"Ich hatte keinen Job, keine Wohnung, kein Geld und die meiste Zeit keinen Plan"

Berlin. Die einen wollen unbedingt in die Hauptstadt, die Sehnsuchtsstadt, in der es zwischen Mauerpark und Berghain Kiezbier und Berliner Schnauze gibt. Wer aus Berlin kommt, schimpft dann oft über den Hype und die Zugezogenen.

Wie fühlt sich das an, als junger Mensch in die Metropole zu ziehen? Und wie fühlt es sich an, wenn sich die Heimat ständig verändert?

Wir haben mit Studierenden der Berliner Universität der Künste gesprochen, die sich für ihre aktuelle Ausstellung genau diese Frage gestellt haben: Wie erlebt man die moderne Stadt?

Ausstellung "Die Stadt"

Die Ausstellung "Die Stadt" ist noch bis zum 25. März in der Galerie Ministerium für Illustration zu sehen. Gezeigt werden Gebäude-Modelle, Comics und Zeitungen der Studenten der Universität der Künste. Ihre Inspiration: neben eigenen Erfahrungen eine Holzschnittserie des belgischen Illustrators Frans Masereel, der 1925 das Porträt einer Großstadt in Zeiten der Industriellen Revolution zeichnete.

Alica Naimark, 21, aus Frankfurt
(Bild: Annika Leister)

Berlin ist ein bisschen erschlagend, es ist riesig, voller Eindrücke, die von allen Seiten auf einen einprasseln. Am Anfang ist alles aufregend und neu. Egal wo man hinkommt, irgendwas passiert. Ich fühle mich hier viel offener und freier als in meiner Heimat Frankfurt.

Als ich hergezogen bin, habe ich ständig in der U-Bahn gezeichnet. Weil überall eine Geschichte drinsteckte, weil mich die Menschen so überraschten. Nach und nach habe ich damit aufgehört. Als ich das bemerkt habe, dachte ich mir: Vielleicht gehörst du jetzt dazu.

In meinem Comic geht es um das spezielle Gefühl, fremd und frei zu sein, wenn du in eine neue Stadt kommst. Du kannst einerseits in jedem Gespräch selbst entscheiden, was du von dir erzählst, wer du sein willst. Und gleichzeitig bist du vollkommen fremd. Aber das ist nichts Schlechtes, man lernt damit umzugehen.

Hier kannst du dir die Entwürfe von Alica und allen anderen ansehen:
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Angelica Liv, 26, aus Kolumbien
(Bild: Privat)

Bevor ich 2012 nach Berlin zog, habe ich in meiner Heimat Kolumbien, Frankreich und den USA gelebt. Ich wollte in Berlin meinem Traum von Liebe, Inspiration, Musik und Aktivismus folgen. Daraus wurde am Anfang aber nichts: Ich hatte keinen Job, keine Wohnung, kein Geld und die meiste Zeit keinen Plan, was vor sich ging.

Jeder erzählte mir, dass ich hier genau richtig sei, weil Berlin "arm, aber sexy" sei. Ich habe den Berliner Lifestyle eine Weile ausprobiert, bin viel ausgegangen, habe Leute getroffen, getanzt, getrunken, Party gemacht. Aber ich finde das eher deprimierend als interessant, es ist manchmal schwer unter so vielen Hedonisten. Deswegen habe ich Deutsch gelernt, habe einen guten Job gefunden, wieder angefangen zu reisen und Geld fürs Studium zu sparen.

Ich liebe Berlin. Ich habe in den letzten fünf Jahren so viele verschiedene Phasen hier erlebt. Die Stadt überrascht mich immer wieder und verändert sich ständig. Sie verändert sich sogar so sehr, dass ich glaube, dass das Berlin der letzten 30 Jahre einfach verschwinden wird. Auch wenn ich mir das Leben hier dann nicht mehr leisten kann, glaube ich, dass Berlin auf seine Weise immer frei und roh bleiben wird.

Klick dich durch die Ausstellung:
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Konstantin Hildebrandt, 21, aus Berlin
(Bild: Annika Leister)

Ich bin in Berlin geboren und im Prenzlauer Berg aufgewachsen. Als Kind hat mich die Gegend nicht interessiert, erst als Jugendlicher habe ich mich aufs Rad gesetzt und die Stadt bewusst erkundet. Geprägt hat mich vermutlich, dass ich als Jugendlicher hier alles mitnehmen konnte. Es stecken für mich überall Erinnerungen, zum Beispiel an das alte Haus in Kreuzberg, wo wir im Sommer immer auf dem Dach gelegen haben.

Früher standen in Kreuzberg Punks auf den Plätzen und im Sommer gab es ständig Dachpartys, die ganze Nacht – heute kommt nach einer Stunde die Polizei. Alles ist ein bisschen sauberer und strenger geworden. Aber das ist okay. Es ist spannend, die Menschen zu sehen, die wegen eines Charmes herziehen, den es schon lange nicht mehr gibt.

Ich bin immer in meinem Kiez geblieben. Dort leben alle meine Freunde. Erst jetzt, wo ich im Studium neue Leute kennenlerne, komme ich da auch mal raus und entdecke den Rest der Stadt.

Lennart Nölle, 27, aus Wuppertal
(Bild: Annika Leister)

Ich bin in Wuppertal aufgewachsen und habe fünf Jahre lang in Mainz gelebt, bevor ich hergezogen bin. Dort habe ich mich wohlgefühlt, aber nach fünf Jahren fühlte sich die Stadt zu klein an. Ich wollte mehr sehen.

Auch nach fünf Monaten habe ich noch immer das Gefühl, anzukommen. Ich habe noch kein Zuhause gefunden, sondern ziehe von einer Zwischenmiete in die nächste. Was mich an Berlin gereizt hat, ist gleichzeitig das Negative für mich: Ich spüre manchmal die Angst, hier etwas zu verpassen.

Mein Comic erzählt von dem Gefühl, in der Stadt verloren zu sein und dann plötzlich seine Gruppe, seine Zugehörigkeit, zu finden. Auf magische Weise – wie bei einem übernatürlichen Geruch, der alle zusammenführt.

Pia Hamme, 24, aus Berlin
(Bild: Privat)

Ich bin in Berlin geboren und bin nur innerhalb der Stadt umgezogen. Andere deutsche Städte kenne ich eigentlich gar nicht. Sie reizen mich auch nicht, ich will meine Familie und Freunde nicht hinter mir lassen.

Als Jugendliche hatte ich solche Momente, in denen ich dachte: Geil, du lebst wirklich in Berlin! Wir konnten Bars ausprobieren, den Viktoriapark auschecken. Ich war nie krass unterwegs, da gibt es andere Kandidaten. Aber ich hatte Möglichkeiten. Du kannst hier überall dein Alles haben.

Die Entwicklung in Berlin heute sehe ich zum Teil wehmütig. Hier wird so schnell aufgebaut wie weggestampft. Freiplätze und ungenutzte Orte verschwinden, das bemerke ich immer wieder.

Ich habe in meinem Comic als anachronistischen Schauplatz eine Videothek gewählt. Früher habe ich mir mit meinen Eltern dort Disney-Filme ausgeliehen – heute gibt es Videotheken kaum noch.

Miro Denck, 27, aus Würzburg
(Bild: Annika Leister)

Ich bin in Würzburg aufgewachsen. Dort habe ich zuletzt in einer Kommune gelebt. Der Zusammenhalt dort war sehr eng, ständig hat jemand an der Tür geklingelt und wollte Kaffee trinken. Aber kreativ bin ich dort versackt. Deswegen habe ich ganz bewusst die Einsamkeit und Anonymität in Berlin gesucht.

Am Anfang habe ich in Neukölln in meinem Zimmer gesessen und gedacht: Scheiße, was machst du jetzt? Aber meine kreative Produktivität hat einen enormen Schub bekommen. Ich male viel mehr und habe wieder angefangen, Songs zu schreiben.

Ich hatte Angst, dass man hier in einen Party-Lifestyle reingedrängt wird. Aber das hat sich überhaupt nicht bestätigt. Ich bin großer Film- und Musik-Fan und kann hier jeden Film und jede Band sehen, die ich möchte. Am liebsten setze ich mich aber immer noch in Cafés und beobachte Menschen.

Lukasz Buda, 23, aus Lankwitz/Berlin
(Bild: Annika Leister)

Ich habe mit meinen Eltern in Lankwitz gewohnt, einem Vorort von Berlin. Lankwitz ist Vorstadt, schön grün, voller Rentner und Zugezogener, ein internationales Dorf. Aber die Anbindung zur Stadt hat gefehlt. Wer zur Party wollte, musste mit dem Nachtbus ewig nach Hause kurven. Man musste Einsatz zeigen, um am Leben teilzunehmen. Seit ich in Schöneberg wohne, ist das anders.

Berlin ist so groß, dass alle Menschen alles tun können. Und das geht in alle extremen Richtungen. Ich musste mich in meiner Jugend nie befreien – weil alles schon frei war.

In meinem Comic habe ich das Lankwitzer Hallenbad als Mikrokosmos gezeichnet. Es ist ein Ort, der sich nie verändert. Mein Erinnerungsort, der sicher bleibt.


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