Manchmal geht es nur um einen Sekt zum Geburtstag der Kollegin, manchmal wird der Alkohol zum Zwang: Wer nach Feierabend nicht mittrinkt, verliert den Anschluss zum Team.

Laut einer aktuellen Untersuchung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen trinken bis zu zehn Prozent aller Beschäftigten auf der Arbeit zu viel (SPIEGEL ONLINE). Wir haben mit jungen Leuten anonym darüber gesprochen und sie gefragt, welche Rolle Alkohol in ihrem Job spielt.

Die Fälle zeigen: Alkohol im Job ist keine Ausnahme sondern Alltag. Wie findet man den richtigen Umgang damit? Eine Expertin gibt Tipps.

Lena*, 28, aus Bonn, studiert Medienwissenschaft  – "Nach einem Jahr habe ich gekündigt."

Ich habe als studentische Hilfskraft in einer Redaktion in Köln gearbeitet. Jeden Freitag gab es ein Kölsch zum Feierabend – eine Tradition unter den jungen Leuten. Die Älteren machten nicht mit, denen war das wahrscheinlich zu blöd. Am Anfang war ich noch jede Woche dabei, wollte die anderen kennenlernen, dazugehören, mich vernetzen. Niemand hat mich gezwungen, aber es fühlte sich trotzdem wie ein Zwang an. Hätte ich Kontakte knüpfen können, wäre ich nicht mitgegangen? Wohl kaum.

Der Sender bezahlte den Alkohol, erst zwei Fässer jeden Abend, dann drei. Auch auf jedem Geburtstag oder Betriebsfeier gab es Alkohol. 

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mehr und viel schneller getrunken habe als sonst auf Partys. Ich dachte, so könnte ich etwas lockerer werden und schneller zur Gruppe finden. Stattdessen bekam ich Panikattacken. Es war laut und voll – ich fühlte mich überfordert. Ich ging dann immer aus dem Raum. Irgendwie kümmerte es auch keinen, was dazu führte, dass ich mich noch weniger dazugehörig fühlte. 

An den Treffen nahm ich dann einfach nicht mehr teil. Als ich nach meiner Abwesenheit gefragt wurde, habe ich ganz ehrlich geantwortet, dass ich mich unwohl fühle. Gesagt hat das Team nichts, aber ich spürte, wie ich mehr und mehr ausgeschlossen wurde. Irgendwann lud mich keiner mehr ein.

Nach einem Jahr habe ich dann gekündigt. Ich hatte das Gefühl, ich bekomme ein Burn-out. Dass ich nicht mehr dazugehörte, hat alles noch verstärkt. Beim nächsten Job würde ich ab und zu auch mal mitgehen, aber definitiv nicht so regelmäßig wie bei meinem alten Job.

Marco*, 26, aus Sachsen-Anhalt. Arbeitet neben dem Studium als Pfleger in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie – "Der Mitarbeiter-Kühlschrank wird immer abwechselnd aufgefüllt."

Ich trinke keinen Alkohol, nie. Meine Kolleginnen und Kollegen dafür regelmäßig. Ich arbeite neben dem Studium als Pfleger in der Psychiatrie. Vor allem während der Spätschichten treffen die Mitarbeiter sich im Mitarbeiterzimmer und schenken sich gegenseitig ein. Sie trinken nicht aus Weingläsern, sie nehmen Kaffeebecher, damit die Vorgesetzten nichts mitbekommen. Erlaubt ist das bestimmt nicht. Der Mitarbeiter-Kühlschrank wird immer abwechselnd aufgefüllt, die Pfleger trinken, aber auch die Therapeuten. 

Ich glaube, sie trinken teils wegen der Geselligkeit und teils, weil sie wegen fehlender Anerkennung frustriert sind. Ich habe aber noch nie erlebt, dass die Kollegen richtig besoffen waren, auch wenn ich schon öfter mitbekommen habe, dass sie auch auf dem Nachhauseweg weiter tranken. 

Wenn es ein paar ruhige Minuten gibt, dann setze ich mich auch mal dazu. Auch wenn die Kollegen das bestimmt anders sehen, bin ich von der Gruppe etwas ausgeschlossen, aber das stört mich nicht. Obwohl die meisten wissen, dass ich auf Alkohol verzichte, fragen sie mich trotzdem immer wieder. Ein Arbeitskollege brachte schon mal einen dummen Spruch, ob ich muslimisch sei. 

Ich finde das Verhalten verantwortungslos. Unsere Patientinnen und Patienten können manchmal unvorhergesehen eskalieren, außerdem gelten aufgrund der medizinischen Versorgung strenge hygienische Vorschriften. Bislang gab es aber zum Glück keine Vorfälle. Die Jugendlichen in unserer Klinik selbst trinken nichts, soweit ich weiß. Es ist ihnen auch verboten.

Jobcoach Nina Richter

Jobcoach Nina Richter erklärt, wie man sich gegen zu viel Alkohol im Job wehrt

Nina Richter ist Jobcoach aus Köln und gibt unter anderem Karriere- und Bewerbungs-Coaching. Wir haben sie gefragt, ab wann Alkohol im Job zu einem Problem werden kann.

Alkohol im Berufsalltag – sollte das nicht strikt voneinander getrennt sein?

"Er sollte nicht zum beruflichen Alltag gehören. Alkohol gehört für mich in die Freizeit. In manchen Firmen wird zu Geburtstagen oder bei Ein- und Ausständen gemeinsam angestoßen. Ich rate Firmen, auch immer nichtalkoholische Getränkevarianten anzubieten. Zum Schutz von trockenen Alkoholikern gehört es schon lange in vielen Firmen zum guten Ton, keine alkoholischen Schokoladen oder Ähnliches zu verschenken."

Was kann ich tun, wenn der Alkoholkonsum durch den Job gestiegen ist und man sich damit unwohl fühlt?

"Am Anfang steht die persönliche Einsicht: Es ist völlig in Ordnung und gesund, keinen oder wenig Alkohol zu trinken. Rede bei Bedarf mit Freunden, Familie oder einer neutralen Person wie einem Coach darüber. Sollte man nur dazu gehören, wenn man mit dem Team trinkt, scheint generell etwas nicht zu stimmen. Es mag unangenehm sein, 'nein' zu sagen, Grenzen zu setzen, ist jedoch eine wichtige Kompetenz. Kommuniziere, dass du weniger oder nicht mehr trinken willst und lass dich nicht ausgrenzen oder dir Kritik gefallen."

Wie sollte ein angemessener Alkoholkonsum mit Kollegen aussehen?

"Ob jemand trinken will oder nicht, ist seine freie Entscheidung. Wichtig ist auch, für sich selbst darauf zu achten, dass keine Kollegen zum Trinken animiert werden oder bei Alkoholverzicht nach dem Grund gefragt wird. Das erleichtert das 'Nein' sagen

Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass sich ein gutes Kollegenverhältnis nicht auf den Konsum von Alkohol beschränkt. Es gibt genügend andere Möglichkeiten, sich gemeinsam zu entspannen: Kickern, Sport, Meditation oder gemeinsames Essen. Nicht-Trinker können bewusst den Chef oder die Personalabteilung ansprechen und entsprechende Vorschläge und neue Rituale ohne Alkohol anregen."

Lisa*, 26, arbeitet als Werkstudentin in der IT-Abteilung eines Start-ups – "Damit sollen die jungen Nachwuchskräfte für die hippe Branche angesprochen werden."

Wer sich Jobangebote von Start-up-Unternehmen anschaut, dem fällt auf, dass gerne mit einem Kühlschrank voller Bier und Mate geworben wird. Damit sollen die jungen Nachwuchskräfte für die hippe Branche angesprochen werden. 

Zum Lifestyle gehört ein Bier nach Feierabend oder an Geburtstagen. Das ganze Start-up-Konzept beruht ja darauf, dass die Mitarbeiter in einem familiären Umfeld arbeiten und auch mal nach Feierabend etwas länger bleiben – viel arbeiten, aber gute Laune dabei haben. 

Der Alkohol alleine war für mich nie der Hauptgrund dort zu arbeiten. Es ist eher die familiäre Kultur. Ich bleibe manchmal auch ohne Alkohol etwas länger auf der Arbeit und unterhalte mich noch mit meinem Arbeitskollegen. In der Regel trinken wir aber meistens ein Feierabendbier. Tagsüber nur, wenn etwas ansteht – wie ein Geburtstag oder Projektabschluss.

Aus Sicht der Chefs ist das natürlich schlau: Viele Kolleginnen und Kollegen, die zum Feierabendbier länger bleiben, lassen dann noch nebenbei den Computer an. So können noch Programme weiterlaufen, während die Kollegen sich unterhalten und trinken.

Mir ist aufgefallen, dass ich durch meinen Job viel mehr trinke – zeitweise fast täglich. Als mir das bewusst wurde, habe ich einen ganzen Monat darauf verzichtet. Früher habe ich getrunken, wenn ich mit Freunden verabredet war, durch die Atmosphäre bei der Arbeit wurde der Alkoholkonsum etwas Alltägliches. Mein Vorsatz: nur eine Flasche Bier pro Woche.

Alkohol im Job – wie ist die Gesetzeslage?

In Deutschland gibt es kein gesetzliches Alkoholverbot am Arbeitsplatz. Allerdings muss der Arbeitgeber nach dem Arbeitsschutzgesetz alle Maßnahmen treffen, um die Arbeitnehmer vor Unfällen und Gesundheitsgefahren zu schützen. Unternehmen dürfen selber regeln, ob und wie sie ein Alkoholverbot verhängen. Alkoholkonsum am Arbeitsplatz bewegt sich deshalb in Grauzonen. Vor allem Arbeitnehmer sollten wissen, dass sie in der Regel unter Alkoholkonsum nicht unfallversichert sind und bei Unfällen mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und mit hohen Krankenkosten rechnen müssen. Wenn ein Alkoholverbot verhängt wurde und das Verbot missachtet wird, kann das ein Kündigungsgrund sein. (Kenn dein Limit/ Markt und Mittelstand)

Sarah*, 26, arbeitet in Ostwestfalen-Lippe neben dem Studium als Kellnerin – "Nach einer ganz harten Schicht trinke ich auch mal einen Schnaps."

Ich bin Kellnerin in einer Kneipe. Die Arbeit macht Spaß, weil die Kollegen und Gäste meist sehr freundlich sind. Wir duzen sie, es gibt viele Stammkunden, die regelmäßig kommen und von denen man bereits weiß, was sie trinken wollen. Das Thema Alkohol spielt natürlich eine große Rolle bei uns. Wir Mitarbeiter dürfen alles trinken, was da ist, und müssen während der Schicht nicht selbst dafür zahlen.

Jeder trinkt unterscheidlich viel, die einen verzichten, weil sie noch Auto fahren müssen, andere trinken nur in der Zigarettenpause, wiederum andere trinken mit den Gästen. Ich selber trinke nur manchmal Alkohol während der Arbeit. Zum Beispiel, wenn ich eine Bestellung falsch verstanden und zu viele Getränke vorbereitet habe. Nach einer ganz harten Schicht trinke ich auch mal einen Schnaps mit Arbeitskolleginnen und Kollegen. Aber es bleibt dann bei einem. Vor allem wenn ich mehrere Schichten hintereinander habe, trinke ich gar nichts, weil ich nicht jeden Morgen verkatert aufwachen will. Außerdem möchte ich auch meinem Körper mit zu viel Alkohol nicht schaden und achte deswegen darauf, wenig zu trinken.

Das Gute bei uns ist: Keiner wird gezwungen zu trinken. Wir sind da sehr locker und wenn einer nicht trinkt, dann trinkt der eben nicht. Man spricht ja auch nicht Gäste an, wenn sie eine Cola statt einem Bier bestellen. Wieso also sollte man dann Kollegen darauf ansprechen?


Fühlen

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Es ist Spätsommer 2006 in Mittelhessen. Die Welt ist zu Gast bei Freunden und verfolgt gespannt die Fußball-WM, während ich das erste Mal in meinem Leben umziehe. Wie so oft werde ich dazugerufen, um meinem Vater dabei zu helfen, irgendetwas zusammenzubauen, dieses Mal einen neuen Schrank, den wir auf dem Flohmarkt gekauft haben.

"So, jetzt versuch du es mal", fordert mich mein Vater erwartungsvoll auf. Ich soll irgendwelche Schrauben in den Schrank drehen, und dabei darauf achten, dass nicht alles zusammenfällt. Nach dem vierten Versuch gebe ich ernüchtert auf, mein Vater schäumt vor Wut und sagt: "So etwas musst du als Mann können, sonst respektiert dich keiner. Und jetzt geh weg, dich kann ich hier sowieso nicht gebrauchen!"

Ich drehe mich um, laufe die Treppen runter und suche meine Mutter, ich weine. Ich möchte umarmt werden, sie tröstet mich mit den Worten: "Du kennst deinen Vater."

Ja, ich kenne meinen Vater. Sein Bild von Männlichkeit hat meines geprägt. Ich merke das noch immer in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen.

Zum Beispiel, wenn ich in Berlin in meinem Lieblingscafé am Kottbusser Tor sitze. Die Sonne scheint für Anfang Mai besonders hell auf die grauen Kreuzberger Betonfassaden. Ich bestelle wie gewöhnlich einen großen Schwarztee, nehme voller Vorfreude einen Schluck, setze die Tasse schnell wieder ab und greife panisch nach der Wasserflasche, die immer griffbereit in meinem Rucksack liegt.

Eigentlich weiß ich, dass der Tee immer zu heiß ist, wenn ich ihn bekomme und ich kurz warten sollte, bevor ich ihn trinke. Aber der Drang war auch diesmal zu groß. Ich wollte ihn trinken, wie man ihn trinkt: heiß, schnell und ungekühlt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Gefühle oder Irritation zu zeigen. So kannte ich das, so wurde es mir beigebracht - von einer Gesellschaft, die auf starre Männlichkeit fixiert ist.