Bild: Imago/ Montage: bento

Wer diese Stellenanzeige liest, würde den rumkommandierenden Ex-Dschungelcamp-Bewohner Thorsten Legat für den Job vorschlagen. "Im Zweifel: Handeln!", "die Dinge anpacken und sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben", "du strebst eine beständige Exzellenz und Optimierung an" und willst die "Grenzen des Möglichen überwinden", ist darin zu lesen. Wenn die Leistungskennzahlen mal nicht so gut passen, sollst du Auffälligkeiten an Führungskräfte kommunizieren und stets über dein dir "unterstelltes Team" wachen.

Erinnert dich das auch an den Sportunterricht in der Schule, als dein Lehrer versucht hat, dich von der Siegerurkunde zur Ehrenurkunde zu peitschen? Oder an die Väter neben dem Tennisplatz, die bei jedem Fehler verzweifelt stöhnen? Tatsächlich handelt es sich hierbei aber um eine Anzeige von Amazon

Amazon sucht Bereichsleiter "mit militärischem Hintergrund" in der Logistik. 

Ex-Soldaten und Soldatinnen in der Lagerhalle? Stehen sie vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Fließband, die täglich unsere Amazon-Bestellungen verpacken, und treiben sie an? Mehr, mehr, mehr! Schneller, schneller, schneller!

Wir haben uns bei Amazon, ehemaligen Offizieren und der Gewerkschaft umgehört: Was steckt hinter der Stellenanzeige?

Markus Neumayer, 42, ist ehemaliger Offizier, studierte an der Münchener Bundeswehr-Universität Wirtschafts- und Organisationswissenschaften und arbeitete später bei den Streitkräften im Bereich Logistik. Jetzt steht er oft bei Amazon am Band und wacht über die Abläufe am Standort Rheinberg in Nordrhein-Westfalen. Die Arbeit mit schwerem Gerät tauschte er gegen Päckchen mit Büchern, CDs und Kleidung.

Amazon sucht Mitarbeiter, die Befehle umsetzen. Problem, Lösung, handeln – der Prime-Kunde will schließlich spätestens am nächsten Morgen sein Paket in Empfang nehmen. Und Amazon hält Soldatinnen und Soldaten dafür anscheinend besonders geeignet.

(Bild: Sophia Kembowski/dpa)

Neumayer selbst sagt, dass er einen kooperativen Führungsstil pflege. Zum Beispiel als vom Standort Graben bei Augsburg aus auch Schuhe ausgeliefert wurden, hatten die Mitarbeiterinnen zu kämpfen. In der einen Hand den Schuh, in der anderen den Scanner – das flutschte alles nicht so wie bei quadratischen CDs. "Ich scheue mich nicht, mit anzupacken, und suche gemeinsam mit den Mitarbeitern nach Lösungen", sagt Neumayer. Am Ende ließ er feste Scanner installieren, so dass seine Mitarbeiter weniger in der Hand halten mussten.

"Aus meiner Zeit bei der Bundeswehr hilft mir sicherlich das strukturierte, praxisnahe Denken", sagt Neumayer. Gesetzte Ziele erreiche er nur mit Verständnis und Offenheit, ganz bestimmt nicht mit Druck. Was für ihn bei Amazon völlig neu war: "das komplett Informelle", sagt er. Bei der Bundeswehr herrschten starre Strukturen, bei Amazon gehe es wesentlich entspannter zu.

Lena Widmann, zuständig für Online-Handel bei Verdi, nennt den Umgangston in den Amazon-Lagern nicht "entspannt" sondern "streng hierarchisch".

Verdi-Mitglieder schildern, wie Vorgesetzte in "Gesprächsnotizen" festhalten, wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter ihrer Meinung nach zu häufig auf Toilette gehen. "Andere würden das Abmahnung nennen", sagt Widmann. Ebenso werde Druck ausgeübt, wenn die Taktzahlen nicht eingehalten würden. Zum Beispiel wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter namens Picker zu langsam Waren aus dem Lager fischen oder die Angestellten nicht schnell genug Pakete packen.

"Das verstehen wir nicht unter Kollegialität und smarter Führung."
Lena Widmann, Verdi

Die geschilderten Situationen seien keine Einzelfälle. "Nicht umsonst streiken wir seit fünf Jahren immer wieder." Dabei geht es vor allem um die Forderung nach einem Tarifvertrag. Alle ehemaligen Angestellten der Bundeswehr will Widmann nicht verurteilen. Aber die Stellenanzeigen passten sehr gut zur Amazon-Philosophie: 

"Der Mensch hat keinen Platz, es geht um reine Arbeitskraft und um klares Durchregieren von oben nach unten. Das passt für Amazon offenbar gut mit dem Hierarchieverständnis der Bundeswehr überein."
Lena Widmann, Verdi

Wie erklärt Amazon die gezielte Suche nach Militär-Personal? 

Bei der Bundeswehr gebe es viele Fach- und Führungskräfte mit Logistikerfahrung, sagte ein Konzernsprecher zu bento. Viele Soldaten der Bundeswehr hätten jahrelange Erfahrung damit, Teams zu "motivieren und inspirieren". Immer wieder betont das Unternehmen, nicht nur Soldaten zu suchen – als Beispiele werden auch die gezielte Ansprache von Müttern, Gesundheitspädagogen und Sozialwissenschaftlern genannt. Von 1000 neuen, festen Arbeitsplätzen in Logistikzentren seien 20 Offiziere.

Ein rüder Umgangston würde weder vom Management, noch von den Betriebsräten an den Logistikzentren geduldet.
Amazon-Sprecher

Andere Gründe für die gezielte Suche nach Militärs nennt Stefan Geßner. Er ist Geschäftsführer bei Dienstzeitende.de, eine Seite, die Unternehmen und Ex-Soldaten und Soldatinnen zusammenbringt. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel seien diese Arbeitnehmerinnen sehr beliebt, Ausbilung und Studium bei der Bundeswehr seien sehr anerkannt.

(Bild: Monika Skolimowska/dpa)

Auf der Seite suchen neben Amazon auch andere Unternehmen aus der Privatwirtschaft nach Ex-Soldaten und Offizieren. Darunter zum Beispiel der Sicherheitskonzern Securitas, der Dienstleister Kötter Services, Aldi Süd und Rheinmetall. Während sie in ihren Stellenanzeigen vor allem auf Qualifikationen setzen, geht Amazon stärker als andere auf den militärischen Hintergrund ein. "Amazon zielt mit seiner Ansprache natürlich darauf ab, die Bundeswehr-Offiziere auf sich aufmerksam zu machen und auch ein wenig zu bauchpinseln", sagt Geßner. 

Bei Amazon in Deutschland verantwortet jemand das "Military Recruiting", der nach seiner Offiziersausbildung bei Bundeswehr im Bereich Personalmarketing und -gewinnung arbeitete.

Schon seit einigen Jahren setzt Amazon in Deutschland auf die durchsetzungsstarken Männer und Frauen. 

In den USA wird das Military Recruiting noch offensiver vorangetrieben. Auf der eigenen Webseite wirbt ein Ex-Soldat namens Travis für einen Job bei Amazon. Seine ehemaligen Kollegen versucht er so zu locken: "Ich schätze die militärisch-freundliche Atmosphäre sehr." Wie Travis und die anderen Kollegen mit einem Armee-Lebenslauf genannt werden: 

"Amazon Warriors".


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