Rund 4,3 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Die finanzielle Unterstützung ist besser bekannt als Hartz IV und für viele ein Tabuthema. Niemand gibt gerne zu, dass er Hilfe braucht. Schon gar nicht, wenn ein Thema so mit Vorurteilen besetzt ist, wie dieses.

Wir haben fünf junge Menschen gefragt, wie es ihnen im Jobcenter erging. Und obwohl die meisten lieber nicht bei ihrem echten Namen genannt werden wollen, haben sie uns von ihren Erfahrungen berichtet.
Fred, 24

Nach dem Abitur zog es Fred nach Berlin. Er wollte herausfinden, was das Leben in der Großstadt zu bieten hat und auch irgendwas studieren.

(Bild: Privat)
„Ich hatte den Eindruck, dass ich ohne Ausbildung oder Studium nicht als vollwertiges und produktives Mitglied der Gesellschaft anerkannt wurde. “
Fred, 24, Berlin
Mein erster Jobcenterbesuch war an einem Tag im März und ich war spät dran. Als ich in den Empfangsbereich kam, saß dort im Grunde ein Querschnitt der Bevölkerung, wie man ihn an jedem Neuköllner U-Bahnhof sieht. Ich war dort, weil mein Arbeitgeber Insolvenz angemeldet hatte und ich meine Vollzeitstelle los war. Allerdings wollte ich keinen neuen Job, sondern lieber eine Ausbildung machen oder studieren. Um in der Zwischenzeit überleben zu können, wandte ich mich an den Staat.
Die Mitarbeiter wussten selbst nicht genau, was sie mit mir anstellen sollten. Unter 25 mit Abitur, aber ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Studium gibt's da wohl nicht so oft. Ich hatte dabei den Eindruck, dass ich ohne Ausbildung oder Studium nicht als vollwertiges und produktives Mitglied der Gesellschaft anerkannt wurde. Mehrmals kam die Frage auf: "Was haben Sie denn die ganze Zeit gemacht?!". Gearbeitet schien ihnen keine zufriedenstellende Antwort.
In der Slideshow: Diesen Berufsgruppen vertrauen die Deutschen am meisten

In der Slideshow: Diesen Berufen vertrauen die Deutschen am meisten

Welche Jobs genießen bei den Deutschen das größte Vertrauen? Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat das untersucht. Auf Platz 8 landeten Ingenieure und Techniker.
Auf Platz 6: Lokführer (obwohl die doch dauernd streiken?).
Noch ein wenig seriöser finden die Deutschen aber: Apotheker. Platz 4!
Unangefochten auf Platz 1: Feuerwehrmänner.
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Nach einem längeren Gespräch wurde mir der Antrag auf Arbeitslosengeld II ausgehändigt. Das Ausfüllen dauerte Stunden. Zum Antrag kam es jedoch nicht. Ich wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass dieser eigentlich keine Aussicht auf Erfolg habe, da ich noch unter 25 sei und meine Eltern vermutlich genug verdienen würden, dass ich sie wegen meines Unterhalts anpumpen müsse.

Lena, 32

Illustratorin Lena arbeitet als Freelancerin. Sie ist zwar ihr eigener Boss, doch auch stets abhängig von der Auftragslage. Zweimal schon sah diese nicht besonders rosig aus und die Grafikerin musste sich für einige Zeit mit Hilfe des Jobcenters über Wasser halten.

(Bild: Privat)
Die Mitarbeiter dort waren überraschend nett. Wirklich negativ eingebrannt haben sich bei mir drei Dinge.
  • Das erste war eine Beraterin, die mich zweimal hintereinander versetzt hat.
  • Ebenfalls unschön, war eine unbefristete Vollzeitmaßnahme, in die man mich steckte. Dort sollte ich an Computern Baujahr 1993 solange nach Arbeit suchen bis ich eine sozialversicherungspflichtige Anstellung finde. Problem war, dass alle Seiten zu den Suchbegriffen Grafik und Musik gesperrt waren.
  • Nach einer frustrierenden Woche habe ich mich von meiner Ärztin krankschreiben lassen und meine Selbstständigkeit beantragt, damit nämlich rutschte ich in eine andere Kategorie von Arbeitslosen. Das war zwar ätzend, aber richtig beschissen war es, nach einem Antrag auf Weiterbewilligung, drei Monate auf Geld zu warten und sich bei Freunden durchfuttern zu müssen.
Geschämt habe ich mich für Hartz IV nicht. Sollte ich doch nochmal zum Jobcenter gehen müssen, würde ich mir jedoch wünschen, dass man spezifischer auch auf kreative Berufe und motivierte Menschen eingeht. Cool fände ich persönlich, wenn sie offensichtlich motivierten Leuten sagten: "Hättest du Bock ein paar Stunden in der Woche hier als Berater zu arbeiten?" Ich würde das sofort machen.
"Was haben Sie denn die ganze Zeit gemacht?!"
Claire, 29

Claire, 29, ist gelernte Friseurin. Seit sich ihr Asthma verschlimmert hat, kann Claire diesen Beruf nicht mehr ausüben. Stattdessen entschied sie sich dafür, ihr Abitur nachzumachen. Die letzten Prüfungen sind nun durch und Claire arbeitet an ihrer Bewerbungsmappe für ein Kunststudium.

(Bild: Kirsten Herrmann)
Ich hatte eigentlich einen Vollzeitjob, bei dem ich sechs Tage die Woche zwölf Stunden am Tag gearbeitet habe. Meine Chefin hat mich aber nicht bezahlt. Das Jobcenter hat die Möglichkeit das Gehalt auszuzahlen und es sich vom Arbeitgeber wieder zu holen.

Statt mit „Hallo“ begrüßte man mich beim Jobcenter dann mit „Ausweis“ und: „Warum sind sie hier?“ Der Berater wollte, dass ich Hartz IV beantrage, obwohl ich nur ein Monatsgehalt brauchte, um meine Miete zu bezahlen. Wir haben uns dann einen regelrechten Streit geliefert.

Er meinte, dass ich keine Ahnung hätte, er der Profi sei, und er hat mich direkt weiter in die Berufsvermittlung geschickt. Ich sah im Endeffekt erstmal kein Geld und konnte mir zum Glück bei Freunden etwas leihen. Erst zwei Monate später wurde ich bezahlt.

Das war 2008. Vor einem Jahr musste ich mich krankheitsbedingt noch einmal ans Jobcenter wenden. Diesmal waren alle sehr nett und um einiges kompetenter. Grundsätzlich fehlt es dem Jobcenter aber einfach an Fachpersonal. Die Leute sind total überlastet.
Ich habe mich nie dafür geschämt Hartz IV zu bekommen, weil ich es wirklich brauchte. Ich finde aber, dass der Staat sich dafür schämen sollte, dass Arbeit verglichen mit Hartz IV zum Teil viel zu unattraktiv ist.
„Die Jobvorschläge waren echt für den Arsch. “
Benjamin, 29
Benjamin, 29

Benjamin hat seinen Bachelor in Medientechnik abgeschlossen. Ein paar Monate hielt er sich während der Jobsuche mit Erspartem über Wasser. Zurzeit absolviert Benjamin ein Praktikum in einer Online-Redaktion und würde gern beim Schreiben bleiben oder seinen Master machen.

(Bild: Kirsten Herrmann)
Mein erster Jobcenterbesuch war mir peinlich. Ich fand es total beschämend dort in der Schlange zu stehen. Man passt da nicht rein - oder will nicht reinpassen. Ich habe gemerkt, wie ich anfing, die Menschen um mich herum zu verurteilen und mich dann dafür schlecht gefühlt. Denn eigentlich hatte ich ja das gleiche Anliegen wie alle anderen dort und als ich mich so umsah, dachte ich mir: "Jetzt gehörst du also auch dazu."

Ich hatte auch das Gefühl, beobachtet und von den Mitarbeitern dort verurteilt zu werden. Das hat meine erste Sachbearbeiterin mir sehr eindrucksvoll bestätigt, indem sie immer so tat, als bekäme ich das Geld von ihr privat.
Ich bin jetzt bei meiner zweiten Beraterin. Die hat zwar keine Ahnung und muss immer ihre Kollegen fragen, ist aber wenigstens freundlich. Bis auf die finanzielle Unterstützung hat mir das Jobcenter ansonsten bisher nicht geholfen. Die Jobvorschläge waren echt für den Arsch.

Woher sollen sie es aber auch wissen? Die Gespräche waren immer viel zu kurz und allgemein gehalten. Niemand hat sich dafür interessiert, was ich eigentlich kann, obwohl ich immer wieder erzählt habe, dass ich Medientechnik studiert habe und was die Inhalte sind. Sie wollten stattdessen, dass ich mich auf eine Stelle zur Reparatur von Druckmaschinen bewerbe. Da mache ich doch nur mehr kaputt.
Luisa, 26

Wenn alles nichts wird, will Luisa umsatteln und Konditorin werden. Die 26-Jährige ist studierte Grafikdesignerin mit Schwerpunkt Editorial Design und findet seit 2013 keinen festen Job. Derzeit arbeitet sie 20 Stunden in der Woche in einem Keramikgeschäft und stockt mit Geld vom Jobcenter ihren Lebensunterhalt auf.

(Bild: Privat)
Immer wenn ich im Jobcenter in der Schlange stehe oder im Wartebereich sitze, versuche ich möglichst niemanden anzugucken, damit die nicht denken, ich urteile über sie. Aus irgendeinem Grund ist mir das ganz wichtig. Meistens bin ich aber ohnehin mit mir beschäftigt, weil ich vor den Terminen dort schon ein bisschen Bammel habe. Ich habe immer Angst, etwas falsch zu machen oder zu vergessen.

„Ich bin nicht stolz darauf und finde es ein bisschen unangenehm, Geld vom Staat zu bekommen.“
Luisa, 26
Dabei waren meine Berater bisher meistens neutral bis freundlich. Ich hatte erst einen Typen, der zu mir meinte, dass ich ein bisschen flexibler in meiner Jobwahl sein sollte, schließlich werden doch ständig Reinigungskräfte gesucht. Ich bin ruhig geblieben, wäre ihm aber am liebsten ins Gesicht gesprungen. Abgesehen davon aber kann ich wenig Negatives berichten.

Besonders gut war, dass das Jobcenter mir ein Einzelcoaching finanziert hat, in dem man mit mir ganz individuell der Frage auf den Grund gegangen ist, was ich künftig machen möchte und ganze Bewerbungsprozesse durchgespielt hat. Wenn es nicht sein muss, spreche ich dennoch nicht über meine Beziehung zum Jobcenter. Ich bin nicht stolz darauf und finde es ein bisschen unangenehm, Geld vom Staat zu bekommen.

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