Bild: Privat

Seit Ärztin Marlyn Koop, 28, die Zusage für ihre erste Stelle hat, fragt sie sich, ob sie nicht neben Medizin noch hätte Jura studieren müssen. Um den Überblick zu behalten, was es vor dem Berufseinstieg alles zu beachten gilt.

Marlyn ist nicht nur aufgeregt, wie ihre erste Stelle in der Anästhesie wohl sein wird. Sie muss auch zum ersten Mal einen richtigen Arbeitsvertrag unterschreiben – mit vielen kleingedruckten Details. "Im Studium haben wir dazu gar nichts gelernt", sagt Marlyn. "Wir helfen uns in der Freundesgruppe weiter und erzählen uns, was man alles erledigen muss."

Wie Marlyn stehen viele Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen vor der Herausforderung, ihre Arbeitsverträge richtig zu verstehen, ihre Rechte und Pflichten zu kennen. Häufig unterschreiben sie einfach vor lauter Freude, dass es jetzt endlich losgehen kann. Dabei gibt es einiges zu beachten.

Maria Dimartino ist Rechtsanwältin für Arbeitsrecht. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen zum Jobeinstieg.

bento: Welche Fragen sollte sich jeder Berufseinsteiger zu seinem Arbeitsvertrag stellen?

Maria Dimartino: Zunächst einmal ist es wichtig, den Vertrag auch genau zu lesen – zu Hause, nicht vor Ort, ganz in Ruhe. Klingt banal, viele denken aber vor lauter Nervosität nicht daran. Oft wird in den Verträgen auf andere Regelungen wie Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen verwiesen. Hier sollte man gezielt nachfragen, wo diese Informationen zu finden sind. Dabei muss nicht jede Klausel bis ins Detail betrachtet werden, aber die wichtigsten Fragen sollten geklärt sein: Wann ist Vertragsbeginn? Gibt es mehrere Einsatzorte? Wie setzt sich mein Gehalt zusammen? Gibt es Sonderzahlungen? Wie viel Urlaub steht mir zu?

Maria Dimartino

Maria Dimartino ist Rechtsanwältin mit den Schwerpunkten Arbeitsrecht und Beschäftigtendatenschutz im hessischen Moerlenbach. Neben ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin tritt sie regelmäßig in digitalen Konferenzen, Barcamps und Podcasts auf und informiert über arbeitsrechtliche Fragestellungen. Auf ihrer Website www.jurvita.de veröffentlicht sie Texte zu Themen wie Arbeitsrecht in sozialen Netzwerken, Datenschutz und Fragen im Bewerbungsgespräch. (Twitter/ Instagram)

bento: Wer hilft, wenn ich selbst nicht einschätzen kann, ob es Schwachstellen gibt?

Maria: Dafür können Gewerkschaften und Arbeitskammern gute Anlaufstellen sein. Letzteres gibt es allerdings nur im Saarland und in Bremen. Wichtig ist es, Verhandlungen zu führen, bevor der Vertrag unterschrieben ist. Viele Berufseinsteiger wollen unbedingt anfangen und sind bereit, sich unter Wert zu verkaufen, dabei macht es durchaus einen guten Eindruck, seinen Preis zu kennen und zu wissen, welches Gehalt in der Branche üblich ist. Das zeigt, dass man sich informiert hat.

bento: Wie gehe ich damit um, wenn ich trotzdem erst nach der Unterschrift etwas Problematisches entdecke?

Maria: Nur weil man seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hat, heißt das nicht, dass alle Klauseln uneingeschränkt gelten. Im Zweifel zählt das, was im Gesetz steht.

bento: Was können denn tückische Punkte sein?

Maria: Vorsicht ist zum Beispiel beim sogenannten nachvertraglichen Wettbewerbsverbot geboten. Dabei geht es darum, ob ich nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses zu einem Wettbewerber wechseln darf oder nicht. Der Arbeitgeber kann das unter bestimmten Umständen im Arbeitsvertrag verbieten. Aber auch hier gilt: Das Wettbewerbsverbot muss mit dem Recht übereinstimmen, sonst ist die Klausel ungültig. Auch, wenn die Unterschrift darunter steht.

bento: Was hältst du von Rechtsschutzversicherungen – ist so etwas nötig?

Maria: Was das Arbeitsrecht betrifft, braucht man sie nicht unbedingt – denn es gibt Mechanismen, die auch ohne Versicherung greifen. Bei den Arbeitsgerichten gibt es eine sogenannte Rechtsantragsstelle, dort kann kostenfrei eine Klage eingereicht werden, eine Beratung erhält man jedoch nicht. In der Praxis mache ich aber immer wieder die Beobachtung, dass die Menschen in solchen Situationen ohnehin schon überfordert sind und nur wenige wirklich den Mut haben, alleine vor Gericht zu gehen.

Eine Rechtsschutzversicherung kann sich deshalb schon lohnen. Man sollte sie aber im Vorhinein abschließen, nicht erst, wenn das Problem auftritt, denn dann greifen die Versicherungen oft nicht mehr. Auch viele Gewerkschaften bieten Rechtsbeistand an. Hier kann man ebenfalls vor Arbeitsbeginn schon Mitglied werden.

bento: Aber wie oft landen denn Berufsanfänger wirklich vor Gericht?

Maria: Probleme tauchen nicht selten auf. Es geht dann zum Beispiel um Beurteilungen, Zwischenzeugnisbenotungen, Arbeitszeugnis und Abmahnungen. Und wenn man eine Versetzung oder eine Kündigung rechtlich überprüfen lassen will, kann es schon sein, dass man sich vor Gericht wiederfindet.

bento: Bis zum Rechtsstreit muss es ja hoffentlich gar nicht kommen. Wie kann ich Probleme am Arbeitsplatz am besten ansprechen?

Maria: Wichtig ist, nicht direkt mit dem Anwaltsbrief zu drohen, sondern das Gespräch zu suchen. Dabei sollte man ruhig und sachlich bleiben, nicht aggressiv werden – so lassen sich viele Probleme klären. Manchmal kann es auch helfen, eine dritte, objektive Person als Mediator oder Mediatorin hinzuzuziehen. Gute Anlaufstellen dafür sind der Betriebsrat und für Azubis die Jugend- und Ausbildungsvertretungen (JAV) – sofern es im Unternehmen welche gibt. Als aktives Mitglied der JAV hat man außerdem einen unbefristeten Übernahmeanspruch, den man drei Monate vor Ende der Ausbildung schriftlich geltend machen muss.

bento: Was ist, wenn ich doch kündigen will?

Maria: Generell gilt: Während der ersten sechs Monate im Job greift das Kündigungsschutzgesetz noch nicht, auch wenn die Probezeit schon vorbei sein sollte. Darüber hinaus muss man sich an die Fristen im Arbeitsvertrag halten, sonst drohen eventuell eine Vertragsstrafe und eine Sperre des Arbeitslosengeldes. Wenn ein wichtiger Grund für die Kündigung vorliegt, also zum Beispiel Mobbing oder Krankheit, ist das etwas anderes. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, sich mit dem Arbeitgeber zu einigen und einen Aufhebungsvertrag abzuschließen, wenn man früher aus dem Arbeitsverhältnis raus möchte. Aber auch hier kann es zu einer Sperre des Arbeitslosengeldes kommen.

bento: Puh, das klingt alles sehr kompliziert.

Maria: Ach so schlimm ist es gar nicht. Die Mehrzahl der Arbeitsverhältnisse verläuft ja glücklicherweise ohne Rechtsstreitigkeiten. Aber es ist trotzdem immer sinnvoll, sich frühzeitig über seine Rechte und Pflichten zu informieren. Dann kann man sich auch ganz auf die Arbeit konzentrieren.

Marlyn hat vor ihrem ersten Arbeitstag noch einmal zwei Anästhesiebücher gelesen, um sich so gut wie möglich vorbereit zu fühlen. Die größere Herausforderung war allerdings der Dschungel an bürokratischen Hürden, durch den sie sich noch vor ihrem ersten Arbeitstag kämpfen musste. "Als Medizinerin sind Berufshaftpflicht- und Rechtschutzversicherungen sehr wichtig, aber wo schließe ich die am besten ab?"

Marlyn hat sich an ein privates Ärzteberaterteam gewendet, das ihr geholfen hat, bei den Überblick zu behalten. Jetzt freut sie sich. "Es kann endlich losgehen."


Gerechtigkeit

Michael Neuhaus über modernen Sozialismus: "Dass ich die DDR zurück will, ist Schwachsinn"

Klassenkampf, Systemumsturz, Kommunismus – keine Jugendorganisation der etablierten Parteien hat so radikale Forderungen wie die der Linkspartei. Mehr als 10.000 Mitglieder stehen dahinter, zumindest nach eigenen Angaben der linksjugend Solid. Mehr als die Grüne Jugend zuletzt zählte.

Trotzdem hört man von den Linksradikalen kaum etwas. 

Wenn überhaupt, berichten Nischenmedien wie "Neues Deutschland", die "Junge Welt" und eine winzige, kurdische Nachrichtenagentur über ihre Protestaktionen. Michael Neuhaus, 26, hat versucht, das zu ändern. Bisher mäßig erfolgreich. Neulich hat er einen Bagger gemietet, um gegen ein Atomkraftwerk zu demonstrieren. Nicht mal die Lokalzeitung kam. Woran liegt das?