Wer junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für seine Firma gewinnen will, der lockt mit flachen Hierarchien, Home Office und flexiblen Arbeitszeiten. Zahlreiche Stellenanzeigen versprechen genau das. Die neue Arbeitswelt steht für möglichst wenig Regulierung, die Arbeit soll zum Leben passen – 9 bis 17 Uhr Arbeitszeit ist da nicht mehr das passende Modell.

Doch mitten in diesem Trend werden Arbeitnehmer mit einem Konzept der alten Arbeitswelt konfrontiert. 

In Zukunft müssen Unternehmen die gesamte Arbeitszeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dokumentieren. 

So steht es in einem Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Arbeitszeiterfassung am Dienstag. (SPIEGEL ONLINE) Stempeln oder sich online einzuloggen wird also bald für jeden zum Alltag gehören.

Wie passt der Wunsch nach Flexibilität damit zusammen? "Auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Arbeitszeiterfassung 1.0 reagieren", schimpfte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Soziologin Sabine Pfeiffer ist anderer Meinung. Sie lehrt und forscht zu den Themen Technik, Arbeit und Gesellschaft an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg und sagt, dass sich moderne Arbeitswelt und eine historische Erfindung wie die Stechuhr bestens ergänzen.

Wir haben mit ihr über das EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung gesprochen.

(Bild: FAU)

Wollen Menschen zwischen 18 und 30 nicht genau das Gegenteil: weniger Kontrolle und im Gegenzug mehr Vertrauen vom Arbeitgeber, dass man sich die Zeit schon richtig einteilt?

Ja, junge Menschen wünschen sich, ihre Arbeitszeiten flexibel zu gestalten, so dass sie noch genug Zeit für Hobbys und Familie haben. Junge Väter wollen vielleicht vormittags arbeiten, sich am Nachmittag ums Kind kümmern und abends, wenn das Kind schläft, dann vielleicht noch einmal an den Arbeitsrechner setzen. Was sie nicht wollen, ist unzählige Überstunden aufzubauen, sondern neben dem Job auch das Privatleben auskosten.

Wir stellen immer wieder eine hohe Entgrenzung der Arbeitszeit fest. Das heißt, die Arbeitszeit ist nicht mehr planbar und fließt in das Private ein – zum Beispiel sind wir dank Diensthandy ständig erreichbar, E-Mails können wir von überall abrufen.

Was bedeutet diese Entgrenzung?

Wenn ich weiß, mich kann heute Abend eine wichtige E-Mail erreichen, dann bin ich gedanklich weiterhin bei der Arbeit – auch wenn die E-Mail am Ende gar nicht ankommen sollte. Es ist also schwer abzuschalten. Diese ständige Erreichbarkeit sorgt für mehr psychische Belastung. Schlafprobleme, gesundheitliche Probleme und Burnout können die Folge sein. 

Oder betrachten wir Partnerschaften: Wenn zum Beispiel in einer Beziehung beide Partner oder Partnerinnen ihre Arbeitszeiten flexibel und auf Vertrauensbasis einteilen können, klingt das erst einmal gut. Aus Studien wissen wir aber, dass man dann einen viel höheren Abstimmungsaufwand betreiben muss, um wirklich gemeinsam frei zu haben. Das bedeutet erneut Stress und Belastung für die Beziehung.

Wie kann die Arbeitszeiterfassung da helfen? 

Ganz simpel: Die Arbeitszeiterfassung macht transparent, wie viel Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen wirklich gearbeitet haben. Wenn sie also an einem Tag eine Stunde früher gehen möchten, weil sie an einem anderen Tag länger geblieben sind, dann hilft ihnen die Arbeitszeiterfassung, sich vor dem Team oder der Chefin zu rechtfertigen. 

In jedem Unternehmen weiß man, wie viele Kugelschreiber gekauft werden, aber die Arbeitszeit wird oft nicht erfasst. Jetzt wird sie auch endlich greifbar. 

Bedeutet Arbeitszeiterfassung aber nicht auch Stress durch Überwachung?

Wir wissen, dass von Vertrauensarbeitszeit eher die Arbeitgeber profitieren, weil Menschen dazu neigen, nicht einfach um 17 Uhr den Stift fallen zu lassen – aus Kollegialität oder weil sie besonders engagiert sind. Arbeitszeiterfassung wird da nicht als Kontrolle empfunden sondern als Entlastung: Ich kann mir eine Auszeit gönnen, weil ich weiß, dass ich Mehrarbeit geleistet und die auch dokumentiert habe. 

Ob sich eine Erfassung wie Kontrolle anfühlt, hängt damit zusammen, wie genau sie ist. Wird jede Minute, die ich vor die Tür gehe, aufgezeichnet? Oder jedes Gespräch mit der Kollegin? Da müssen sich die Unternehmen jetzt überlegen, wie sie eine transparente und unbürokratische Arbeitszeiterfassung ermöglichen können.  

Passt dieser Beschluss zu einer Arbeitswelt, in der häufig kreativ und weniger am Fließband gearbeitet wird?

Gerade für kreative Berufe braucht es genügend Auszeiten. Studien belegen, dass zu lange Arbeitszeiten die Menschen unkreativ machen. Es ist also nie gut, wenn die Arbeit ausufert. In einem Job, in dem ich kreativ arbeite, ist es sicherlich einfacher, mehr zu arbeiten – weil ich eben keiner eintönigen Arbeit nachgehe. Aber es ist trotzdem Arbeitszeit, die mir etwas von meiner Freizeit klaut.

In der Digitalbranche und Agenturen kommt es zum Beispiel häufig zu einer Anhäufung der Arbeitszeit. Viele junge Menschen verlassen dann diesen Bereich, wenn sie eine Familie gründen wollen und merken, dass ihr Beruf damit nicht vereinbar ist. Warum sollte gerade in dieser neuen, digitalen Arbeitswelt, wo alle Beschäftigten, die nötigen technischen Hilfsmittel besitzen, die Arbeitszeit nicht erfasst werden? Die Vorteile liegen auf der Hand. 

Sind junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer faul, wenn sie sich eine Stempeluhr und weniger Überstunden wünschen?

Junge Menschen haben schlicht mehr Gespür dafür, dass sich das Leben nicht nur auf die Arbeit reduzieren darf. Sie erinnern sich noch gut, wie wertvoll Freizeit ist. Dieses Gespür geht bei Menschen, die schon länger im Arbeitsleben stehen, verloren. Sie haben sich daran gewöhnt, dass sie nicht mehr viel Freizeit haben. Junge Menschen hingegen glauben noch eher daran, dass die Arbeitswelt ihre Bedürfnisse nach Zeit für Familie und Hobbies erfüllen wird.



Grün

"Was Sie hier tun, ist nicht genug" - wie eine 18-Jährige VW die Meinung sagt

Hauptversammlungen von großen Unternehmen sind mal mehr und mal weniger spannende Angelegenheiten. Die Veranstaltung von VW am Dienstag in Berlin gehörte defintiv zu den spannenderen - und das lag an der wütenden Rede der 18-jährigen Clara Mayer. 

Bei einer Hauptversammlung werden traditionell die Aktionäre über Pläne des Unternehmens informiert und bekommen die Gelegenheit, sich auch selbst zur Unternehmenspolitik zu äußern. Clara Mayer von "Fridays for Future"  hielt vor den Volkswagen-Konzernchefs und Aktionären eine Rede, in der sie das Unternehmen scharf kritisierte und die Vorstände an ihre Verantwortung erinnert. Die Ansprache wird gerade vielfach geteilt und diskutiert, allein das Video in dem Tweet, in dem das ZDF einen Ausschnitt aus der Rede zeigt, wurde schon etwa 21. 000 Mal aufgerufen.

Wir haben mit Clara gesprochen.

Die Möglichkeit, auf der Hauptversammlung von Volkswagen zu sprechen, hat Clara vom "Dachverband Kritische Aktionäre" erhalten, wie uns Markus Dufner vom Verband bestätigt. Wenn Aktionäre selbst nicht an den Versammlungen ihrer Unternehmen teilnehmen können, dann können sie sich vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertreten lassen. Mit einem solchen Platz hat der Verband Clara ihre Redemöglichkeit gegeben. 

"Ich habe erst einen Tag vor der Hauptversammlung überhaupt von der Möglichkeit erfahren, dort zu reden", erzählt Clara. "Wir haben bei 'Fridays for Future' eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns organisieren, und da schrieb jemand von der Versammlung und fragte, ob jemand da reden möchte." Sie habe dann bis in die Nacht an ihrer Rede gearbeitet. "Ich habe bis fünf Minuten vorher noch die Rede finalisiert." Der Auftritt war ihr wichtig:

"Ich wollte unbedingt die Möglichkeit nutzen, da zu reden. Die Umweltskandale in der Automobilindustrie zeigen einfach, wie dreist diese Unternehmen sind."

Worum ging es in der Rede? 

Clara betont, dass die junge Generation nichts für die Klimakrise kann. Und dass die "Lobeshymnen" der Konzernchefs verfrüht sind: