In einem der derzeit revolutionärsten Büros Deutschlands gibt eine Stechuhr den Rhythmus vor. 3 - 2 - 1 – um 13 Uhr ist Schluss: "Highfive Feierabend", steht nun auf der digitalen Anzeige, die über allen Arbeitsplätzen hängt.

Lasse Rheingans, 38, ist Chef einer IT-Agentur. Er will nicht weniger, als die Arbeitswelt neu zu erfinden. Für ihn beginnt das Vorhaben in einem Dachgeschossbüro mit Blick über Bielefeld. Seit eineinhalb Jahren lässt er seine mittlerweile 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch fünf Stunden pro Tag arbeiten, bei voller Bezahlung.

Hat sich das Arbeitszeitmodell bewährt, und ist es wirklich ein Fortschritt? Ein Besuch zum Feiermittag.

Helle Wände, dunkle Schreibtische und eine Lounge-Ecke. Telefone klingeln, Tastaturen klackern, selten spricht jemand – und wenn, nur über die Arbeit. Es riecht nach Kaffee und Stress. Büroalltag eben. Um 8 Uhr fangen sie an, um 13.15 Uhr trifft sich das Team im gläsernen Konferenzraum. "Wir haben gemerkt, dass uns die privaten Gespräche und der Austausch gefehlt haben, jetzt essen wir meist jeden Mittag gemeinsam", sagt Victoria Haag, 27, aus der Kreation.

Victoria Haag freut sich jeden Tag auf das gemeinsame Mittagessen.

(Bild: Mario Wezel)

Am Tisch sitzen mit ihr unter anderem Azubi Jonas Hunke, 23, Entwickler Mikel Fröse, 28, Mark Mühlberger, 25, aus der Kreation und Janine Kunz, 25, aus der Öffentlichkeitsarbeit. Sie alle arbeiten an ihren Aufträgen, aber ständig auch an sich. Jeden Tag füllt jeder von ihnen einen Feedback-Bogen aus, was gut und was schlecht lief – alles wird ständig überdacht und optimiert. "Keine Zeit verplempert" steht zum Beispiel auf der positiven Seite, "zu dürftige Briefings« oder "keine Zeit zum Durchatmen" auf der schlechten. "Ich sage nicht, dass der Fünf-Stunden-Tag die perfekte Lösung ist", sagt Rheingans.

Als er die Agentur 2017 übernahm, sollte das Ganze erst einmal ein Experiment sein. Rheingans fragte sich, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte? Eine Zukunft, in der Menschen gern zur Arbeit gehen und genügend Ausgleich haben, um auch gute Arbeit zu leisten. Er fragte alle in seinem Team, ob sie mit weniger Arbeitszeit bei gleichem Gehalt einverstanden wären. Sie stimmten zu.

Lasse Rheingans will den Mittelstand retten.

(Bild: Mario Wezel)

Doch acht Stunden Arbeit in fünf unterzubekommen, bedeutet Stress – genau das, was Rheingans eigentlich aus dem Leben seines Teams verbannen wollte. Einige Kolleginnen und Kollegen waren mit seinem Pensum überfordert, Lasse stellte zusätzliches Personal ein. Außerdem erkannten zwei Mitarbeiter in ihrer gewonnen Freizeit, dass sie sich noch einmal in einem anderen Job ausprobieren wollten. "Für mich eigentlich der Supergau, auch wenn ich mich natürlich für sie freue", sagt Rheingans.

Trotzdem hält der Chef an seinem Konzept fest.

Auch weil er merkt, dass es so gut ankommt. Bei den Medien, bei der Wirtschaft und bei Menschen, die von einem Leben mit mehr Freizeit träumen. Täglich trudelten neue Bewerbungen ein. Jetzt schreibt Rheingans ein Buch, im August soll es erscheinen. Er hat viel zu sagen, wenn er etwas gefragt wird, antwortet er minutenlang. Rheingans sitzt auf Podien, gewinnt Unternehmerpreise. Wem nutzt die 25-Stunden-Woche? Nicht nur den Mitarbeitern. "Egal, wo ich anrufe, jetzt bekomme ich einen Termin." Ob er auch seinen Gewinn mit der Agentur steigern konnte, verrät er nicht. Trotz Wachstums und neuer Investitionen habe er aber keine Verluste gemacht.

In der ehemaligen Abstellkammer hat Rheingans jetzt sein Büro eingerichtet. Bescheiden sei er, doch es klingt anders. Er sitze jetzt neben der Personalchefin von Siemens auf der Bühne – "verrückt". Am Vortag besuchte er noch den Bürgermeister im Rathaus. In einem Artikel werde er in einem Atemzug mit Steve Jobs genannt – "da bin ich kurz rot geworden". Außerdem hat Rheingans eine Vision: "Wir retten den deutschen Mittelstand."

Und deshalb will er bald Workshops anbieten – seine Ideen weitergeben, Unternehmer und Chefs in mehr Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung schulen. Nicht jeder Kunde oder jede Kundin solle einen Fünf-Stunden-Tag einführen, das Ergebnis sei offen.

Noch gebe es nur einen Nachahmer in Deutschland, sagt Rheingans. Ein kleines Reiseunternehmen aus Steinhagen – auch in Ostwestfalen – habe jetzt sein Konzept kopiert. Sonst niemand? "Ein Kulturwandel braucht Zeit", sagt Rheingans. "Die Chefs und auch Arbeitnehmer sind doch ganz anders sozialisiert. Wir sind mit Digitalisierung und Smartphones groß geworden, jeder ist ständig erreichbar und könnte rund um die Uhr arbeiten."

In Schweden scheiterte vor zwei Jahren ein ähnlicher Versuch. In einem Altenheim in Göteborg wollten die Verantwortlichen einen Sechs-Stunden-Tag bei gleicher Bezahlung einführen. Am Ende das ernüchternde Ergebnis: Es ist zu teuer.

Auch der Berliner Kondom- und Hygieneartikel-Hersteller Einhorn will die Arbeitswelt verändern – mit einem anderen Ansatz. Dort dürfen Mitarbeiter so viel Urlaub nehmen, wie sie wollen; verdienen so viel, wie sie untereinander absprechen; es gibt kaum Hierarchien, Lösungen müssen gemeinschaftlich erarbeitet werden (SPIEGEL ONLINE). Ist das nicht das wirklich revolutionäre Konzept? Und in Bielefeld ist es ein Rückschritt zum Stechuhr-Zeitalter? "Ja, das ist Old Economy, voll", gibt Rheingans zu.

Aber das beste Beispiel dafür, dass ein Zwölf-Stunden-Tag auf Dauer nicht gut ist, sei er. Sein Team zwingt er dazu, pünktlich zu gehen, sich selbst zur Ausbeutung. Feierabend macht er um zehn Uhr abends, wenn er das letzte Mal auf Presseanfragen antwortet. Seine Mitarbeiter sagen über ihn, dass er oft schwer zu greifen sei – kein Wunder bei einem Terminkalender, der aussieht wie ein buntes Tetrisspiel.

Die einzelnen Bausteine setzt Janine Kunz zusammen, die Rheingans assistiert und sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. "Alles, womit er nicht direkt etwas anfangen kann, landet bei mir." Und das dann auch mal nach Feierabend oder am Wochenende, verrät sie beim Spaziergang mit ihrem fast einjährigen Sohn Lias.

Janine Kunz und ihr Sohn Lias

(Bild: Mario Wezel)

Trotzdem sei der Job für Kunz perfekt, er ermögliche ihr viele Freiheiten, Lias mittags aus der Kita abzuholen und nebenbei auch noch zu studieren. Sie absolviert einen Bachelor in Medienkommunikation in Bielefeld. Während viele Mütter in Teilzeit arbeiten und weniger verdienen, hat Kunz die gleichen Arbeitsbedingungen wie ihre Kolleginnen ohne Kinder.

Janines Kollegin Victoria Haag nutzte die zusätzlichen drei Stunden Freizeit zunächst für den Haushalt. Sie habe ja viel mehr Zeit dafür, argumentierte ihr Freund, doch Haag ließ sich nicht lange darauf ein. "Jetzt teilen wir es uns wieder auf." Dann schaute sie Serien im Marathon – und hörte wieder auf. "Mir wurde klar, wie kostbar die gewonnene Zeit ist." Sie fing an, mehr zu zeichnen – erst Fan-Art von Superhelden, mittlerweile ihre eigenen Comics. Das zum Beruf zu machen, kann sie sich nicht vorstellen. "Hobby bleibt Hobby, Arbeit bleibt Arbeit", sagt sie.

(Bild: Mario Wezel)

Anpassungsfähig seien sie beide, sagen Kunz und Haag, wenn man sie nach ihren Stärken fragt. Genau das ist auch wichtig für ein Konzept wie den Fünf-Stunden-Tag. Zieht einer nicht mit, zerbröselt die Idee.

Professor Sascha Armutat von der FH Bielefeld hat das Experiment wissenschaftlich begleitet. Er sagt: "Für dieses Modell braucht es Mitarbeiter, die sich gehörig gut selbst organisieren können." Armutat begrüße solche Versuche, auch wenn sie noch nicht die perfekte Lösung seien. Für die Generation Z – also diejenigen, die ungefähr zwischen 1997 und 2012 geboren wurden – sei es nicht mehr angesagt, Arbeit und Freizeit miteinander zu vernetzen. "Sie wollen beides strikt trennen, und dazu passt das Modell aus Bielefeld sehr gut."

Während Kunz und Haag schon auf dem Heimweg sind, muss Rheingans noch die letzten Absprachen klären und dann los, die beiden Töchter von der Schule abholen. Auch Mühlberger fährt mit seinem E-Bike davon, um zwei Uhr ist die Agentur leer. Fast.

Die Tür fällt ins Schloss, nur Mikel Fröse sitzt noch am Schreibtisch hinten rechts in der Ecke. Er muss noch schnell eine wichtige Mail rausschicken.

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Queer

"Aber du fasst mich jetzt hoffentlich nicht an?" – Ein schwuler Polizist über Vorurteile
Out im Job: Folge 2

Ignorieren mich die Kollegen? Sprechen sie hinter meinem Rücken über mich? Werde ich nicht mehr befördert? Fragen, die den Polizisten Florian lange beschäftigten. Florian ist schwul. Seit acht Jahren ist der 30-Jährige mit seinem Freund zusammen. Doch damit das niemand bei der Arbeit mitbekam, sprach er dort nur von seinem "Liebling" und zeigte Urlaubsfotos mit seiner besten Freundin. 

Schon an der Polizeischule hatte er Angst, dass andere mitbekommen könnten, dass er schwul ist. Er hatte Angst, gemobbt zu werden – und passte sich deshalb an. Nach der Ausbildung trat er eine feste Stelle in Berlin an. Mit der Zeit lernte er seine Kollegen besser kennen und fasste Vertrauen. "Bei der Polizei sind wir ein Team, das sich blind verstehen muss," sagt Florian. Dazu gehöre auch, dass die Kolleginnen und Kollegen über seinen Freund Bescheid wüssten. Schließlich soll der benachrichtigt werden, falls Florian im Einsatz etwas passiert. 

Also vertraute er sich nach und nach seinen Teamkollegen einzeln an. Die meisten reagierten gelassen und freuten sich, dass sich Florian ihnen öffnete. Doch es gibt auch Ausnahmen. 

Wie Florian auf Vorurteile und Klischees seiner Polizei-Kollegen reagiert, siehst du oben im Video.