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Im Mai 2018 bekam Lena den Anruf, der ihre beruflichen Sorgen auf einen Schlag vergessen ließ: "Herzlichen Glückwunsch, Ihr Vertrag wird entfristet." Zehn Jahre hatte die heute 35-Jährige auf diesen Satz gewartet. Acht Verlängerungen bei zwei Arbeitgebern erhielt sie in dieser Zeit. "Manchmal wusste ich zwei Wochen vor Vertragsende nicht, wie es beruflich für mich weitergeht", sagt Lena.

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts zur Erwerbstätigkeit waren 2018 rund elf Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 20 Jahren in Deutschland befristet beschäftigt. Vonn allen 20- bis 24-Jährigen hatten 43 Prozent einen befristeten Arbeitsvertrag, 21 Prozent bei den 25- bis 29-Jährigen. In den höheren Altersklassen sind es deutlich weniger. 

Liegt das an der geringen Erfahung der Berufseinsteiger? "Ob die Arbeitgeber junge Leute testen wollen, ist durchaus denkbar. Das Motiv wäre mehr als fragwürdig: Gerade junge Menschen brauchen Sicherheit", sagt Jakob Osman, Leiter der Personalmarketing-Agentur "Junges Herz".

Häufige Gründe sind saisonale Beschäftigung, Vertretung von Elternzeiten oder auch Projektarbeiten (Stellenerhebung 2018 des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufserforschung (IAB).

"Die Unsicherheit im Job ist ein enormer Stressfaktor für Betroffene", sagt Arbeitspsychologe Dieter Zapf von der Goethe Universität in Frankfurt.

Im schlimmsten Fall könne diese dauerhafte Belastung aber zu einer depressiven Verstimmung führen. Zukunftsängste können die Folge sein, denn Betroffene bekommen keinen Kredit für einen Hausbau oder haben kein sicheres Einkommen für eine Familienplanung.

Für viele Arbeitgeber haben befristete Verträge durchaus Vorteile.

Gerade in der klassischen Industrie befristen Arbeitgeber Verträge, um in wirtschaftlich schlechten Zeiten Mitarbeiter schnell entlassen zu können, sagt Jakob Osman. Denn Mitarbeiter seien der kostenintensivste Punkt für Arbeitgeber. "In der Autoindustrie sieht man dies aktuell besonders gut. Die Unsicherheit, die die Arbeitgeber haben, tragen sie leider auf den Rücken der Arbeitnehmer aus."

Zudem sparen sie Zeit bei der Personalsuche. Für die Such- und Einstellungsprozesse bei befristet eingestellten Personen brauchen Unternehmen im Durchschnitt 14 Tage kürzer als bei unbefristeten Neueinstellungen (IAB).

Wie gehen junge Menschen mit dieser Unsicherheit um? Wie leben sie mit befristeten Arbeitsverträgen?

(Bild: Privat)

Lena, 35, studierte Sozialpädagogin, war nach ihrem Studienabschluss 2008 zehn Jahre lang in befristeten Arbeitsverhältnissen. Acht Verlängerungen bekam sie in dieser Zeit. Trotzdem hat sie eine Familie gegründet.

Die ersten drei befristeten Arbeitsverträge verstand Lena noch. Bei ihrem ersten Arbeitgeber im Landkreis Grafschaft Bentheim arbeitete die damals 25-Jährige für zwei Jahre an einem Projekt. "Befristete Arbeitsverträge sind bei diesen Arbeitsverhältnissen normal", sagt Dieter Zapf. Auch gegen die einjährige Befristung nach ihrem Wechsel zu einem Bildungsträger als Kennlernphase konnte sie nichts sagen.

"Aber danach hat mein Arbeitgeber nur noch nach Gründen gesucht, meinen Vertrag nicht entfristen zu müssen", sagt Lena. Es folgten einjährige Projekte, Elternzeitvertretungen und Halbtags-Vertretungen für Kolleginnen, die ihre Stunden reduzierten.

„Ich habe mich oft gefragt, wann ich meine Entfristung bekomme. Für mich ist das eine Wertschätzung dafür, dass ich meinen Job gut mache. Die ich lange nicht bekam.“
Lena

Lena hätte sich einklagen können. Wahrscheinlich hätte sie auch gewonnen, sagt sie.

Die Konsequenz wäre aber vermutlich eine Versetzung in ein anderes Team gewesen. "Das ist eine Strafversetzung auf eine Position, die keiner haben will", sagt Lena. Finanziell hätte sie dabei keinen Schaden gehabt, nur sozial. "Der Job, das Team und die Aufgaben haben mir so super gefallen. Dafür habe ich die Befristung in Kauf genommen." Die Hoffnung auf eine Entfristung war es, die Lena die Kraft für die Unterschriften unter den neuen befristeten Verträgen gab – und die Angst vor einem Jobverlust.

Wie viele Befristungen sind erlaubt?

Arbeitgeber nutzen Befristungen, wenn sie zum Beispiel nicht wissen, wie lange sie die Stelle überhaupt besetzen können. Außerdem gibt es verschiedene sogenannte Sachgründe, die eine Befrsitung möglich machen: Wenn ein Unternehmen nur zeitlich begrenzt die zusätzliche Kraft braucht – aus Saison-Gründen (Weihnachtsgeschäft), oder weil es sich nur um eine Krankheits- oder Elternzeitvertretung handelt. Außerdem können Betriebe Berufseinsteiger, die direkt aus dem Studium oder der Ausbildung kommen auch befristet einstellen. Welchen Regeln befristete Arbeitsverträge folgen müssen, ist im Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) vorgegeben.

Aber wie lange sind Befrsitungen überhaupt möglich?

Wenn ein oder mehrere Sachgründe vorliegen, darf ein Arbeitgeber befristet einstellen – immer wieder. Auch nacheinander aus verschiedenen Sachgründen. Eine zeitliche Grenze gibt es an sich nicht, wenn der Arbeitgeber es aber übertreibt, kann das Gericht einen Missbrauch der Regelung vermuten: In einem Fall, in dem eine Frau in elf Jahren 13 Vertragsverlängerungen hatte, entschied das Gericht zugunsten der Frau (Bundesarbeitsgericht). Wenn aber kein Sachgrund vorliegt, dann darf ein Unternehmen eine Arbeitnehmerin maximal zwei Jahre befristet einstellen – und innerhalb dieser zwei Jahre auch nur drei Mal den Vertrag verlängern.

Nach fünf Jahren im Job dachte Lena über eine Familie nach. Trotz der Befristung und der Unsicherheit. 

Die Möglichkeit auf eine Entfristung gab es noch nicht, "aber die sogenannte biologische Uhr tickte und ich wollte nicht erst mit Mitte 30 schwanger werden", sagt Lena. 

Doch Lena hatte Angst. "Das war ein großes Risiko. Viele Verträge von Kollegen wurden während der Elternzeit nicht verlängert", sagt Lena. Sie habe immer im Hinterkopf gehabt, dass sie bei einem Jobverlust das Recht auf Arbeitslosengeld hat. Sie blieb optimistisch: "Familie geht vor Job."

(Bild: Privat)

Melanie, 29, ausgebildete Immobilienkauffrau, arbeitete seit 2015 in drei Unternehmen. Alle Arbeitsverträge waren befristet. Ihr aktueller Vertrag läuft bis Sommer 2020.

"In meinem ersten Job als Sacharbeiterin bei einer Genossenschaft wusste ich, dass ich nicht bleiben kann. In dem Unternehmen schloss ich meine Ausbildung ab. Sie befristeten mich für zwei weitere Jahre als Vertretung für eine Mitarbeiterin", sagt Melanie. Als Berufseinsteigerin mit 25 Jahren sei sie damals froh gewesen, nach Tarif bezahlt zu werden und nette Kollegen und Kolleginnen zu haben.

„Ich war jung und die Hauptsache war es, viel Geld zu verdienen.“
Melanie

Heute, mit 29 Jahren, denkt Melanie anders. "Ich werde bald 30, bin nicht verheiratet und wohne nicht mit meinem Freund zusammen." Mit dem befristeten Arbeitsvertrag kann sie ihre Zukunft nicht planen. Sie bekomme keinen Kredit, könne sich kein Haus kaufen und ein Kind bekommen sei einfach nicht drin, sagt Melanie. Auch ihr Freund, zehn Jahre älter als sie, ist befristet angestellt. Der Beziehung schadet es nicht – noch nicht.

Melanie und ihr Freund denken oft über die Zukunft nach. Aber sie wissen auch, dass ihre Pläne niemals konkret werden können, wenn sich an ihrer aktuellen Situation nichts ändert. Selbst ein Umzug in eine gemeinsame Mietwohnung wäre ihr zu riskant. "Ich habe derzeit das Glück, eine echt günstige Wohnung zu haben. Zieht man zusammen, will man ja auch etwas größeres und schickeres haben. Wenn dann ein Gehalt wegfällt, hat man ein Problem."

Die Angst vor Arbeitslosigkeit begleitet Melanie täglich. Trotzdem möchte sie ihr verdientes Geld nicht nur sparen. Sie möchte sich auch mal etwas gönnen. Ins Kino gehen oder in den Urlaub fahren zum Beispiel. Dafür versuche sie, ihre Fixkosten sehr gering zu halten, sagt Melanie.

Auf der Arbeit hat Melanie das Gefühl, sich jeden Tag neu beweisen zu müssen.

Man sei gezwungen, mehr zu leisten und müsse immer 120 Prozent geben. Bei ihrem zweiten Arbeitgeber in einem Call-Center traute sie sich nicht mehr, auf die Toilette zu gehen. Sie wollte ihre Aufgaben so schnell wie möglich erledigen. "Ich hatte Angst, dass der Vertrag sonst nicht verlängert wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich das Ziel vom Vortag übertrumpfen muss", erinnert sich Melanie.

Nach der Arbeit konnte sie nicht mehr abschalten. Sie fühlte sich ausgelaugt und hatte das Gefühl, dass ihre Leistung an einem Punkt stagnierte. Ihre Freunde hat sie in dieser Zeit kaum gesehen, nach Feierabend hatte sie einfach keine Lust mehr, sich zu unterhalten oder über etwas nachzudenken.

So wie Melanie geht es vielen Arbeitnehmern mit befristeten Verträgen, sagt Arbeitspsychologe Dieter Zapf. 

Laut Zapf glauben viele Führungskräfte, dass Arbeitnehmer mit unbefristeten Arbeitsverträgen bequem werden und die Motivation sinkt. Umgekehrt hieße das: Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen strengen sich mehr an, um Anschlussverträge zu bekommen.

Doch das Gegenteil trete ein. "Wir nennen das den psychologischen Vertrag. Das sind Dinge, die im eigentlichen Vertrag nicht festgelegt sind. Sie zeigen, dass mich die Gegenseite wertschätzt und Gerechtigkeit herrscht", sagt Zapf. Das sei bei einer Befristung nicht der Fall, deswegen sinke die Zufriedenheit und damit die Leistung. 

Melanies aktueller Vertrag bei einem Unternehmen im öffentlichen Dienst läuft im Sommer 2020 aus. Doch ihr war eine Entfristung nach einem Jahr versprochen worden.

"So war es zwar bei meinem alten Job im Call-Center auch, aber dieses Mal bin ich optimistisch". Ende des Jahres geht eine Mitarbeiterin in Rente, deren Stelle Melanie übernehmen soll.

*bento hatte Einsicht in einige der Verträge


Gerechtigkeit

Liebe? Bitte nur mit Deutsch-A1-Niveau

Die Sprache der Liebe ist universell. Außer, man verliebt sich in eine Person aus Deutschland, dann ist die Sprache der Liebe Deutsch, auf dem Niveau A1.

Denn wer aus dem Ausland zu seinem Ehepartner oder der Ehepartnerin nach Deutschland ziehen will, muss seit 2007 Sprachkenntnisse nachweisen. Mit einem Deutschtest beim Goethe-Institut oder einer anderen anerkannten Organisation. (BAMF)

Im vergangenen Jahr kamen 58.563 Menschen über den Ehegattennachzug nach Deutschland (Auswärtiges Amt). Versucht hatten es noch mehr: Aber knapp 16.200 Ehepartner scheiterten.

Jeder dritte Partner fällt durch den Sprachtest. bento hat mit zwei von ihnen gesprochen. Ahmed und Michaela Elkoumi trennte der Sprachtest mehrere Monate lang. Bennys* junge Familie lebt noch immer nicht zusammen.