Über Überforderung, Druck – und wunderschöne Momente

Sie leiten die Visite, nehmen Blut ab, verschreiben Medikamente, ordnen Untersuchungen an – und manchmal dürfen Assistenzärztinnen und Assistenzärzte auch operieren. Sie haben das Medizinstudium hinter sich, müssen aber eine mehrjährige Weiterbildung unter Aufsicht von Fach- oder Oberärzten durchlaufen, bis sie in voller Eigenverantwortung arbeiten dürfen.

In diesen Jahren kann viel passieren: mit den Kollegen, mit den Patienten, privat. Wie geht es denen, die dabei sind, Ärztin oder Arzt zu werden? Müssen sie klarkommen mit unzähligen Überstunden, Sterbenden und Klinik-Keim-Skandalen? Genießen sie das neue Gefühl, das kräftezehrende Studium endlich hinter sich zu haben, Menschen heilen zu können?

In deutschen Krankenhausern sind laut Bundesärztekammer insgesamt 198.500 Ärzte tätig. Die Kammer schätzt, dass etwa die Hälfte davon Assistenzärzte sind.

Wir haben mit drei von ihnen gesprochen und sie gefragt, wie sie ihren Start in den Beruf erleben. Sie erzählen von Druck, Überforderung, Tod – aber auch wunderschönen Momenten.

Eddie, 28, Anästhesist im zweiten Jahr – in Hamburg

In unserem Krankenhaus bin ich unter anderem dafür verantwortlich, dass Leute rechtzeitig wieder aufwachen und nicht verbluten. Wenn so eine Schicht hinter mir liegt, fühle ich mich manchmal wie der König der Welt.

Immer dann, wenn ich einen guten Tag hatte, der bei mir so aussieht: Alles läuft nach Plan, das Team funktioniert, die Patienten schlafen ein und kommen zurück, ich führe gute Gespräche, und vielleicht habe ich noch einen dankbaren Angehörigen getroffen, der sich über eine geglückte Operation des Verwandten freut – da wird mir warm ums Herz. 

Und was, wenn ich einen Fehler mache?(Bild: Unsplash)

Ich habe damals mit normalen Arbeitszeiten angefangen, von 8 bis 16 Uhr ging die Schicht auf meiner Station. Doch immer öfter bekam ich auch Schichten auf der Intensivstation, und dann nachts oder an Wochenenden. Die Tage wurden länger, ich war manchmal zwölf oder sogar 24 Stunden da.

Eine richtige Einarbeitung für diese Schichten bekam ich nie, obwohl die Verantwortung gerade auf dieser Station sehr hoch ist. "Du schaffst das schon", hieß es nach drei Tagen, obwohl die Einarbeitungszeit zwei Wochen vorschreibt. 

Ich fühle mich manchmal wie der König der Welt
Eddie

Da liegen dann im Extremfall mehr als zehn Todkranke, die jederzeit kurz vor einer Operation stehen könnten, dann muss ich ran. Ich hatte schon einen Dienst, in dem drei Leute hintereinander einfach gestorben sind. 

Sowas ging mir nah, gleichzeitig wusste ich nach meiner ersten Toten im Dienst, dass ich Abstand halten muss. 

Die Verstorbene war eine 95-jährige Frau, die während einer Bein-OP instabil geworden ist. Ihre Venen waren für einen Zugang der Narkose zu eng und wir haben versucht, einen zentralen Zugang zu legen. Aber dann war es schon zu spät, alles piepte. Sie war einfach zu schwach für eine Operation. 

Im Extremfall liegen da mehr als zehn Todkranke
Eddie

Eine halbe Stunde haben wir noch probiert, sie zurückzuholen, dann ließen wir es sein. Mein Oberarzt übernahm. Ich musste weiter und sprach zwei Minuten später mit dem nächsten Patienten. 

Das war schon seltsam. Da lag dann ein junger Typ, den ich über die Risiken seiner Operation aufklären musste. Als ich nach dieser Schicht nach Hause bin, war ich fertig. Ich ging feiern, ließ los. 

Seitdem betrachte ich das Thema Tod aus einem anderen Blickwinkel. "Nicht an sich ranlassen", ist seit diesem Tag meine Devise. Sonst macht man sich im Kopf kaputt und hält den Druck nicht aus. Ich konzentriere mich jetzt auf die Laborwerte und die Ergebnisse aus den Untersuchungen. Wenn jemand stirbt, stirbt er und ich kann dann damit leben.  

Denn ich tue, was ich kann, um einen Menschen am Leben zu halten. Ich darf es mir nicht vorwerfen, wenn es zu Ende geht. Wer so etwas nicht aushalten kann, ist falsch in diesem Job.

Emma, 29, Chirurgin im zweiten Jahr – in München

Am schlimmsten waren die ersten sechs Monate. Ich hatte ständig Angst, was falsch zu machen.

Mittlerweile geht es besser, die Psyche gewöhnt sich wohl an jedes Gefühl. Ich zweifle weniger an meinen Fähigkeiten, mache Fortschritte.

Bisher hatte ich auch nur ein schreckliches Erlebnis. Es drehte sich um eine ältere Patientin, die wegen Gefäßproblemen kam. In einem Vorbereitungsgespräch fragte ich sie und ihre Schwiegertochter, die mit dabei war, ob ich im Laufe der folgenden Untersuchung auf Allergien achten muss. Das macht man so, bevor Medikamente vergeben werden. 

Und wenn was passiert? (Bild: Unsplash)

Die beiden verneinten. Ich gab ihr ein Antibiotikum. Und was passierte? Die Patientin bekam wenige Momente später einen Anfall und musste wiederbelebt werden. Es stellte sich heraus, dass sie gegen genau das Medikament allergisch war. Das konnte natürlich keiner wissen.

Zum Glück überlebte sie. Aber in diesen Momente dachte ich nur eins: "Ich habe zum ersten Mal jemanden umgebracht." Seit dem Frage ich immer sehr gewissenhaft nach Allergien auf Medikamente. 

Man sieht mir den Stress an
Emma

Manchmal träumte ich von dem Vorfall und vor dem Einschlafen ging ich jeden Schritt im Kopf noch einmal durch. Dadurch passieren mir Fehler kein zweites Mal. 

Man sieht mir den Stress auch an. Die langen Dienste lassen mich gefühlt zehn Jahre altern. Wahrscheinlich fragen mich meine Freunde deswegen öfter als früher, ob es mir gut geht. 

Aber ich kann eigentlich nicht beschweren. Mein Team ist toll und ich bekomme jede Unterstützung, die ich brauche. Meine Oberärzte sind immer für mich da. Deswegen beruhigte ich mich nach einiger Zeit.

Doch befreundete Studienkollegen erzählen oft Geschichten, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann. Denn meistens ist es so: Wenn man als junger Assistenzarzt nicht weiter weiß, ist man erst mal auf sich allein gestellt. Viele haben Angst, einen Anschiss zu kassieren, wenn sie zu viele Fragen stellen. Die Kommunikation zwischen Älteren und Jüngeren ist schwierig, was am Ende keinem hilft, weder uns, noch den Patienten.

Michael, 30, Geriater im ersten Jahr – in Köln

Ich bin Ende 2016 mit dem Studium fertig geworden. Nach der Doktorarbeit ging es dann an ein Krankenhaus in Köln – in die Geriatrie. Das heißt: Ich arbeite überwiegend mit älteren Patienten.

Nach sieben Wochen wurde ich schon in die Notaufnahme eingeteilt. Dort war ich allein und hatte keine richtige Oberarzt-Betreuung. Ich musste mich auf die Pfleger verlassen. Es war reines Glück, dass da keine schlimmen Fehler passiert sind.

Nach sieben Wochen wurde ich schon in die Notaufnahme eingeteilt
Michael

Es zeigte mir, wie furchtbar es ist, dass wir in der Uni kaum praktische Erfahrungen sammeln konnten. Die vielen Jahre Studium waren die Zugangsberichtigung, um die eigentliche Ausbildung antreten zu dürfen. Trotzdem wird von einem erwartet, sofort alles zu wissen und Überstunden zu schieben.

Es war ein Dilemma: Natürlich lässt du nicht alles stehen und liegen, wenn Patienten deine Hilfe brauchen, aber deine Schicht eigentlich vorbei ist. Und natürlich brauchst du für manche Sachen länger, wenn du neu bist. Sich in dem PC-Programm der Klinik zurechtzufinden oder in Gesprächen Patienten das Gefühl zu geben, dass der Arzt sie ernst nimmt, das braucht nun mal seine Zeit.   

Und was, wenn es meine Schuld war?(Bild: Unsplash)

Auch die Klinikverwaltung ging nicht sehr sorgsam mit uns Anfängern um. Wir waren häufig unterbesetzt und bekamen Überstunden nicht immer bezahlt, doch öffentlich prangerte das niemand an, alle machten mit. 

Leider auch der Chefarzt der Geriatrie. "Wenn ich merke, dass Sie nicht Tag und Nacht an diese Klinik denken, nicht für diese leben, werde ich dafür sorgen, dass Sie hier gar nichts mehr lernen." Das hat er einfach so zu mir gesagt. Ich war geschockt. 

Trotzdem, ich versuchte immer wieder, mit konstruktiver Kritik etwas zu verändern.

Niemand prangerte was an, alle machten mit
Michael

Ich wies auf die Überstunden, die schlechte Weiterbildung und den Personalmangel hin. Doch das stieß immer auf taube Ohren. Nichts änderte sich. Es ging sogar so weit, dass ein Patient die falschen Medikamente bekam. Zum Glück ist aber nichts passiert.  

Mir wurde klar, in was für einem System wir arbeiteten: Wir erzählten den Patienten, sie sollen sich schonen und gleichzeitig forderte mein Chef klar von mir, dass ich mich für den Job aufgeben soll. 

Dass ich nichts ändern konnte und die Patienten nicht richtig versorgt wurden, ging mir nah und schlug mir auf die Gesundheit. Ich bekam Magenprobleme, Herzrasen und Schlafstörungen. Ich wollte bei diesem System nicht mehr mitmachen und wechselte von der Klinik in eine Praxis. 

Hier habe ich den ersten Wochen mehr gelernt als in den Monaten im Krankenhaus. Außerdem kann ich den Menschen wirklich helfen. Neulich konnte ich einen Mann davon überzeugen, dass seine Diagnose kein Todesurteil ist. Er dachte, er würde sterben, ich erklärte viel und gab ihm neuen Lebensmut. So ein wunderschönes Erlebnis hatte ich im Krankenhaus kein einziges Mal.


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