Nur Bares ist Wahres? Quatsch! Wir bezahlen Kaugummi im Supermarkt mit Karte, überweisen Freunden Geld via PayPal und wissen: Der Notfall, für den wir richtig viel Bargeld sofort benötigen, wird vermutlich nie eintreten. Und trotzdem bunkern wir größere Mengen an Bargeld zu Hause – unter der Matratze und zwischen Bücherseiten im Regal.

Die Deutschen erhöhten im ersten Quartal 2019 ihre Bestände an Bargeld in Milliardenhöhe, teilte die Deutsche Bundesbank in der vergangenen Woche mit. Ende März hatten sie 244 Milliarden Euro in Bargeld zur Verfügung. Das sind 23,4 Prozent mehr Bargeld als noch im ersten Quartal 2018. In absoluten Zahlen macht das 17,7 Milliarden aus.

Und es ist nicht nur die Oma, die ihr Erspartes in der Keksdose aufbewahrt. Auch viele junge Menschen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind, horten Bargeld. Davon haben sie uns erzählt.

Warum wird auch im digitalen Zeitalter noch Bargeld zu Hause gehortet, und woher kommt diese Angewohnheit?

Klaus Kraemer ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Uni Graz und beschäftigt sich mit der Soziologie des Geldes. Er sagt, dass einige Menschen das Gefühl hätten, einen besseren Überblick über ihre Finanzen zu haben, wenn die Euros als Bargeld zu Hause lägen. Misstrauen gegenüber Banken könne auch ein Grund sein. "Ich kann bezahlen, auch wenn die Bank geschlossen oder pleite ist, und ich kann zahlen oder Geld verschenken, ohne dass ich dabei Datenspuren hinterlasse", sagt Kraemer. Bargeldloses Bezahlen mit einer App würde beliebter, aber während einer Finanzkrise könne sich das schnell ändern, vermutet er. Dann wolle man sich eher nicht an solche Zahlungssysteme binden und lieber selbst über sein Geld verfügen.

Kraemer sieht noch mehrere Gründe: "Unsere Vermutung ist, dass man sich das Verhalten abschaut." Sprich: Die Eltern horten Bargeld zu Hause, also übernehmen wir als Kinder das auch. Geld sei nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern eingebettet in bestimmte kulturelle und soziale Praktiken. Man lerne den Umgang mit Geld von klein auf. "Was man immer schon so gemacht hat, hinterfragt man nicht und setzt es fort."

In einem Forschungsprojekt fanden Kraemer und sein Team heraus, dass die große Mehrheit der Befragten nicht weiß, wie unser Geldsystem funktioniert. "Geldmythen sind in der gesamten Gesellschaft weit verbreitet", so Kraemer. Die Menschen glaubten, dass Geld einfach durch das Drucken entstehe, und dass Kredite durch Bargeld, das irgendwo lagert, gedeckt sei. Ob diese Unwissenheit und der Wunsch nach Bargeldbesitz zusammenhingen, kann Kraemer nicht mit Sicherheit sagen.

Wir haben mit zwei jungen Menschen gesprochen, die viel Bargeld zu Hause aufbewahren, und sie gefragt, warum sie das tun.

Konstantin, 23, versteckt Geld von seinen Eltern in Büchern und Küchenschränken

(Bild: privat)

Das Gehalt, das ich bei meinem Nebenjob verdiene, fließt auf mein Konto. Zusätzlich unterstützen mich meine Eltern während des Studiums monaltich mit 300 Euro. Mein Vater ist überhaupt kein Freund von Überweisungen. Er meint, dass es weder seine Bank noch sonst irgendjemanden etwas angehe, wo sein Geld hinfließe. Er bezahlt neue Fernseher, Computer, große Familieneinkäufe oder Urlaube bar. Und er besteht darauf, mir mein Geld ebenfalls bar zu geben. Am Monatsanfang fahre ich deshalb in die Heimat und nervös mit ein paar Hundert Euro in der Tasche wieder zurück. Wenn ich in meiner Studentenstadt ankomme, bin ich meist zu faul, das Geld zur Bank zu bringen. Daher habe ich viel Bargeld zu Hause, das ich an verschiedenen Orten in der Wohnung verstecke – aus Angst vor Einbrechern. Es lagert zwischen Buchseiten, in Schubladen, Küchenschränken und dem Kleiderschrank. Ich hoffe, dass ein Einbrecher nur ein Versteck finden würde und sich mit dem Geld dort zufrieden gibt.

Ich verstehe das Verhalten meines Vaters. Je mehr man mit Karte zahlt, desto mehr wird man zum gläsernen Menschen. Wenn man einen größeren Schein aus dem Geldbeutel holen muss, fühlt es sich viel realer an. Bei Barzahlungen behält man besser den Überblick, wie viel Geld man gerade ausgibt. Es wäre trotzdem einfacher, wenn er mir mein Geld überweisen würde. Aber ich beschwere mich nicht, ich bin ja dankbar für das Geld. Meinen eigenen Kindern werde ich erklären, warum ich kleinere Beträge gerne bar bezahle, aber regelmäßige Zahlungen werde ich ihnen sicher überweisen.

Im Alltag bezahle ich größere Beträge häufig mit EC-Karte oder hebe unterwegs am Bankautomaten Geld ab. Vor drei Wochen habe ich meinen Kontostand gecheckt und war erschrocken über die niedrige Zahl. Lebe ich zu verschwenderisch? Dann wurde mir klar, dass der größte Teil davon zu Hause in Büchern, Schubladen, Küchenschränken und dem Kleiderschrank lagert. Es hatten sich knapp 2000 Euro angesammelt. Mein Konto wurde immer leerer, während meine Wohnung immer voller wurde.

Heute morgen habe ich dann endlich mal wieder all mein Bargeld zusammengesucht und zur Bank gebracht. Der Kreislauf beginnt vermutlich wieder Anfang August, wenn mein Vater mir das nächste Mal mein monatliches Geld in die Hand drückt.

Jannik, 22, hortet sein Geld in bunten Umschlägen

(Bild: privat)

Ich studiere Wirtschaftswissenschaften und sollte es eigentlich besser wissen, aber ich lagere trotzdem mein Geld zu Hause. Ich habe ein System von farbigen Umschlägen, um Geld zu sparen, anstatt es auf einem Konto zu lagern. Ein roter Umschlag für langfristige Anlagen. Ein gelber Umschlag für Geld zum Verschleudern. Ein Weißer für laufende Ausgaben. Und ein Grüner für Urlaub und Festivals. Dazu kommt noch eine kleine Schatztruhe, die ich vor einigen Jahren zum Geburtstag als Geschenkedekoration bekommen habe. In ihr lagere ich auch hin und wieder kleine Beträge, die ich oft vergesse.

Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Mit dem System habe ich nach meiner Ausbildung begonnen. Von dem Geld auf meinem Konto bezahle ich die Miete, aber alles andere entnehme ich meinen Umschlägen. In jedem von ihnen habe ich einen Zettel, auf dem ich notiere, wann ich wie viel Geld reinpacke und wieder rausnehme.

Es ist wie in einer Quiz-Show, bei der sich die Teilnehmer für einen Umschlag entscheiden müssen: Am Anfang des Monats lasse ich mir in der Bank das Einkommen meiner Gelegenheitsjobs auszahlen, dann baue ich die Umschläge in einer Reihe auf und teile auf. Ich möchte dem Staat oder anderen Behörden nicht zeigen, wie viel Geld ich besitze. Ich habe kein großes Vermögen, aber ich will es trotzdem nicht irgendwann offenlegen müssen. Woher diese Ablehnung kommt, weiß ich nicht.

Engere Freunde, die von meinem System wissen, belächeln es und verstehen es nicht. Das Bargeld zu Hause zu horten, ist irgendwie ein deutsches Ding. Ich glaube, viele Jüngere lagern Bargeld zu Hause als Notgroschen, da das bereits ihre Eltern so gemacht haben.

Konstantin und Jannik sind nicht die einzigen Bargeldsammler:

Laut einer Umfrage der Postbank verwahren sieben Prozent der Deutschen Geld zu Hause. Fast jeder zehnte Befragte zwischen 16 und 29 Jahren habe 1000 Euro und mehr zu Hause. (FAZ)

Eine andere Umfrage der Deutschen Bundesbank zeigt, dass 88 Prozent der Deutschen auch in Zukunft mit Bargeld bezahlen wollen. In Schweden hingegen wird fast nur noch online, mit Kreditkarten oder Bezahl-Apps bezahlt. Sogar in Kirchen wird die Kollekte bargeldlos entgegen genommen (SPIEGEL ONLINE). Warum sträuben sich die Deutschen so gegen die Abschaffung des Bargelds?

In den beiden Ländern gebe es unterschiedliche Geldkulturen, so Kraemer, der Experte von der Uni Graz. Typisch für die schwedische Gesellschaft sei ein Grundvertrauen in den Staat, die Banken und das Finanzsystem. "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man dort voll transparent auch gegenüber der staatlichen Ordnung bezahlt. In Deutschland, Österreich und Südeuropa gibt es viel mehr Misstrauen", sagt er. Dort schätzten es viel mehr Menschen, unabhängig von Banken über Geld direkt zu verfügen.

Stark zugenommen haben aber auch bargeldlose Transaktionen. Google und Apple bieten inzwischen Bezahldienste fürs Smartphone. Dass wir in ferner Zukunft alles damit bezahlen, glaubt Kraemer nicht. Das Problem: Würden die Deutschen nur noch mit Apple Pay bezahlen, machten sie sich abhängig von diesem Unternehmen. Bei einer Krise von Apple könne vielleicht nicht mehr bezahlt werden. Der Kunde müsste dann wieder auf die herkömmlichen Kreditkartendaten, die er zum Beispiel bei Apple hinterlegt hat, zurückgreifen. 

Kraemers Vision: In Zukunft solle jeder das Recht haben, ein eigenes Konto bei der Zentralbank zu führen. Dieses digitale Geld wäre dann ebenso auf dem Smartphone abzurufen, aber es wäre sicherer gegenüber Bankenkrisen.

Wir haben den Satz "Der Kunde müsste dann wieder auf die herkömmlichen Kreditkartendaten, die er zum Beispiel bei Apple hinterlegt hat, zurückgreifen" zur Präzision im Artikel ergänzt, da es sich bei Apple Pay nicht um eine eigene Bank handelt. 


Fühlen

Ich kaufe meine Klamotten bei Primark – na und?

Nichts scheint im Moment wichtiger zu sein als das Thema Nachhaltigkeit. Nahezu missionarisch wird jeder zu einem fairen Lifestyle bekehrt: Statt Plastikstrohhalmen haben wir jetzt etwa Spaghettihälmchen im Drink, statt mit dem Auto sollen wir lieber mit dem E-Scooter zur Arbeit und auf gar keinen Fall dürfen wir, niemals wieder: fliegen. Schande über jene Unmenschen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit nicht mit vollster Hingabe fügen. 

Ich bin in den Augen vieler einer dieser Unmenschen: 

Weil ich Fast Fashion trage, also schnell und günstig – und nicht ethisch einwandfrei – produzierte Kleidung, zum Beispiel von H&M oder Primark. 

Dafür ernte ich oft böse Blicke. Aber warum ist das eigentlich so?

Welche weiteren Vorteile Fast Fashion in meinen Augen hat, seht ihr oben im Video.