Ein Bürofenster im neunten Stock, das dreckig bleibt? Eine leere Theke beim Bäcker? Oder Hotels ohne besetzte Rezeption? Ganz unwahrscheinlich sind diese Bilder nicht.

2018 haben deutschlandweit knapp 80.000 Bewerberinnen und Bewerber keine Ausbildungsstelle gefunden. Gleichzeitig blieben knapp 58.000 Posten unbesetzt. Azubis und Betriebe finden einfach nicht zusammen. Das zeigt die Studie "Ländermonitor berufliche Bildung 2019" des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und der Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der Universität Göttingen aus der vergangenen Woche. Für das Forschungsprojekt wurde die Ausbildungssituation in verschiedenen Branchen untersucht. (SPIEGEL)

Welche sind die unbeliebtesten Ausbildungsberufe?

Nicht jeder Branche mangelt es gleichermaßen an Auszubildenden. Während etwa im Bereich Informatik die Nachfrage im Vergleich zu den angebotenen Stellen sehr hoch ist, fehlen Beschäftige in Reinigungsberufen, im Ernährungshandwerk oder in Hotel- und Gaststättenberufen.

Wir haben mit drei Auszubildenden gesprochen, die in den betroffenen Bereichen arbeiten – und sie gefragt, warum ihre Jobs so unbeliebt sind, wie sie wieder attraktiv gemacht werden könnten und weshalb sich die jungen Menschen trotzdem für die Ausbildungen entschieden haben.

Das sagt Koch Nik, 22, der seit sechs Jahren in der Gastronomie-Branche arbeitet und in einem Sternerestaurant kocht:

(Bild: privat)

"Meine Mutter hat mich zum Kochen gebracht. Sie hat täglich selbst gekocht, und ich wollte ihr immer dabei helfen. Bei einem Praktikum in einem Restaurant in meinem Heimatdorf habe ich dann gemerkt, dass ich es auch als Job spannend finde. Es ist kein Beruf, bei dem man acht Stunden am Schreibtisch verbringt. Außerdem kannst du als Koch überall auf der Welt arbeiten.

Mittlerweile bin ich Mitglied der deutschen Jugend-Nationalmannschaft der Köche. In dieser Funktion will ich Leute für den Job begeistern. Ich arbeite im Verband der Köche Deutschlands mit, koche bei Shows und versuche, immer ein offenes Ohr für noch jüngere Kollegen zu haben. Beim Arbeiten habe ich viel Spaß, kann mich immer weiterentwickeln sowie neue Rezepte und Kreationen ausprobieren. Das ist sehr motivierend.

Es gibt immer wieder Leute, die ihre Ausbildung abbrechen. Auch meine Ausbildungsklasse hat sich im Laufe der Zeit fast halbiert. Ein gruseliges Bild. Das liegt oft an den Ausbildungsbetrieben. Man sollte sich als potenzieller Azubi auf jeden Fall vorher die Gegebenheiten anschauen. Lässt mich ein Betrieb zwölf Stunden arbeiten oder habe ich geregelte Zeiten?

Viele sind gar nicht darauf aus, ihre Azubis wirklich weiterzubilden. Die denken sich einfach: Wir verdienen nicht viel, deswegen brauchen wir günstige Arbeitskräfte. Dann ziehen sie sich Azubis heran und lassen sie vor ihrer Abschlussprüfung einfach fallen. Mittlerweile haben sich der Kochstil und die Kochweise geändert, aber viele Chefs, Chefinnen und Betriebe gehen nicht mit der Zeit. Sie denken, es wäre okay, ihre Angestellten heute genau so autoritär zu behandeln, wie es bei ihnen selbst früher der Fall war. Später will ich definitiv mal ein besserer Arbeitgeber werden, als es viele gerade sind."

Das sagt Bäckerin Kristin, 18, die gerade in ihrem zweiten Lehrjahr ist:

(Bild: privat)

"Mehrere Praktika haben mir vor dem Beginn meiner Ausbildung bei der Orientierung geholfen. Ich wollte auf jeden Fall in einem handwerklichen Beruf arbeiten. Nach meiner Ausbildung zur Bäckerin werde ich zweigleisig fahren und mich mit einer Lehre zur Konditorin weiterbilden.

Die Hälfte meiner Klasse hat die Bäckerausbildung abgebrochen. Einige sind in den Verkauf gewechselt, andere machen jetzt auch etwas ganz anderes. Die meisten fanden die Nachtschicht zu anstrengend, das war nichts für sie. Ich muss jeden Tag um vier anfangen zu arbeiten und bin immer schon eine Viertelstunde vorher da. Das geht nur, weil meine Mutter so lieb ist, und mich zur Arbeit fährt. Ohne ihre Hilfe hätte ich die Ausbildung gar nicht beginnen können. Mein Betrieb ist auf dem Land, da fährt zu dieser Uhrzeit noch kein Bus hin. Einen Führerschein mache ich jetzt erst.

Ich bin sowieso eine Frühaufsteherin und mag es, dass ich nach der Arbeit noch den ganzen Tag zur Verfügung habe. Meist kann ich vormittags gegen zehn oder elf Uhr nach Hause gehen. Das ist tagsüber ein tolles Gefühl von Freiheit. Was ich an meinem Job spannend finde, ist der Produktionsprozess. Es ist eine Art Wandel: Aus einer riesigen Menge Teig entstehen einzelne Teiglinge und daraus wird dann fertiges Brot gebacken. Ich mag, dass man jeden Tag direkt sehen kann, was man geleistet hat.

Eine Schwierigkeit für mich als Frau ist, dass ich viele schwere Dinge heben muss. Wer nicht aufpasst, bekommt Rückenprobleme. Erst einmal probiere ich es selbst mit dem Tragen oder ich bitte Kollegen.

Über die Zukunft habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Wenn ich die zusätzliche Konditorausbildung absolviert habe, möchte ich noch den Meister machen. Vielleicht mache ich dann später irgendwann ein eigenes Cafe auf. Das ist das Ziel, das ich vor Augen habe."

Das sagt Gebäudereiniger Daniel, 25, der erst eine Kochausbildung gemacht und vor drei Jahren den Beruf gewechselt hat:

(Bild: privat)

"Gebäudereiniger ist nicht jedermanns Traumjob, das weiß ich. Aber man hat viele Aufstiegsmöglichkeiten, wenn man sich reinhängt. Meine Mutter arbeitet im gleichen Unternehmen wie ich, so konnte ich vorher schon ein paar Infos einholen.

Bei uns gibt es viele, die ganz einfach angefangen haben und jetzt schon Bereichsleiter sind. Man kann später als Desinfektor und Hygieneassistent arbeiten, einen Kletterschein machen oder sogar seinen eigenen Betrieb gründen. Das macht dann richtig Spaß. Und man gewöhnt sich auch daran, wenn es sein muss, ab und zu mal eine Toilette zu schrubben. Aber das ist nicht der Hauptteil unserer Arbeit.

Meine Ausbildungsklasse bestand anfangs aus 26 Schülern, mittlerweile sind wir nur noch zwölf oder 13. Es gab einige, die ihre Probezeit nicht bestanden haben, aber eigentlich Spaß an dem Beruf hatten. Die waren nur zu faul und sind oft zu spät oder einfach gar nicht gekommen.

Spannend an unserem Job ist, dass wir an Orte kommen, an die nicht jeder gelangt. Das ist zum Beispiel bei der Industriereinigung so. Wir arbeiten dann in sonst abgesperrten und gesicherten Bereichen. Das fühlt sich sehr exklusiv an.

Die Ausbildung zum Gebäudereiniger ist ohnehin sehr vielfältig. Du lernst Dinge aus vielen Bereichen und kannst dich dann spezialisieren. Wir befassen uns zum Beispiel mit der Zusammensetzung von Böden und Farben. Ein Maler weiß, wie man eine Farbe am besten aufträgt – und wir setzen uns damit auseinander, wie man sie wieder wegkriegt. Es geht eben bei Weitem nicht nur darum, Toiletten zu putzen.

Grundsätzlich müsste unser Job einfach mehr beworben werden. Der Fokus sollte ein bisschen mehr auf dem Handwerk an sich liegen. Vielleicht sollten sogar mal Leute zur Aufklärung in die Schulen gehen."


Future

DJ Pretty Pink, 30: Warum sie ihren Künstlernamen schon öfter bereut hat und was ihr Erfolg bedeutet
Das erzählt sie in unserem Job-Podcast "Und was machst du so?"