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Stadt oder Land – was lässt uns kreativer arbeiten?

Keinen festen Schreibtisch mehr, Sitzsäcke statt Bürostuhl, Tischtennisplatten – solche Beschreibungen kennt man aus hippen Büros in Berlin Mitte. Aber können wir dort auch wirklich effektiv arbeiten? Oder ist ein ruhiges Büro mitten auf dem Land, neben Kuhflatschen und mit Blick auf Pferdekoppel erstrebenswerter?

Wie beeinflusst die Umgebung unsere Arbeit? Das haben wir Arbeitspsychologin Anna Steidle gefragt. Sie forscht unter anderem zur persönlichen Entfaltung am Arbeitsplatz und Wirkung der Arbeitsumgebung auf Leistung und Wohlbefinden.

(Bild: Privat)

Mit einem Glas Wein in der Hand auf einer Finca sitzen, Blick aufs Meer und vor sich den Laptop – so sieht die romantische Vorstellung vom perfekten Arbeitsplatz aus. Aber wäre man da wirklich effektiv?

Wenn man Designer, Romanautor ist oder eine ganz neue Geschäftsidee entwickeln will, kann diese Atmosphäre die Kreativität anregen. Wenn man aber als Steuerprüfer arbeitet und in einer Excel-Tabelle den Fehler finden muss, könnte es schwierig werden. Dabei kann der Blick ins Weite und Vogelgezwitscher in erster Linie ablenken.

Wie wir uns motivieren, konzentrieren und gut arbeiten können, hängt vom sogenannten Mind Set ab. Das Mind Set bezeichnet die Art, wie wir denken, die Welt wahrnehmen und unser eigenes Verhalten ausrichten. Das Umfeld Natur führt bei uns tendenziell zu Entspannung. Deshalb fällt es uns dort leichter, uns zu erholen oder neue Ideen zu entwickeln.

Warum wir die Zukunft der Arbeit in einer 8000-Einwohner-Gemeinde in Bayern suchen

Lange galt die Stadt als das Nonplusultra: mehr Menschen, mehr Business, mehr Forschung, mehr Kultur. Wer Karriere machen oder sich selbst finden und ausprobieren wollte, musste in die Stadt. Doch die Freiräume verschwinden, Zeit für Zukunftsvisionen hat kaum noch jemand.

Ganz anders auf dem Land: Hier gibt es Ruhe, viel Platz und durch die Digitalisierung ist man trotzdem nah dran – so zumindest die romantische Vorstellung.

Ist das wirklich so? Katharina verbringt eine Woche im Coworking-Space "Woidhub" in Viechtach im Bayerischen Wald, wo sich junge Pioniere Großstadtfeeling in die 8000-Einwohner-Gemeinde geholt haben. Was sie dort erfährt, berichtet sie diese Woche auf bento.

Aber was, wenn wir mitten in der Großstadt in einem Großraumbüro arbeiten?

In einer Studie in einem Mobilitätskonzern kamen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. Hier konnten die Probanden am Mittag in unterschiedliche natürliche Umgebungen eintauchen und diese virtuell erleben. 

Vorher und nachher wurden die Mitarbeiter dann jeweils zu ihrer Stimmungslage befragt. Dafür mussten sie zum Beispiel Gefühle wie "heiter", "gelassen", "glücklich" oder "wütend" auf einer mehrstufigen Skala bewerten. Das Wohlbefinden steigerte sich deutlich. 

Solche virtuellen Naturerlebnisse in Arbeitspausen können besonders für Arbeitnehmer sinnvoll sein, deren Pausenräume keinen Ausblick ins Grüne oder überhaupt keine Fenster haben. In Krankenhäusern ist das häufig so.

Was ist besser für die Motivation: Eine Pferdeweide vorm Bürofenster oder die Hochhäuser der Hafencity?

Es ist ein Trugschluss, dass die städtische Umgebung gleich für schlechtere Laune und weniger Motivation sorgt. Ein schöner Ausblick mit einer attraktiven Skyline kann auch positive Effekte haben und beispielsweise das unbeschränkte Denken fördern.

(Bild: bento)

Großstadtliebhaber sagen, sie könnten niemals auf kulturelle Angebote und die Freizeitmöglichkeiten in der Stadt verzichten. Wirkt sich das auf die Arbeit aus?

Einige Studien weisen darauf hin, dass Leute, die viel unterwegs sind, immer wieder Neues kennenlernen, mit unterschiedlichen Kulturen zu tun haben, dazu neigen, in größeren Zusammenhängen zu denken und auch weniger Vorurteile haben. Daraus könnte man eventuell schließen, dass Großstadtmenschen kreativer und toleranter sind und deshalb vielleicht besser im Team mit unterschiedlichen Kollegen arbeiten können.

Aber: Nicht jeder Großstädter probiert wirklich viel aus. Oft nimmt man dann doch jeden Morgen den gleichen Weg zur Arbeit, geht immer zum selben Sportkurs, trifft die gleichen Freunde.

Umgekehrt gibt es auf dem Land denjenigen, der sich vielleicht in der Flüchtlingshilfe engagiert und jedes Wochenende eine andere Stadt bereist. Fazit: Man kann nicht mehr wirklich pauschal zwischen Stadt und Land unterscheiden.

Tipps von Anna Steidle: Der Weg zu mehr Wohlfühlgefühl am Arbeitsplatz

1. Mach in der Mittagspause einen Spaziergang im Park. Bring "Natur" in deinen Arbeitsalltag.
2. Schaff dir zum Beispiel einen schönen Ausblick. Wenn nicht durchs Fenster, dann auf einem Bild oder Bildschirm.
3. Betrachte deinen Arbeitsplatz und überleg dir bewusst, ein oder zwei Dinge, die du selbst verbessern kannst (z.B. Einstellung des Bildschirms, Aufräumen).
4. Such und schaffe dir die optimale Arbeitsumgebung für die Aufgabe, die du als nächstes bearbeiten willst. Entscheidend ist, dass du die Umgebung als passend empfindest...
... Das kann bedeuten, dass du dir Kopfhörer aufsetzt, um nicht durch Kollegen gestört zu werden, oder sich zur Besprechung mit einem Kollegen in der Cafeteria zu treffen.
5. Schaffe dir eine informelle, gemütliche Atmosphäre für kreative Aufgaben, Gedankenaustausch und informelle Besprechungen...
... und eine formelle und professionelle Atmosphäre, wenn du schnell, effizient und analytisch vorgehen willst.
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Wie sieht es mit der Arbeit von zu Hause aus - lässt uns das Home Office unkreativ und einsam werden? 

Im Gegenteil: Wer zu Hause arbeitet, dessen Leistung fällt auch nicht ab – wie einige Arbeitgeber argumentieren. Man schafft unter Umständen sogar mehr. Wenn man regelmäßig ein, zwei Tage pro Woche von zu Hause arbeitet, hat das auch den Vorteil, dass man nicht pendeln muss. 

Pendeln ist einer der größten Stressoren für viele Arbeitnehmer. Über einen längeren Zeitraum hinweg kann Stress ganz verschiedene, negative Auswirkungen haben: Herz-Kreislaufprobleme, Erschöpfungssymptome wie Schlafstörungen und sogar Depressionen. Deshalb sind Arbeitnehmer zufriedener, wenn sie einen kurzen Arbeitsweg haben

Worauf kommt es im Büro an?

Geräuschpegel: "Großraumbüros sind bei knapp unter 20 Mitarbeiter ein Problem." Wenn nur eine Handvoll Leute im Büro arbeiteten, könnten wir einzelne Stimmen genau zuordnen, das lenke uns weniger ab, erklärt die Psychologin. Auch ganz viele Menschen in einem Raum seien ein geringerer Störfaktor. Denn dann entstehe ein Grundrauschen wie in einem Restaurant. "Auch das macht uns weniger aus." Aber wenn einzelne Gespräche von Kollegen gut hörbar sind, unterbrechen diese den Arbeitsfluss und werden zum Stressor. 

Licht: "Ausreichend Tageslicht und ein schöner Ausblick sorgen für Zufriedenheit", sagt Steidle. Allerdings sei zu beachten: Direkte Sonneneinstrahlung blendet bei fensternahen Arbeitsplätzen und das ermüdet die Augen. Durch Verschattungsvorrichtungen und lichtlenkende Elemente kann das Tageslicht so gelenkt werden, dass es auch bis tief in den Raum hineinreicht. 

Raumklima: "Hierbei kann man es eigentlich nie allen Recht machen. Es gibt immer Unzufriedene", sagt Steidle. Richttemperatur seien 23 Grad, doch Männer mögen es tendenziell kälter, Frauen wärmer.

Gibt es Unternehmen, die dem perfekten Büro schon sehr nahe kommen?

Das perfekte Büro sieht für jeden anders aus. Aber Facebook, Google und andere Firmen im Silicon Valley haben immer noch Vorbild-Charakter. Sie haben verstanden, dass Büros multifunktional sein sollten: kleine Arbeitszellen für Teams, oder einzelne Denkerzellen, in denen man ganz alleine und ungestört arbeiten kann – eine Kombination aus mehreren Bereichen ist sinnvoll.

Büros mit markanter Architektur und Wohlfühl-Atmosphäre können auch identitätsstiftend sein. Arbeitnehmer fühlen sich auch durch die Optik an ihr Unternehmen gebunden.

Viele integrieren auch Fitnessstudios, Cafés und Wäschereien in das Unternehmen – so verschwimmen Arbeit, Erholung, Ausgleich und Privatleben. Das ist einerseits gut, andererseits natürlich auch eine subtile Form der Beeinflussung, damit der Arbeitnehmer länger in der Firma bleibt. Und sich auch noch in seiner vermeintlichen Freizeit mit Kollegen über die Arbeit unterhält.

Wie sieht es mit den Büros in Deutschland aus?

Im Kampf um Fachkräfte ist auch das Büroumfeld ein wesentlicher Faktor für die Personalgewinnung. Schätzungsweise 85 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben laut einer Umfrage aus dem Jahr 2013 die Modernisierung ihrer Büro- und Arbeitsplätze auf der Agenda stehen. 

Außerdem verändern sich unsere Berufsbilder. Reine Sacharbeiten werden durch die Digitalisierung in Zukunft von Algorithmen übernommen. Wir werden zu Wissensarbeitern, die unbekannte Probleme lösen müssen und nicht nach vorgegebenen Strukturen arbeiten.

Und Wissensarbeiter brauchen keinen Druck, um die Produktivität zu steigern. Nach dem Motto: Los! Arbeite schneller!

Wissensarbeiter sind effektiv, wenn die Atmosphäre passt und sie motiviert sind – zum Beispiel in hellen Büros, mit grüner Umgebung, genügend Ruhe und Rückzugsräumen. Das müssen Führungskräfte lernen.


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