Und als Frau in einem "Männerberuf".

Wenn die Dusche nicht mehr funktioniert, rufen wir in einer Klempnerei an und erwarten – ja, wenn wir ehrlich sind, einen männlichen Klempner. Gleichzeitig denken wir, wenn wir zur Zahnärztin oder zum Zahnarzt gehen, eher auf Arzthelferinnen zu treffen. Die Bilder sind in unseren Köpfen und werden selten hinterfragt.

Beim Vergleich der Top-Ten-Ausbildungsberufe beider Geschlechter aus den Jahren 2016 und 2018 haben die Bildungsexperten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) allerdings einen Wandel festgestellt: So gibt es immer mehr Frauen in den bislang von Männern dominierten Berufen des Fachinformatikers und des Kraftfahrzeugmechatronikers. Und immer mehr Männer beginnen eine Ausbildung zum Friseur oder zum Zahnmedizinischen Fachangestellten – was sonst eher bei Frauen beliebte Berufe sind.

Trotzdem orientieren sich junge Leute bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes noch an Klischees, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (SPIEGEL ONLINE). Das heißt: Auch im Jahr 2018 gab es zum Beispiel eher angehende Kraftfahrzeugmechatroniker und Elektriker und angehende Arzthelferinnen und Friseurinnen. 

Doch es gibt sie, die Ausreißer.

Wir haben mit vier jungen Menschen gesprochen, die einen für ihr Geschlecht untypischen Ausbildungsberuf ergriffen haben.

Warum haben sie sich für ihren Beruf entschieden? Begegnen ihnen Vorurteile? Werden sie anders behandelt – von Kunden oder älteren Kolleginnen und Kollegen?

Lisbany, 29, hat im Februar seine Ausbildung zum Zahnmedizinischen Fachangestellten abgeschlossen.

Bei den Männern ist der Beruf des Zahnmedizinischen Fachangestellten beliebter geworden. War der Beruf im Ranking 2016 noch auf Platz 131, ist er 2018 auf Rang 113 gestiegen. Bei den Frauen lag er 2018 auf Platz drei (SPIEGEL ONLINE).

Der ausgelernte Zahnmedizinische Fachangestellte Lisbany.

(Bild: Privat)

"Als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich eine Ausbildung zum Zahnmedizinischen Fachangestellten beginne, waren sie sehr skeptisch. 'Das machen doch nur Frauen' war der erste Satz meiner Mutter. Mein Vater hat mich gefragt, ob ich schwul geworden sei. Jetzt habe ich meine Ausbildung beendet und bekomme die volle Unterstützung meiner Eltern. Sie haben verstanden, dass ich diesen Job gerne mache. 

In meiner Klasse in der Berufsschule waren 28 Frauen und zwei Männer. Ich bin ein Typ, der sich unter Frauen wohler fühlt. In meiner damaligen Klasse während meiner Ausbildung zum Hotelfachmann waren deutlich mehr Männer. Mich hat es genervt, dass sich die Männer beim gemeinsamen Lernen oft gegenseitig abgelenkt haben. Mit den Frauen hingegen war das Lernen harmonisch und viel effektiver.

Menschen, die diesen Job machen, müssen sensibel, konzentriert und aufmerksam sein. Alles Eigenschaften, die viele Frauen haben. Eine gute Organisation gehört auch dazu. Meine Kolleginnen behaupten manchmal, dass sie organisierter sind als ich. Zum Beispiel habe ich eine Kollegin, die schon am Morgen alles für jede Behandlung am Tag vorbereitet. Patientenakten raussucht und Instrumente bereitlegt. Ich bereite diese Dinge vor der jeweiligen Behandlung vor. Da sind dann vor allem Kleinigkeiten wie die Sauberkeit wichtig. Für uns Männer heißt das: Wir dürfen keinen Bart tragen und müssen ein sehr gepflegtes Äußeres haben.

Das niedrige Gehalt ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum viele Männer den Job nicht ausüben wollen. Ich bin ausgelernt, arbeite 35 Stunden in der Woche und bekomme 1500 Euro netto. Wenn man ehrlich ist, kann man davon keine Familie finanzieren. Deswegen überlege ich auch, mich noch weiterzubilden oder Medizin zu studieren."

Vanessa, 28, ist im zweiten Lehrjahr zur Fachinformatikerin.

Bei den Männern ist der Beruf Fachinformatiker auf Platz fünf der beliebtesten Ausbildungsberufe im Jahr 2018. Bei den Frauen ist er zwischen 2016 und 2018 immerhin von Platz 41 auf 33 gestiegen (SPIEGEL ONLINE).

Bald-Fachinformatikerin Vanessa

(Bild: privat)

"Ich mache meine Ausbildung bei einem großen Software-Anbieter in Bremen – da habe ich noch keinen Sexismus erlebt. Meine Chefs achten sehr darauf, dass sich alle auf Augenhöhe begegnen, sowohl zwischen den Geschlechtern, als auch zwischen den Hierarchie-Ebenen. Auch meine Freunde und meine Familie haben sehr positiv darauf reagiert, dass ich mich für diesen sogenannten Männerberuf entschieden habe. 

In der Berufsschule brauche ich als einzige Frau zwischen rund 30 männlichen Mitschülern dagegen schon manchmal ein dickes Fell. Das hat aber nur etwas damit zu tun, dass es in der Klasse auch mal lauter werden kann und die Gesprächsthemen in der Pause nicht immer meine sind. Was den fachlichen Umgang miteinander angeht, stehe ich meinen Mitschülern in nichts nach. 

Medien und Politik zeigen heute mehr starke Frauen. Das verändert was in den Köpfen: Frauen können genauso gut wie Männer bestimmte Berufe ergreifen. 

Ich denke, das Bild eines Fachinformatikers oder einer Fachinformatikerin wird auf einigen Informationsseiten für Ausbildungsberufe noch recht klischeehaft dargestellt: Wenn dort steht, dass man der geborene Fachinformatiker sei, wenn man in seiner Freizeit gerne an Mainboards und Festplatten herum bastelt, Bücher zu Programmiersprachen verschlingt und Onlinegames spielt, dann kann ich verstehen, dass diese ersten 'Informationen' viele Mädchen abschrecken.

Ich zum Beispiel spiele keine Onlinegames oder bastle an der Hardware meines Laptops. Ich habe mich auch erst richtig mit Programmiersprachen beschäftigt, als ich die Ausbildung begonnen habe. Man braucht nicht zwingend Grundkenntnisse in der Programmierung, um diese Ausbildung zu beginnen oder den Beruf auszuüben. 

Diese Plattformen und die Branche generell sollten vermitteln, dass jede, die Lust auf diesen spannenden Beruf hat, nicht zwingend in das Bild eines 'Nerds' passen muss." 

Kacper, 20, ist im dritten Lehrjahr zum Friseur.

Seit vielen Jahren ist der Beruf Friseur bei den Frauen auf Platz sieben der beliebtesten Ausbildungsberufe. Bei den Männern ist er zwischen 2016 und 2018 von Platz 41 auf 35 gestiegen (SPIEGEL ONLINE).

Der angehende Friseur Kacper.

(Bild: Privat)

"Ich habe eigentlich nicht das Gefühl, dass der Beruf des Friseurs mega frauendominiert ist. Zwar bin ich in meinem Salon von vier Mitarbeitern der einzige Mann, aber in anderen Salons in der Umgebung sehe ich viele Männer. Auch in meiner Salon-Klasse in der Berufsschule ist es zwischen Männern und Frauen ausgeglichen. 

Das ist in Großstädten der Fall. Ich weiß, dass viele Männer auf dem Land nicht als Friseur arbeiten wollen. Ich glaube, das hat zwei Gründe. Grund eins: Bezahlung. Im Vergleich zu anderen Jobs ist diese immer noch gering. Ich bekomme im dritten Lehrjahr rund 550 Euro im Monat. Der zweite Grund: Die fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft. Ich selbst wurde noch nicht mit Vorurteilen konfrontiert, aber männliche Friseure werden allgemein überwiegend immer noch als schwul abgestempelt. Männer sollten nicht in das weibliche Rollenbild schlüpfen müssen. Unter den deutschen Azubis sieht man oft noch Männer, die eine starke feminine Seite haben. Unter den Barbieren in den Zuwandererklassen habe ich aber auch schon viele maskuline Typen gesehen, mit Bart und vielen Muskeln.

Bei meiner Arbeit ist mir aufgefallen, dass männliche Friseure sehr begehrt sind. Wir definieren Schönheit anders. Während Frauen öfters zum natürlichen Look raten, mache ich krassere Vorschläge und experimentiere gerne. Ich färbe keine Haare grün oder blau, aber ich überlege mir zum Beispiel auffälligere Farbverläufe. Vor Kurzem habe ich einem jungen Mädchen ganz feine, blonde Strähnen in die Haare gezogen. Insgesamt habe ich fünf Stunden mit der Kundin verbracht. Zum Job gehört es auch mit den Kunden zu plaudern. Ich schnacke gerne mit meinen weiblichen Kunden und tausche mich über den neuesten Klatsch und Tratsch über Helene Fischer aus. Das könnte ich in einem typischen Männerberuf wahrscheinlich nicht."

Sonja, 21, ist im dritten Lehrjahr zur Fluggerätmechanikerin - Fertigungstechnik.

Im Ausbildungsberuf der Fluggerätmechaniker gab es zwischen 2016 und 2018 keinen großen Sprung im Frauenanteil. Dafür aber einen umso größeren Sprung, wenn man weiter zurück geht: Während 2005 nur 7,7 Prozent der Auszubildenen weiblich waren, sind es nach Angaben der DIHK auf Nachfrage von bento 2018 schon 14,4 Prozent (2016: 13,2 Prozent), also fast doppelt so viele. Ist der Wandel auch in den Köpfen angekommen?

Die zukünftige Fluggerätmechanikerin Sonja in der Werkstatt

(Bild: privat)

"Ich arbeite bei einem Zulieferer in der Luftfahrttechnik, der Flugzeugteile herstellt. Besonders spannend finde ich, dass wir in der Ausbildung neben der Konstruktion und der Mechanik auch die physikalischen Abläufe kennenlernen: Wie kann so ein richtig schweres Ding wie ein Flugzeug fliegen? Natürlich hätte ich das auch studieren können, aber das ist nicht so meins: Ich möchte lieber etwas Praktisches erschaffen statt irgendwelchen Theorie-Vorlesungen zuzuhören.

Vorurteilen, weil ich eine Frau bin, begegne ich so gut wie nie. Es ist schon mal vorgekommen, dass ein älterer Kollege mir ungefragt schwere Teile abnehmen wollte, aber dann antworte ich schnell: "Nee, danke, geht schon." In der Berufsschule habe ich sogar das Gefühl, dass die Lehrer sich über mehr Mädchen in der Klasse freuen.

Ich habe keine Angst, mir die Nägel abzubrechen – oder was auch immer manche Männer über Frauen im Handwerk denken könnten. Und ganz wichtig: Ich warte nicht darauf, dass man mich um etwas bittet, sondern packe gleich mit an. So gibt es gar nicht erst den Versuch, mich gesondert zu behandeln. Aber ich weiß, dass ich, wenn es mal nicht anders geht, ruhig Schwäche zeigen kann, ohne dafür verurteilt zu werden.

Trotzdem bin ich als Frau in meinem Beruf noch in der Minderheit. Junge Mädchen kommen meiner Erfahrung nach schon in der Schule und im Elternhaus nicht so oft mit Technik und handwerklichen Arbeiten in Kontakt. Also woher sollen sie wissen, ob ihnen das Spaß macht? 

Außerdem wird das Handwerk mit schwerer Arbeit in Verbindung gebracht und hat den Ruf dreckig zu sein. Ein Vorurteil, denn das ist bei uns zum Beispiel nicht der Fall: Zum einen arbeiten wir mit leichten Metallen, hauptsächlich Aluminium und Titan, denn das Flugzeug soll am Ende ja möglichst leicht sein. Außerdem mit feinen, sensiblen Bauteilen, weshalb unser Arbeitsplatz immer sauber und aufgeräumt sein muss."


Gerechtigkeit

Dein Freund und Influencer – warum die Polizei jetzt Instagram-Regeln für Beamtinnen und Beamten aufstellt

Adrienne ist offenbar oben ohne am Strand, Jenny erinnert sich im Spitzen-Kleid an die Geburt ihres Kindes und Selçuk trinkt "Gourmet Coffee am Kotti". Drei Szenen von jungen Menschen auf Instagram aus den vergangenen Wochen. Was alle drei Personen besonders macht: Sie sind Polizistinnen und Polizisten – zumindest im Hauptberuf. 

Doch ist es noch der wichtigste Job, wenn man monatelang für Bikini-Bilder durch die Welt reist? Passt es zum Polizeidienst, sich in Uniform an einen Kollegen zu schmiegen? Und dürfen Polizisten öffentlich sagen, wo sie gerne Kaffee trinken? Über solche Fragen wird derzeit in vielen Revieren diskutiert. 

Immer mehr Polizistinnen und Polizisten zeigen sich im Dienst und außerhalb gerne als Influencer. Viele posieren nur einmal mit der Uniform – andere machen es fast täglich. Und manche verdienen mit Hautpflege und Reisetipps inzwischen sogar zusätzlich Geld.

Mehtap Öger ist eine der bekanntesten Polizistinnen auf Instagram, mehr als 28.000 Menschen folgen ihr. In den vergangenen Wochen dürfte ihre Bekanntheit noch weiter gestiegen sein: Die 35-jährige Kommissarin war Teil einer Werbekampagne der "Bild"-Zeitung – in Dienstuniform und mit Schutzweste. Durfte sie das? Oder wird das Dienstwappen auf der Brust zum Werbesiegel für Produkte, wenn aus Freunden und Helfern plötzlich auch Influencer und Verkäufer werden?