Bild: dpa / Bodo Marks

Ausgefallene Züge, stundenlange Verspätungen: Am Montagmorgen hat ein Warnstreik große Teile des Zugverkehrs lahmgelegt. Die Folge: wütende Pendler und genervte Reisende. Ihren Frust haben diese dann entweder auf Twitter oder im Reisezentrum der Bahn ab – oder beim Zugpersonal. Wir haben einen Zugbegleiter gefragt, wie es sich anfühlt, den geballten Hass des Bahnstreiks abzukriegen.

Worum es bei dem Streik ging:

Die Verkehrsgesellschaft EVG hatte ihre Mitglieder dazu aufgefordert, die Arbeit niederzulegen. In der EVG sind sowohl Teile des Zugpersonals als auch Mitarbeiter von Werkstätten und Stellwerken. Gemeinsam sind sie also sehr wichtig für den Bahnbetrieb. So wichtig, dass die Deutsche Bahn zwischen 5 und 9 Uhr aus Mangel an Personal den Fernverkehr komplett einstellen musste. Auch einige Regionalstrecken waren betroffen, genau wie Züge anderer Unternehmen. 

Der Warnstreik war ein Zeichen der Gewerkschaft an die Deutsche Bahn und soll ihre Forderungen in den Tarif-Gesprächen unterstreichen. Denn die Gewerkschaft fordert mehr Geld für die rund 160.000 Beschäftigten der Deutschen Bahn.

Leon ist 25 und arbeitet seit sechs Jahren als Zugbegleiter für die Deutsche Bahn. 

Während der Ausbildung war er im Regionalverkehr tätig, inzwischen im Fernverkehr. Am Montag hatte er Frühdienst und blieb mit einem ICE Richtung Norddeutschland auf halber Strecke stecken. Wir haben ihn gefragt, wie er den Streik erlebt hat. Leon heißt eigentlich anders. Er möchte anonym bleiben, seiner echter Name ist der Redaktion bekannt.

Wie war der Streikmorgen für dich?

Ich war überrascht, dass der Streik so krasse Auswirkungen hatte. Keiner von uns, die nicht in der EVG sind, hat damit gerechnet, dass der Streik erstens wirklich kommt und dass zweitens der Zugverkehr in ganz Deutschland so zum Erliegen kommt. Wir hatten alle eher mit kleinen Beeinträchtigungen gerechnet. 

Auf der Strecke hieß es dann plötzlich, dass wir stehen bleiben müssen, weil das Personal des Stellwerks streikt. Ich machte also eine Ansage, erzählte den Leuten, warum wir halten müssen und dass es frühestens gegen 9 Uhr – also mehr als zwei Stunden später – weitergeht, weil dann erst der Streik beendet ist. 

Was waren die Reaktionen der Fahrgäste?

Viele wollten wissen, wie es weitergeht, aber ich konnte nicht mehr sagen, weil ich selber nicht mehr wusste. Das war für mich natürlich auch unbefriedigend. Ich hätte meinen Fahrgästen gerne weitergeholfen. 

Ich habe extra herumtelefoniert, um herauszufinden, ob es andere Verbindungen gibt, aber da ließ sich nichts machen – was mir einige Fahrgäste nicht glaubten. Sie verließen den Zug, kamen irgendwann zurück und warfen mir dann vor, dass alles, was ich ihnen erzählt hatte, nicht in der App gestanden hätte. Aber darauf habe ich ja gar keinen Einfluss.

Manche argumentieren in solchen Situationen damit, sie seien Vielfahrer und diese ständigen Verspätungen gingen einfach gar nicht, aber ich kann dagegen ja nichts tun. 

Ich habe dann einfach versucht, das Beste draus zu machen. Wir haben eine kleine gratis Kaffeebar im Bordbistro aufgebaut, um den Menschen wenigstens etwas entgegenzukommen.

Warum hast du nicht gestreikt?

Wir haben bei der Bahn zwei Gewerkschaften – die GDL und die EVG. Ich selbst bin schon seit meiner Lehre in der GDL, deshalb war ich dieses Mal nicht zum Streik aufgerufen. Ich kann den Streik verstehen, denn ich finde es richtig, ein Zeichen zu setzen und dem Arbeitgeber zu sagen: So geht es nicht. Für unsere Verantwortung ist der Verdienst im Vergleich zu anderen Ländern deutlich zu niedrig. 

Ich habe durch den Streik gemerkt, wie es den Kollegen ergangen sein muss, als die GDL vor einigen Jahren gestreikt hat. Allerdings habe ich mich in dieser Rolle sehr unwohl gefühlt.

Warum?

Ich habe das Gefühl, der Streik hätte jetzt gerade nicht sein müssen. Es ist gerade eine Zeit, wo bei der Deutschen Bahn ohnehin viel schief läuft. Es ist ja beispielsweise bekannt, dass nur etwa jeder fünfte ICE komplett in Ordnung sind, der Rest hat irgendwelche Defekte. (SPIEGEL ONLINE)

Ich bin es also gewohnt, dass ich zum Dienst komme und mir erstmal erzählen lasse, was der jeweilige Zug für Probleme hat: Speisewagen defekt, in dem Abteil geht die Beschallung nicht, im letzten Zugteil funktionieren die Reservierungsanzeigen nicht und so weiter. 

Das bedeutet für mich und meine Kollegen viel Konfliktpotenzial mit den Fahrgästen. Wenn man dann auch noch bedenkt, wie viel Gewalt es gegen Zugpersonal gibt, gießt ein Warnstreik mitten in der Adventszeit meiner Meinung nach nur Öl ins Feuer.

Wie kommt es, dass Fahrgäste oft respektlos mit dem Zugpersonal umgehen?

Viele haben nur ihre eigene Situation im Blick, nicht die von allen anderen. Zum Beispiel der Fahrgast, der Bahn-Comfort-Kunde war und von mir verlangte, meine Kontrollrunde abzubrechen und jetzt sofort mit ihm gemeinsam zu den entsprechenden Plätzen zu gehen und zu kontrollieren, ob da auch wirklich nur Bahn-Comfort-Kunden sitzen – anstatt die Menschen einfach selbst anzusprechen. Oder die Jugendlichen, die mich angriffen, weil ich sie beim Schwarzfahren erwischt habe. 

Vielen Leuten fehlt der normale menschliche Respekt uns gegenüber. Da steht dann nicht eine Person vor ihnen, sondern "der Schaffner" und an dem lassen sie dann ihren Frust aus. Nach dem Motto: Der muss da jetzt durch, der hat sich schließlich für den Job entschieden. 

Wie fühlst du dich in solchen Momenten?

Ich fühle mich in solchen Momenten sehr klein. Gerade Vielfahrer, die schick angezogen sind und womöglich einen guten Job und viel Geld haben, vermitteln mir oft: Du bist nichts, du kannst nichts, ich habe schon alles mögliche geleistet, aber wer bist du denn als kleiner Schaffner, du hast mir gar nichts zu erzählen. Ich frage mich dann oft, warum Menschen so etwas zu mir sagen. Die kennen mich doch gar nicht, wissen nicht, wie ich lebe oder was ich getan habe, um diesen Job zu bekommen. 

Ich versuche, sowas auf der Arbeit zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen. Ich sage mir dann: Der meint nicht dich, sondern deine Uniform und die Position, die du gerade hast. Aber es gibt Situationen, in denen das sehr schwer ist. Eine Kollegin, die ich immer als sehr stark erlebt habe, hatte im Sommer einen Nervenzusammenbruch, nachdem sich ein Fahrgast bei ihr auf extremste Art über eine kaputte Klimaanlage ausgelassen hat. 

Was müsste sich ändern?

Es muss von Arbeitgeberseite etwas dafür getan werden, dass die Wertschätzung der Leute wieder steigt. Und zwar dadurch, dass mal alles gut funktioniert, damit wir nicht ständig Fehler ausbaden müssen. 

Der Arbeitgeber redet über Themen wie neues Geschirr im Bordbistro – aber wir brauchen funktionierende Züge, wir brauchen neue Züge und wir brauchen Personal! Solange das nicht geändert wird, entsteht beim Personal immer mehr Unmut.

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