Bild: Schønlein Media
"Der beste Tag um anzufangen, ist gestern."

Natascha Wegelin dachte, sie tut etwas Gutes für die eigene Rente, und zahlte regelmäßig in eine Versicherung ein. Bis sie entdeckte, dass Finanzmakler an ihren Ersparnissen mehrere Tausend Euro verdienten. "Ich dachte, es kann nicht sein, dass ich so wenig Ahnung habe und mich über den Tisch ziehen lasse", sagt sie heute.

Mittlerweile ist Wegelin eine bekannte Finanzbloggerin mit Zehntausenden Followern. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was man bei der eigenen Altersvorsorge beachten sollte. Sie deckt sechs Mythen auf und macht mit simplen Tipps Lust auf ein Thema, das die meisten weit von sich schieben: die Rente.

Wer steckt hinter Madame Moneypenny?

Finanz-Bloggerin Natascha Wegelin, 33, will Frauen klar machen, wie wichtig es ist, eigenes Geld anzusparen und sich nicht auf den Partner oder die Partnerin zu verlassen. Wegelin erreicht bei Facebook in ihrer "Madame Moneypenny"-Gruppe fast 40.000 Anhängerinnen. Die Community gibt sich gegenseitig Finanztipps, es gibt kostenlose Newsletter, einen Podcast oder vertiefende Kurse gegen Bezahlung.

1. Wir jungen Leute können uns Vorsorge nicht mehr leisten.

"Diese Entschuldigung lasse ich nicht gelten. Wir werden von Generation zu Generation reicher, nicht ärmer. Was für unsere Großeltern noch absoluter Luxus war, ist für uns total normal – mit 18 bekamen sie bestimmt kein eigenes Auto geschenkt oder besaßen zwei Handyverträge gleichzeitig. Wir müssen uns vielmehr fragen, ob wir unser Geld auch wirklich für das Richtige ausgeben: Wenn ich mir als Studentin die Wohnung in Berlin Mitte nicht leisten kann, dann kann ich mir die halt nicht leisten. Jeder oder jede muss nur einmal selbstkritisch reflektieren, wo er oder sie Geld für die Altersvorsorge einsparen kann."

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2. Wer sich nicht frühzeitig kümmert, kann die Altersvorsorge sowieso vergessen.

"Jeder Tag, ist ein guter Tag, um mit der privaten Altersvorsorge anzufangen. Je früher, desto besser – am besten gestern. Denn umso länger ist am Ende die Ansparphase. Wer mit Mitte 20 noch keinen Plan aufgestellt hat, sollte sich nicht allzu sehr ärgern. Das ist zwar nicht mehr optimal, aber immer noch früh genug, um einen Finanzplan aufzustellen.

Das Wichtigste ist, dass man nicht über seine Verhältnisse lebt und 'schlechte Schulden' anhäuft. Damit meine ich, dass man zum Beispiel Konsumartikel kauft und sie zu einer hohen Zinsrate abbezahlen muss. Meine Devise: Gib kein Geld aus, das du nicht hast. Geh auf Reisen, mach ein Auslandssemster, tanze auf Partys – aber lebe nicht über deine Verhältnisse. Lieber einmal weniger im Berghain feiern und dafür einmal mehr Pizza ausfahren, damit das Geld wieder reinkommt."

3. Rentenversicherungen sind überteuert.

"Ich habe selbst negative Erfahrungen mit einer privaten Rentenversicherung gemacht, die ich vermeintlich kostenlos über eine Finanzmaklerin abgeschlossen hatte. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, wovon diese Menschen eigentlich leben – bis ich bemerkte, dass diese Versicherungen mit extremen Gebühren einhergehen. In meinem Fall wären das knapp 18.000 Euro für die ganze Laufzeit gewesen. Das Geld wäre nicht in meine Versorgung sondern auf das Konto von jemand anderem geflossen. Ich hatte jahrelang ein komisches Bauchgefühl und habe irgendwann eine Kostenaufstellung von der Maklerin eingefordert. Als ich den Brief bekam, war das ziemlich uncool. Für mich war das der Anstoß, endlich alles selbst in die Hand zu nehmen.

Mittlerweile sorge ich mit Aktien, ETFs und meinen zwei eigenen Unternehmen vor. Ich besitze noch Anteile an wg-suche.de und habe Moneypenny. Für jeden, der das nicht hat, ist eine Rentenversicherung sicherlich eine sehr gute Idee – ein vernünftiges Produkt und Beratung vorausgesetzt. Ich unterscheide gerne zwischen Finanzmaklern, die dich kostenlos beraten, aber bei einem Abschluss über versteckte Kosten kassieren.

Was sind ETFs?

ETF steht für "exchange-traded fund", also börsengehandelter Fonds. Das Geld der Anlegerinnen wird in bestimmte Werte investiert. ETFs sind günstiger als sogenannte Aktivfonds, da es keinen Fondsmanager gibt, der sie verwaltet. Stattdessen bildet ein Computerprogramm einen Indexfonds nach, wie zum Beispiel den deutschen Leitindex Dax. Wenn zum Beispiel der Dax um ein Prozent zulegt, legt der Wert eines Dax-ETF in etwa ebenso viel zu. Verliert der Dax an Wert, verliert auch der Anleger entsprechend. (Stiftung Warentest, SPIEGEL ONLINE)

Was viele junge Leute bei der Altersvorsorge vergessen: Es geht nicht nur darum, Geld fürs Alter zu sparen und zu investieren. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte jeder und jede abschließen. Denn das Wertvollste, das wir haben, ist unsere Arbeitskraft."

(Bild: Jacqueline Häußler)

4. Ich muss doch eh arbeiten, bis ich sterbe.

"Für unsere Generation startet die Rente vermutlich erst in 30 bis 40 Jahren. Aber vielleicht sagt man sich ja auch: 'Wisst ihr was, ich gehe schon mit 50 in Rente – weil ich jetzt nicht so viel Bier trinke, sondern das Geld zur Seite lege und investiere. Dann habe ich ein Vermögen angespart, das es mir erlaubt, zehn Jahre früher in Rente zu gehen oder ab 40 nur noch Teilzeit zu arbeiten.'

Gerade als junger Mensch kann man doch mal außerhalb der Normen denken. Nur weil Politiker sagen, dass 67 das Renteneintrittsalter ist, heißt das ja noch lange nicht, dass ich dann auch in Rente gehen muss. Wer sich zusätzlich zu einer Rentenversicherung Vermögen aufbauen will, sollte sich über Aktien und ETFs informieren.

Auf die staatliche Rente sollten wir uns jedenfalls nicht verlassen – aber das ist ja keine neue Erkenntnis."

5. Der Finanzmarkt ist so unübersichtlich, da verstecke ich mein Geld lieber unter dem Kopfkissen.

"Ja, sich mit dem Finanzmarkt auseinanderzusetzen, kostet Zeit und Gehirnschmalz. Aber es gibt keine Alternative dazu. Was man genau unternimmt, um sein Geld zu vermehren, ist fast schon zweitrangig. Hauptsache, man tut überhaupt etwas. Mit 20 anzufangen, monatlich 25 Euro zu investieren, reicht erst mal schon aus. Wie man sich das Geld im Alter auszahlen lässt, kann man sich auf dem Weg dahin immer noch überlegen.

Zeit ist der entscheidende Faktor – je eher das Geld anfangen kann zu arbeiten, desto besser. Da macht sich dann der Zinsenszins bemerkbar. Das Beste ist natürlich eine Kombination aus beiden: Spaß haben und Geld zurücklegen. Mit ein bisschen Organisation ist das unter einen Hut zu bekommen.

Was versteht man unter Zinseszins-Effekt?

Es lohnt sich, die jährlichen Zinserträge immer wieder zusammen mit dem Startkapital anzulegen. So werden die Zinserträge mit jedem Jahr größer. Angenommen man legt 15.000 Euro zu fünf Prozent Zinsen für mehrere Jahre an, ergibt das 750 Euro Zinsen im ersten Jahr. Im nächsten Jahr werden dann schon 15.750 Euro verzinst, im dritten Jahr sind es 16.537,50 Euro und im nächsten 17.364,38 und immer so weiter. (SPIEGEL ONLINE)

Geld unter das Kopfkissen zu legen, ist jedenfalls keine gute Idee. Dann verliert es einfach nur an Wert. Schuld daran ist die Inflation, also die schleichende Entwertung des Geldes. Denn die Preise von Produkten und Dienstleistungen steigen normalerweise Jahr für Jahr, das Leben wird teurer, man kann sich vom gleichen Betrag weniger leisten."

6. Wenn die nächste Finanzkrise kommt, ist mein Geld doch sowieso weg.

"Ich freue mich total auf die nächste Krise. Ich werde nämlich genau das machen, was die anderen alle nicht machen – und zwar Geld verdienen. Das gelingt, indem ich einfach weiterhin Geld investiere.

Ein Beispiel: Ich bin Besitzerin eines Aktienportfolios im Wert von ursprünglich 10.000 Euro, in der Krise fällt der Wert aber auf 5.000. Die meisten reagieren dann überstürzt und verkaufen ihre Aktien. Ich mache genau das Gegenteil: Ich kaufe zu niedrigen Preise die Anteile der anderen auf und warte bis die Krise vorbei ist, und meine Anteile vielleicht 20.000 Euro wert sind. Bislang sind Krisen immer vorrüber gegangen.

Bei vielen entsteht der Eindruck, dass in Krisen das Geld auf einmal weg ist. Nein, das Geld löst sich nicht auf, es hat sich nur verschoben. Bei einem Börsenchrash zeigt sich, wer sich wirklich damit beschäftigt hat, wie die Börse funktioniert. Jeder, der die Mechanismen versteht, bekommt nämlich keine Panik."


Gerechtigkeit

Pathos statt Inhalt: Ich habe mich durch alle 40 Europawahl-Spots gequält

Die Europawahl läuft, am Sonntag werden auch die deutschen Abgeordneten des Europäischen Parlaments gewählt. Da es dort anders als im Bundestag seit 2014 keine Fünf-Prozent-Hürde gibt, kann jede noch so kleine Gruppierung einen oder mehrere Sitze in Straßburg ergattern – solange sie genug Wählerinnen und Wähler von sich überzeugt. Kein Wunder also, dass sich selbst Kleinstparteien im Wahlkampf ins Zeug legen und eigene Werbespots produziert haben. 

Ich checke alle 40 Spots* – insgesamt eine Stunde Wahlwerbung.

Los geht's. Ich starte mit den Großen: Union und SPD. Bei der Europawahl 2014 holten sie in Deutschland zusammen mehr als 60 Prozent der Wählerinnen- und Wählerstimmen. Was haben die beiden Volksparteien 2019 zu bieten? Da sie die größten Etats aller deutschen Parteien haben, sollten die nötigen Mittel für richtig gute Werbespots vorhanden sein.

Klick, das erste Video: Mich lächeln Menschen im Rentenalter an. Aha, denke ich, die CDU versucht also nicht mal zu verbergen, dass 63,7 Prozent ihrer Wählerschaft bei der vergangenen Bundestagswahl über 60 Jahre alt war (Bundeswahlleiter). Warum sollten sie sich nun also bei der Europawahl um diese jungen Leute bemühen? Als nachwachsende Generationen sind sie ja nur die Zukunft – um die es in dem Clip übrigens geht. Die Zukunftsvision der CDU beinhaltet allerdings nur schwammige Floskeln: Wohlstand, Sicherheit, Frieden und "gute Jobs". Was auch immer das heißen mag.

Ich muss an den Wahlwerbespot von Die Partei denken und finde deren Satire-Forderung, Menschen über 60 Jahren von der Wahl auszuschließen, plötzlich gar nicht mehr so schlecht.