Bild: Daniel Bockwoldt/dpa
Zweite Woche, neuer Versuch: Was halten Studierende von Luckes Vorlesung?

Dass Bernd Luckes Rückkehr als Dozent an die Uni Hamburg kein leichtes Unterfangen werden würde, hatte sich schon bei seiner ersten geplanten Vorlesung in der vergangenen Woche gezeigt. Proteste hatten dazu geführt, dass Lucke seinen Unterricht nicht halten konnte (bento). An diesem Mittwoch sollte es nun inhaltlich losgehen. Dafür hatte die Universität einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt und die Vorlesung in einen kleineren Hörsaal verlegt.

Aber nach rund 45 Minuten wurde die Veranstaltung dann doch gestört. Etwa 20 Personen schafften es, am Sicherheitsdienst vorbei in den Hörsaal zu gelangen. Die Vorlesung wurde daraufhin abgebrochen. Lucke verließ den Raum durch den Hinterausgang.

Aber wie ist so eine Vorlesung bei Bernd Lucke? Wir haben mit Studierenden darüber gesprochen.

Schon 30 Minuten vor Vorlesungsbeginn hatte sich eine lange Schlange vor dem Anna-Siemsen-Hörsaal der Uni Hamburg gebildet. Die eingeschriebenen Studierenden waren gebeten worden, frühzeitig zur Makroökonomie-Veranstaltung von AfD-Mitgründer Bernd Lucke zu erscheinen. Auf der anderen Seite des Gebäudes fand zu diesem Zeitpunkt eine Demonstration statt, an der laut Polizei etwa 40 bis 50 Personen teilnahmen. Ab elf Uhr hatten sich Protestierende zur Kundgebung getroffen. Sie demonstrierten friedlich, hielten Reden, spielten Geige.

Lucke hatte sich 2014 nach der Gründung der AfD von der Uni Hamburg beurlauben lassen, um als Berufspolitiker für die AfD ins Europaparlament zu wechseln. 2015 verließ er die Partei im Streit über eine stärkere nationalkonservative Ausrichtung und prangerte in der Folgezeit fremdenfeindliche und rechtsextreme Tendenzen an. Nachdem er nicht erneut ins EU-Parlament gewählt wurde, muss er nun laut Beamtengesetz seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder aufnehmen. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit formierten sich Proteste gegen seine Rückkehr.

(Bild: Daniel Bockwoldt/dpa)

Wer an diesem Mittwoch zur Lucke-Vorlesung wollte, musste sich gedulden. Der private Sicherheitsdienst räumte zunächst den Hörsaal, kontrollierte dann die Studierendenausweise und hakte eine Teilnehmerliste ab. Wer nicht für die Vorlesungsreihe angemeldet ist, durfte nicht in den Raum.

Von außen ließ sich nur kurz ein Blick durch die offene Türen werfen. Während die Studierenden den Hörsaal betraten, saß Lucke auf dem Podium, blickte in ein Buch. Ein Beamter projizierte eine Powerpoint-Präsentation an die Wand: "Kapitel 14: Finanzmärkte und Erwartungen". Mit einer Viertelstunde Verspätung schlossen sich um 12:30 Uhr die Türen des Hörsaals und die Vorlesung begann.

Nur die Studierenden der Volkswirtschaft wissen, was dann passierte. Für sie ist die Vorlesung eine Pflichtveranstaltung.

"Herr Lucke hat sich am Anfang der Vorlesung deutlich von den Vorwürfen gegen ihn distanziert", erzählen Allan, 23, und Nikolai, 20. Beide studieren im dritten Semester VWL. "Er hat gesagt, er wisse nicht, was der Neoliberalismus, der ihm vorgeworfen wird, angeblich bedeuten soll." Laut den Studenten versuchte Lucke lange, seine Position klarzumachen. "Es hat sich dann jemand gemeldet und ihn gebeten, dass er doch bitte mit dem Inhalt beginnen und nicht nur über Organisatorisches reden soll."

Als Professor hätte Lucke seine Sache gut gemacht, meinen Allan und Nikolai.

„Er hat die Themen verständlich vermittelt. Was er erklärt hat, war sachlich und auf aktuelle Beispiele bezogen“
Allan und Nikolai

Auch Tom, 20, studiert im dritten Semester VWL und muss die Veranstaltung besuchen. "Ich habe mir im Vorfeld alte Vorlesungen von Herrn Lucke angeschaut", sagt er. "Ich finde sie sehr gut. Er spricht deutlich, erklärt alles und redet nicht zu schnell." Würde es zusätzlich eine Vorlesung bei einem anderen Dozierenden geben, hätte er sich auch diese angeschaut und dann anhand der Inhalte entschieden, welche er besucht.

Nach den Vorfällen vergangene Woche fand Tom die Einlasskontrollen berechtigt. "Ich verstehe die Andeutungen der linken Szene", sagt er. "Persönlich habe ich aber keine so klaren Beweise gegen Herrn Lucke gefunden, wie es beispielsweise bei Björn Höcke oder Frauke Petry der Fall ist. Nach meiner Kenntnis hat der rechte Strom in der AfD erst nach Luckes Austritt begonnen."

Hendrik, 21, ebenfalls im dritten Semester VWL, steht neutral zu Lucke. Aufgrund der Proteste fühlt er sich um sein Recht auf Bildung betrogen. "Lucke hat im Vorfeld schon dargelegt, dass es ihm in erster Linie darum ging, eine euroskeptische Partei zu gründen. Das hat Herr Lucke auch heute nochmal betont", erzählt er. "Ich denke, wegen der Proteste kommen mehr Studenten als bei anderen Vorlesungen, zu denen teilweise nur die Hälfte der Angemeldeten erscheint." Die Studierenden sind für ihr Studium auf die Leistungspunkte, die sie für die Vorlesung bekommen, angewiesen. Sie störten sich an den Protesten. Hendrik beobachte deswegen eine gewisse Sympathisierung einiger Studierenden mit Lucke.

"Bevor der Hörsaal gestürmt wurde, konnte man sich schon nicht mehr konzentrieren", erzählt er weiter.

„Man hat gemerkt, was für ein Druck draußen herrscht. Die ganze Zeit hat es gegen die Tür geklopft. Es war ein beklemmendes Gefühl, da man nicht wusste, wer gleich alles in den Raum kommen wird.“
Hendrik

Gegen 13:15 Uhr versuchten etwa 20 Protestierende, den Hörsaal zu stürmen. Zuerst wurden sie von den Securitys aufgehalten. Es kam zum Gedränge zwischen den Demonstranten und dem Sicherheitspersonal. Immer wieder öffneten sich die Türen einen Spalt. Schließlich konnten die Securitys die Protestierenden nicht mehr aufhalten und sie gelangten in den Hörsaal.

In diesem Moment war Bernd Lucke schon nicht mehr im Raum. Laut Studierenden, die anwesend waren, hatte er die Vorlesung zuvor abgebrochen und den Hörsaal mit mehreren Sicherheitskräften verlassen.

Auch die anwesenden Vorlesungsteilnehmer und -teilnehmerinnen wurden vom Sicherheitspersonal aufgefordert, durch den Hinterausgang nach draußen zu gehen. Ein paar Minuten lang standen sie anschließend vor dem Gebäude, diskutierten und gaben den anwesenden Medien Interviews. Lucke selbst war für ein Statement nicht zu erreichen. 

Nach der Vorlesung veröffentlichte die Universität Hamburg eine Stellungnahme. Darin verurteilen sie die Störung der Vorlesung. Es sei unter keinen Umständen hinzunehmen, dass die Freiheit von Forschung und Lehre in irgendeiner Form beeinträchtigt werde und Beamte an der Ausübung ihrer Amtspflichten gehindert würden.

"Eine Universität kommt in einer solchen Situation allerdings an die Grenzen ihrer Möglichkeiten der Herstellung von Sicherheit und Ordnung", heißt es weiter. "Es ist nunmehr Aufgabe der Politik, dafür Sorge zu tragen, dass die Hochschulen der Freien und Hansestadt Hamburg ihrem staatlichen Auftrag in Sicherheit und Freiheit nachgehen können."


Fühlen

"Ich dachte, der Teufel will mich schwul machen": Micha wollte sich von seiner Homosexualität heilen lassen
Es begann ein 14 Jahre langer Kampf.

Ich treffe Micha in einem Park in der Stuttgarter Innenstadt. Seit fast einem Jahr habe ich mit dem 31-jährigen Erzieher Kontakt. Lange habe ich nach Menschen gesucht, die bereit sind, mit mir über Homosexualität und Glauben zu reden. Nach einigen Gesprächen mit Vereinen, die sich für die Opfer von Konversionstherapien einsetzen, meldete sich Micha bei mir. 14 Jahre lang hat er aufgrund seines Glaubens gegen seine Homosexualität gekämpft und sich mehreren Therapien unterzogen. Nun erzählt er mir seine Geschichte.

Als ich 14 Jahre alt war, konnte ich es nicht nachempfinden, wenn meine Mitschüler ein Mädchen interessant fanden. Ich dachte immer, dass ich einfach länger brauche, um mich sexuell zu entwickeln. Aber ich habe Frauen nie als sexuell anziehend empfunden.

Für mich war das ein riesiges Problem. Meine Eltern haben mich freikirchlich-evangelikal erzogen. Unser Glaube war sehr bibeltreu orientiert. Mir war klar: Ich möchte mein Leben nach dem Willen Gottes gestalten – da hatte Homosexualität keinen Platz. In meinem Kopf hatte Gott immer einen Plan für mich.

Mein Schwulsein habe ich als Prüfung gesehen: als das Kreuz, das ich zu tragen habe. Für mich war es der Satan, der mir homosexuelle Gedanken in den Kopf setzt, um diesen Plan zu sabotieren.

Ich habe versucht, gegen meine Sexualität anzukämpfen, bin aber immer mehr verzweifelt.