Bild: Initiative Code your Life | Christiane Herold

Und was willst du später werden? Diese Frage haben wir schon gehört, als wir noch nicht mal richtig lesen und schreiben konnten. Wohl nur selten haben Mädchen geantwortet: "Ich werde mal als Ingenieurin arbeiten."

Heute liegt der Anteil in mathematisch-technischen Berufen in Deutschland gerade bei etwa 15 Prozent. Das Interesse wächst aber vor allem bei jüngeren Frauen. Etwa 28 Prozent der Studierenden in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sind weiblich. (Arbeitsagentur)

Wie können es noch mehr werden? Ist es eine Lösung, Informatik bereits an Grundschulen zu unterrichten? Und Klischees gar nicht erst entstehen zu lassen?

Wir haben mit Katharina Geldreich gesprochen. Sie ist Entwicklerin und Initiatorin von Algorithmen für Kinder ("AlgoKids"), einem Projekt der TU München. Die 31-Jährige gibt seit 2018 Fortbildungen für Grundschullehrerinnen und -lehrer von 20 Schulen in ganz Bayern, damit diese ihren Schülerinnen und Schülern das Programmieren beibringen können. Geldreich ist im Unterricht dabei und wertet die Erfahrungen der Lehrkärfte aus.

Nach ihrem Grundschulpädagogik-Studium und dem Master in "Medien und Bildung" arbeitet sie nun an der TU für den Bereich "Didaktik in der Informatik".

Katharina Geldreich 

(Bild: Initiative Code your Life | Christiane Herold)

Wie erlebst du deinen Arbeitsalltag als Frau?

Als Grundschulpädagogin in der Informatikdidaktik war und bin ich immer noch eine Rarität. Gerade am Anfang haben mich viele verwundert angesehen – nach dem Motto "Was macht die denn hier?"

Viele Informatiker haben sich über meine Herangehensweise als Pädagogin amüsiert. "Jetzt fängt die schon wieder an, Blätter zu laminieren." Das hätten sie über einen männlichen Pädagogen aber wohl auch gesagt, oft musste ich auch mitlachen. Am Ende hat das Ergebnis überzeugt. Meine Ideen haben funktioniert.

Musst du als Frau in der Männerdomäne besonders gut sein, um zu überzeugen?

Es geht nicht darum, besser zu sein. Aber als Frau solltest du dich darum kümmern, dass auch wirklich jeder mitbekommt, dass du gut bist.

Man sollte seine eigenen Stärken und Fähigkeiten kennen und die deutlich betonen. Das machen Männer ja auch.

Man muss nicht alles beherrschen. Ich bin zum Beispiel didaktisch top und sehr kreativ, dafür kenne ich mich nicht in den Tiefen der theoretischen Informatik aus. Meine Kolleginnen und Kollegen schätzen diese Stärke.

Wie kam es zu dem Projekt "AlgoKids"?

Mein Forschungsanliegen war von Anfang an die Antwort auf die Frage: Wie kann man Grundschulkindern das Programmieren beibringen? Zunächst haben wir an der TU Dritt- und Viertklässlern Kurse im Programmieren gegeben. Irgendwann wurde das Bayerische Kulturministerium auf uns aufmerksam und hat zunächst 20 Schulen ausgewählt, die nun mit uns zusammenarbeiten. Jeweils zwei Lehrer betreuen wir.

Und wie setzen die Schulen dein Projekt dann um?

Das sieht an jeder Schule anders aus. Es gibt einzelne Projekttage zur Informatik, andere bringen das Thema in Förderstunden unter, und wieder andere bieten Programmieren als AG an.

Ein Beispiel aus einer ersten Unterrichtsstunde: Wir fangen ohne Comupter und in "Alltagssprache" an. Die Schülerinnen und Schüler programmieren die Lehrkraft und üben dabei das Formulieren von ganz konkreten Befehlen. Die Kinder sollen zum Beispiel die Lehrerin so programmieren, dass sie das Fenster öffnet; der "LehrerBot" macht genau das. Wenn sie sagen "Gehe geradeaus", läuft der LehrerBot so weit er laufen kann – die Kinder merken schnell, dass sie sich genauer ausdrücken müssen. "Gehe zehn Schritte nach vorne."

Erst später kommen die Kinder mit der Programmiersprache Scratch in Berührung. Bevor wir an Rechnern arbeiten, werden algorithmische Strukturen erst einmal analog eingeführt – in Form von ausgeschnittenen Programmierbefehlen mit Magneten und Klettverschlüssen.

AGs sind doch freiwillig. Wie hoch ist der Zulauf?

AGs haben den Vorteil, dass nur Schüler dabei sind, die wirklich Interesse an der Thematik haben. Tatsächlich ist der Jungenanteil meist höher als der Mädchenanteil. Erst gestern habe ich wieder eine Gruppe besucht, der Anteil der Jungen lag etwa bei zwei Dritteln. Der Nachteil: Manche Mädchen wissen vielleicht gar nicht, dass ihnen der Kurs Spaß machen könnte.

Macht sich das im Unterricht bemerkbar?

Egal ob die Teilnahme am Programmierkurs freiwillig ist oder nicht, die Jungen und Mädchen sind gleichermaßen interessiert. Sie programmieren nebeneinander und niemand sagt etwas darüber, dass Jungen oder Mädchen besser oder schlechter seien.

Aber es gibt schon auffällige Unterschiede in dem, was die Kinder programmieren. Im späteren Verlauf des Kurses kommen wir zum "Freien Programmieren". Hier können die Kinder Hintergründe und Figuren auswählen oder selbst gestalten. Es fällt auf, dass die Mädchen eher kleine Animationen und Geschichten programmieren – Figuren sind häufig Tiere, Einhörner, Prinzessinnen. Bei den Jungs findet man solche Geschichten und Animationen auch, dann aber eher mit Fußballspielern, Autos oder Geistern.

Auch die Herangehensweise an die Aufgaben ist zwischen Jungen und Mädchen unterschiedlich: Mädchen lösen Aufgaben sehr schnell und stehen schnell wieder vorne bei der Lehrerin oder dem Lehrer und fragen nach der nächsten Aufgabe. Die Jungs machen erst mal viele andere Dinge, probieren aus, sind explorativer und gehen dann erst an die eigentliche Aufgabe. Die Mädchen denken zielgerichteter, die Jungen freier.

Es gibt also doch Rollenklischees?

In Bayern ist Informatik an allen weiterführenden Schulen Pflichtfach. Meine Kollegen dort haben berichtet, dass die Fächer Mathematik und Informatik oft als "Fächer für die Jungen" angesehen werden und die sprachlichen beziehungsweise musischen Fächer eher als "Fächer für die Mädchen". Die Eltern gingen davon aus, dass die Kinder eher in dem einen oder dem anderen begabt seien. Sie hätten das Gefühl, dass in Rollenklischees gedacht würde, statt wirklich die Talente zu betrachten. Das waren Einschätzugen und Gefühle, ich konnte so etwas an der Grundschule noch nicht festmachen.

Die Bilder von Geschlechterrollen scheinen erst mit der Zeit zu kommen.

Was können Lehrer oder Eltern im Millennial-Alter tun, um zu vermeiden, dass die alten Geschlechterklischees in den Köpfen der Kinder heranwachsen?

Eltern sollten ihre Kinder und deren Fähigkeiten ernst nehmen. Ihnen glauben, wenn sie sagen, dass ihnen etwas Spaß macht oder dass sie gut in etwas sind – egal, welches Geschlecht das Kind hat.

Und Lehrer sollten gute Vorbilder sein. Das finde ich an den "AlgoKids"-Lehrern so toll: In den meisten Fällen hatten sie in der Schule kein Informatik. Sie müssen das Fach also selbst von vorne lernen.

Gleichzeitig sind die meisten Lehrenden an Grundschulen weiblich. So können also die Kinder sehen, dass ihre Lehrerinnen freiwillig das vermeintlich männliche Fach lernen – und das prägt ja vielleicht ihr späteres Bild der Informatik.

Nach deinen Erfahrungen mit Kindern von heute: Wie sieht die Zukunft von Frauen in Mint-Berufen aus?

Ich wünsche mir, dass die Generation, die da gerade heranwächst, hoffentlich schon viel aufgeklärter ist. Ich merke durch meine Arbeit mit Grundschulen, wie unvoreingenommen die Kinder sind, und dass Mädchen und Jungen gleichermaßen Spaß an der Informatik haben. Ich hoffe, wir schaffen es, dass sie es bleiben.

Darum finde ich es so wichtig, schon in der Grundschule aufzuzeigen, dass Stärken und Schwächen in einem Fach nicht an ein Geschlecht gebunden sein müssen. 

Zum Schluss ein Rat von dir: Was, wenn motivierte junge Frauen, die Algo-Kids von heute, später auf männlich dominierte Arbeitsbereiche treffen mit Vorgesetzten "der alten Schule" – wie können sie Klischees aufbrechen und sich gegen Vorurteile wehren?

Mein persönliches Credo ist, sich auf gar keinen Fall in eine Opferrolle drängen zu lassen. Durchhaltevermögen zeigen, mit Können glänzen und auf die eigenen Stärken bauen – darauf kommt es an.

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