"Ich habe immer wieder Plan D und Plan E aufgestellt, nur, um dann alle wieder zu verwerfen"

Heimfahren oder bleiben, abbrechen oder durchziehen? Tausende Studierende haben auch in diesem Herbst ein Auslandssemester geplant. Im Jahr 2017, so die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts, studierten über 140.000 Deutsche in anderen Ländern. Doch 2020 können viele ihren Plan wegen Corona nicht ohne Probleme umsetzen. 

"Diese Studierenden wissen überhaupt nicht, ob das, was sie heute planen, morgen auch noch gilt", sagt Harald David vom International Office der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Bekommen sie einen Flug? Wird das Flugzeug überhaupt auch abheben? Wenn ja, dürfen sie einreisen? Müssen sie in Quarantäne? Und wie wird das Uni-Angebot vor Ort aussehen?"

Nicolai ist einer derjenigen, die ihren Plan trotz der Unsicherheiten durchziehen wollen. Der 23-Jährige studiert Umweltingenieurwissenschaften im Master an der RWTH Aachen. Schon im Bachelor war er mit dem Erasmus-Programm in Vilnius, Litauen. "Es war die beste Zeit meines Lebens", sagt Nicolai, "ich war davor sehr introvertiert und habe mich dort um 180 Grad gedreht." Also bewarb er sich in seinem Masterstudium für ein Auslandssemester in Porto, Portugal.

Nicolai studiert in Aachen, will jetzt nach Portugal.

(Bild: Privat)

Im April bekam Nicolai eine Mail von seiner Uni, mit dem Angebot, das Auslandssemester auf das kommende Jahr zu verschieben. In diesem Fall müsste er sich im Sommersemester nicht mehr neu bewerben. Auch andere Unis handhaben das so.

Viele Studierende nehmen dieses Angebot an – vor allem diejenigen, die ein Auslandsemester außerhalb Europas machen wollten. An der RWTH wurden 95 Prozent der außereuropäischen Aufenthalte verschoben oder gleich ganz abgesagt, teilt die Uni mit. Nicolai wollte sein Auslandssemester aber nicht verschieben.

"Wenn ich verschoben hätte, dann hätte ich in diesem Semester noch Klausuren in Aachen schreiben müssen", erklärt er, "und dann wären nur noch wenige Credits übriggeblieben, die ich in Porto hätte leisten können." Dass er aber auch im Ausland seine Leistungen angerechnet bekommt, sei von Anfang an eine Bedingung für ihn gewesen, überhaupt ein zweites Erasmus-Semester zu machen. "Mein Spaß-Semester hatte ich ja schon", sagt er.

Ida, 22, hat sich für das Verschieben ihres Auslandsaufenthaltes entschieden. Die Judaistik-Studentin aus Freiburg wollte ursprünglich aber auch nicht in Europa bleiben, sondern nach Israel an die Hebrew University gehen. Schon immer ein Traum von ihr: "In Israel trifft man die unterschiedlichsten Menschen mit jüdischem Glauben – ultraorthodoxe genauso wie säkulare", sagt sie.

Judaistik studieren – und Jerusalem nicht sehen? 

(Bild: Sander Crombach / Unsplash / cc 0)

Mit dem Coronavirus geriet der Plan ins Wanken. Israel war eines der ersten Länder, das seine Grenzen dicht machte. "Da war mir klar: Mir bleiben wohl wenig Chancen", sagt Ida. Die Uni Freiburg hat Ida angeboten, dass sie die Nominierung für ihren Auslandsplatz verschieben könne. Seitens ihrer Heimatuni hat sie den Platz für nächstes Jahr also sicher, an der Hebrew University und für ein Stipendium muss sie sich aber nochmals bewerben.

Ida beschreibt sich als einen Menschen, der viel und gerne plant. Schon jetzt, im vierten Semester ihres Bachelors, weiß sie, dass sie danach im Master an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg studieren möchte. Das Coronavirus zwang sie, ihre Pläne völlig neu zu denken. "Ich habe immer wieder Plan D und Plan E aufgestellt, nur um dann alle wieder zu verwerfen", beschreibt sie die letzten Monate, "das hat mich wirklich belastet."

Ida, Judaistik-Studentin aus Freiburg.

(Bild: Privat)

Denn mit der Verschiebung ihres Auslandssemesters ist klar, dass aus den ursprünglichen Plänen nichts wird. Ihr Bachelorstudium wird sich nun länger ziehen, Ida hat nun ein ganzes Jahr, dass sie irgendwie füllen muss. In diesem Jahr will sie weitere Sprachen lernen – vielleicht Aramäisch, Griechisch, Latein – und in ihrem Bachelor alles soweit fertig machen, dass sie nach ihrem Israel-Aufenthalt direkt in den Master starten kann. "Ich kann damit jetzt gut leben."

Die Unis stellt das massenweise Aufschieben der Auslandssemester vor eine Herausforderung. "Die neue Bewerbergeneration ist damit konfrontiert, dass viele auf ihren Plätzen sitzen, die eigentlich schon in diesem Jahr fahren wollten", sagt Harald David von der LMU München.

Gleichzeitig wird das Platzkontingent wohl eher schrumpfen statt erweitert zu werden. Das hat auch damit zu tun, dass eine ganze Generation von ausländischen Studierenden fehlt. Denn wenn etwa ein nordamerikanischer Student nach Deutschland kommt, bezahlt er an seiner Heimatuni weiter Studiengebühren und finanziert damit auch das Studium eines Deutschen, der im Ausgleich an seine Uni kommt. "Wenn die Partner keine eigenen Studierenden mehr zu uns schicken können, können sie auch von uns niemanden mehr aufnehmen", erklärt David. Die Folge: Schon jetzt musste der Auslandskoordinator die Bewerbungen für einige Partnerunis stoppen, etwa für die University of Toronto oder die Queensland University im australischen Brisbane. Solange von dort keine Studierenden nach München kommen, geht das umgekehrt auch nicht mehr.

Bin ich schon im Ausland? Oder ist das nur ein Zoom-Call?

Auch im Wintersemester setzen viele Unis noch auf Vorlesungen per Livestream und Seminare per Zoom. Zumindest theoretisch denkbar ist daher eine weitere Variante: An der Auslandsuni studieren, aber online von zu Hause aus. "Was mit einem Auslandssemester nicht mehr viel zu tun hätte", sagt selbst Auslandskoordinator Harald David.

Beim Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) wirbt man für diese Variante. "Der Digitalisierungsschub durch Corona wird bleiben", sagt Stephan Geifes, Direktor der Nationalen Akademie für EU-Hochschulzusammenarbeit. "Wer dann ein Auslandssemester zu digitalen Bedingungen gemacht hat, der zeigt, dass er auf der Höhe der Zeit ist." Das virtuelle Auslandssemester als Zusatzqualifikation.

Doch: "Der Wille unter den Studierenden, das Semester komplett von zuhause aus zu machen, ist überschaubar," sagt Geifes. Deshalb gibt es auch die Option der sogenannten "Blended Mobility": Erstmals ist es Erasmus-Studierenden im Wintersemester möglich, ihr Auslandssemester virtuell zu beginnen und erst später tatsächlich ins Gastland zu reisen. Sobald man im Ausland ist, wird der Aufenthalt dann mit dem Erasmus-Stipendium gefördert. Ob im Ausland im Präsenzstudium oder online gelernt wird, ist dabei egal.

Auch eine Idee für die Post-Corona-Zeit? "Die Option auf eine Online-Auslandserfahrung könnte den Austausch für diejenigen öffnen, die sonst gar nicht die Mittel dafür hätten", sagt LMU-Auslandsexperte Harald David: Wer sich einen teuren Flug nicht leisten könnte oder wer es sich anfangs nicht zutraue, für ein Jahr in ein fremdes Land zu gehen, der könne auf diese Weise trotzdem einen Einblick bekommen. Als neue Kategorie für ein neues Klientel kann er sich das Online-Auslandsstudium deshalb vorstellen, "aber nicht als Ersatz für einen richtigen Austausch. Wer wirklich ins Ausland will, der wird das auch weiterhin machen."

Im Zoom-Meeting studieren geht noch – aber Freunde finden?

(Bild: Charles Deluvino / Unsplash / cc 0)

So geht es auch Nicolai, dem Ingenieursstudenten von der RWTH Aachen. "Bei einem Auslandssemester ist mir am wichtigsten, Menschen aus verschiedenen Ländern, mit einem anderen Hintergrund und einer anderen Kultur kennenzulernen", sagt er. Das würde ihm bei einem Auslandssemester von zuhause fehlen – auch in der Blended-Mobility-Variante. "Ich will mir in Porto einen richtigen Erasmus-Freundeskreis aufbauen, deshalb will ich nicht erst später nachkommen."

Wer sich wie Nicolai dazu entscheidet, seine Auslandszeit durchzuziehen, muss zurzeit starke Nerven beweisen. Ein Auslandssemester in Corona-Zeiten zu planen, das bedeutet vor allem Unsicherheit: Selbst, wenn die Lage in meinem Zielland heute noch entspannt ist, gilt das auch in einer Woche noch? Werde ich überhaupt eine gute Zeit haben, wenn ich auch in Spanien nur online studieren kann? Und was mache ich, wenn ich tatsächlich nicht ins Ausland kann, aber hier schon meine Wohnung gekündigt habe?

"Zwischendurch fiel es mir echt schwer, mir vorzustellen, dass ich in wenigen Wochen in Porto sein soll", sagt Nicolai. Und selbst, wenn er nun an seinem Plan festhält, versucht er, seine Erwartungen bewusst herunterzuschrauben. Ein Semester voller Partys und Ausflüge wird es wohl auf keinen Fall.

Doch je näher der Semesterstart im September rückt, desto optimistischer wird er. Und das hat, ironischerweise, mit der nervenaufreibenden Wohnungssuche in Porto zu tun. "Seit ein bis zwei Wochen sehe ich, dass mehr Bewegung in die Facebook-Gruppe kommt und immer mehr Leute dort nach Wohnungen suchen", sagt Nicolai, "das beflügelt mich richtig. Weil es mir zeigt: Es wird doch nicht so sein, dass ich dort ganz alleine bin."


Gerechtigkeit

Stell dir vor, es ist Disability Pride und kaum einer bekommt es mit
Wie Menschen mit Behinderung in Deutschland für mehr Sichtbarkeit kämpfen – und welche Rolle Corona dabei einnimmt.

Luisa hatte lange Zeit ein Problem mit dem Wort "behindert". Als sie jung war, gehörte es auf dem Schulhof zur Standardbeleidigung. Und noch bis heute erlebt die mittlerweile 24-Jährige selbst Erwachsene, die das Adjektiv abwertend benutzen. "Das Wort 'behindert' wurde viele Jahre durch den Dreck gezogen", sagt Luisa. Daher habe sie begonnen, es zu vermeiden. Mittlerweile denkt sie anders: "'Behindert' heißt nicht dumm, 'behindert' heißt nicht hässlich oder Mensch zweiter Klasse", sagt Luisa im Skype-Interview mit bento. "'Behindert' bedeutet einfach nicht der Norm entsprechend." 

Auf Instagram bloggt sie unter ihrem Künstlernamen Luisa L'Audace über ihr Leben mit Behinderung. Was zunächst als Tagebuch begann, ist mittlerweile ein Account über die Rechte von Menschen mit Behinderung, deren Wünsche, deren Stärke und vor allem deren Rechte. Mehr als 3500 Followerinnen und Followern folgen Luisa. "Das ist unser Wort und wenn das andere Menschen missbrauchen müssen, dann ist das so", sagt sie über das kleine Adjektiv "behindert". "Aber dann müssen wir dafür sorgen, dass es wieder in unsere Hände gerät und den Menschen dazu einen positiveren Impact geben."

Im Juli war Disability Pride – allerdings in Deutschland kaum sichtbar

Disability Pride will genau das. Einmal jährlich im Juli zeigen Menschen mit Behinderungen den ganzen Monat lang bei Demos, Aktionen und Paraden, dass sie ein gleichwertiger Teil der Gesellschaft sind. Auch Luisa hat sich in diesem Sommer an der Disability-Pride-Bewegung online beteiligt. Nur: Anders als Queer Pride, der fast gleichzeitig stattfindende Monat für die Rechte der LGBT-Community, bekommt von der Disability Pride Parade kaum jemand etwas mit. Denn in Deutschand findet sie so gut wie nicht statt. Nun schafft ausgerechnet die Coronakrise neue Möglichkeiten, schränkt aber gleichzeitig wieder die Sichtbarkeit behinderter Menschen ein.