinden.

Lucke hatte sich 2014 nach der Gründung der Partei von der Uni Hamburg auf Basis des Hamburger Beamtengesetzes beurlauben lassen, um als Berufspolitiker für die AfD ins Europaparlament zu wechseln. 2015 verließ er die Partei im Streit über eine stärker nationalkonservative Ausrichtung und prangerte in der Folgezeit fremdenfeindliche und rechtsextreme Tendenzen an. Den Sitz im Europaparlament behielt er.

Er schaffte es nicht, sich mit der von ihm gegründeten Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA), die sich später in die LKR umbenannte, politisch zu etablieren. Bei der Europawahl Ende Mai kam die LKR mit Spitzenkandidat Lucke nur auf 0,1 Prozent der Stimmen.

Laut Gesetz hat er nun das Recht auf eine Rückkehr an die Uni.

Doch die Studierenden wollen ihn nicht zurück: Nach 20 Minuten bahnen sich sechs von ihnen den Weg durch die vollbesetzten Gänge des Hörsaals bis zum Podium. Bei ihm angekommen, klappen sie seinen Laptop zu und halten zwei Antifa-Banner direkt vor sein Gesicht. Er wird leicht an der Schulter angerempelt. 

Nach einigen Sekunden kommt Lucke hinter den Bannern hervor, verlässt sein Rednerpult und geht gezielt auf die vierte Sitzreihe in der Mitte des Hörsaals zu. Er deutet auf einen Platz, presst sich an den Studierenden vorbei und setzt sich in die Menge. Dort wird er die nächsten 70 Minuten bleiben. Mittlerweile sind schon die Fenster beschlagen.

Immer wieder spricht Lucke im Hörsaal mit einer Studentin, die neben ihm sitzt, lächelt kurz. Körperlich wird er nicht bedrängt. Lediglich zusammengeknülltes Papier fliegt in seine Richtung. Er bleibt die ganze Zeit ruhig.

Die Universität Hamburg bezog bis jetzt keine Stellung zur Rückkehr Luckes. Die Sprecherin des Unipräsidenten Dieter Lenzen schrieb auf Anfrage von bento, dass sich die Hochschulleitung nicht zu Personalangelegenheiten und der politischen Position ihrer Beschäftigten äußere.

Als Arbeitgeber habe die Universität die Pflicht, den Betriebsfrieden zu wahren, sagt Andreas Fisahn, Experte für Öffentliches Recht. Das könne dazu führen, dass sich die Hochschulleitung aus rechtlichen Gründen hinter Dozierende stellen muss – selbst wenn sie sich distanzieren wollen würde. 

Im deutschen Grundgesetz ist die sogenannte Wissenschaftsfreiheit verankert.

Darin ist festgeschrieben, dass jeder unabhängig von seinen politischen Ansichten frei forschen und lehren darf. Verstöße gegen die Verfassung toleriert das Gesetz jedoch nicht. Dozentinnen und Dozenten dürfen also nicht undemokratisch oder gegen den Rechtsstaat handeln. Zur Wissenschaftsfreiheit gehört auch der direkte Diskurs zwischen Dozierenden und Studierenden. (SPIEGEL)

"Wir möchten mit unserer Demonstration mit demokratischem Wesen gegen Bernd Lucke protestieren", sagt Karim Kuropka, Vorsitzender des AStA der Uni Hamburg. Zur Besetzung des Hörsaals habe man deshalb nicht aufgerufen.

Auch die Initiative Omas gegen Rechts ist vor Ort. Im Saal sprechen die Protestierenden abwechselnd durch ein Megaphon und werfen Lucke Diskriminierung und Volksverhetzung vor. Sie rufen:

„Dieser Hörsaal gehört uns und nicht Bernd Lucke!“

Eine Stunde nach Vorlesungsbeginn verdunkelt sich der Raum, alle Jalousien fahren nach unten. Es herrscht kurz Verwirrung. Die Lichtstimmung im Raum ändert sich, die Einstellung der Studierenden bleibt gleich. Sie protestieren weiter friedlich, fangen gemeinsam an, zu singen und im Takt zu klatschen. Bis zum offiziellen Ende der Vorlesung um 13:45 Uhr, an dem nur gut ein Drittel der Protestierenden den Hörsaal verlässt. 

Zehn Minuten später steht auch Lucke auf. Er geht nach vorne ans Rednerpult, nimmt sich ein Mikrofon und versucht, zu den noch anwesenden Protestierenden zu sprechen. Sofort ertönt ein schallendes Pfeifkonzert, das vom Sirenengeräusch eines Megaphons untermalt wird.

Zwei Minuten lang spricht der AfD-Gründer ins Mikrofon, ohne dass er zu verstehen ist. Seine nächste Lehrveranstaltung ist am Donnerstag. Als er den Saal durch den Seitenausgang verlässt, rufen ihm die Protestierenden hinterher: "Wir kommen wieder".

Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde Lucke nach der Vorlesung von anwesenden Polizisten bis zum Hamburger Bahnhof Dammtor begleitet. Die Polizei war aufgrund der angespannten Lage präventiv vor Ort.


Fühlen

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"Von einer gleichmäßigen Aufteilung der Elternzeit zwischen Müttern und Vätern kann nach wie vor keine Rede sein – zwar nehmen seit 2007 mehr und mehr Väter Elternzeit, doch insgesamt geht es relativ langsam voran", schreibt Katharina Wrohlich, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, in einer Studie zur Verteilung des Elterngeldes

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