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Hier erzählt er, wie er darauf gekommen ist – und was er herausgefunden hat.

Abschlussarbeit_final.docx

Für viele ist die Abschlussarbeit nur eine weitere lästige Aufgabe am Ende des Studiums – etwas länger als eine Hausarbeit, dafür gibt‘s mehr Punkte. In unserer Serie Abschlussarbeit_final.docx sprechen wir mit jungen Menschen, deren Bachelor- oder Masterarbeit anders war: Sie haben außergewöhnliche Themen bearbeitet, kuriose Entdeckungen gemacht oder ein Herzensprojekt umgesetzt. Du möchtest auch von deiner Arbeit erzählen? Dann schreib an: uniundarbeit@bento.de.

Phillip Syvarth, 24, hat Intermedia an der Universität Köln studiert und seine Bachelorarbeit im September 2019 abgegeben. Sie trägt den Titel:

Repräsentation einer Subkultur im Podcast-Format: Darstellung der Kölner Fetischszene mit Fokus auf die Perspektive von Szeneakteur*innen.

bento: Phillip, worum geht es in deiner Abschlussarbeit?

Phillip Syvarth: Ich habe über die Repräsentation von Subkulturen in den Medien geschrieben und dafür den Podcast "Kinky Köln" gestartet. In drei Folgen spreche ich mit Akteuren der Kölner Fetischszene: dem Inhaber eines Fetischshops über Vorlieben für Leder oder Fesseln, einem Petplayer über Hund-Herrchen-Rollenspiele und einem Podcaster über Sneaker- und Sockenfetische. Die Podcast-Folgen kann man zum Beispiel bei iTunes oder Spotify hören, in der Arbeit selbst analysiere ich die Gespräche. 

bento: Was wolltest du herausfinden?

Phillip: Ich bin Teil der LGBTQ-Community und weiß, wie es ist, einer Gruppe anzugehören, die zwar mehr Rechte hat als vor 100 Jahren, aber immer noch diskriminiert wird. So ähnlich ist das bei Mitgliedern der Fetischszene auch: Die Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert sie als Menschen mit gestörter Sexualpräferenz. In den Medien sind sie oft unterrepräsentiert oder werden falsch dargestellt. Über die "Fifty Shades of Grey"-Bücher und -Filme zum Beispiel wurde meiner Ansicht nach sehr aufgeregt berichtet. Das hat dazu geführt, dass niemand mehr zugeben wollte, dass er oder sie die Bücher gelesen hat – und die Fetischszene skandalisiert wurde. Ich habe mich gefragt, wie Mitglieder dieser Szene besser repräsentiert werden können.     

bento: Wie bist du auf das Thema gekommen?

Phillip: Ich fand die Arbeiten des Soziologen Stuart Hall spannend, einem Vertreter der Cultural Studies. Er zeigt, dass Medien soziales Wissen produzieren und Werte schaffen – und damit Einfluss auf Kulturen haben können. Ich habe überlegt, welche praktischen Beispiele es dafür in Köln gibt. So bin ich auf die Fetischszene gekommen.

bento: Was war die interessanteste Erkenntnis deiner Arbeit?

Phillip: Die Gespräche mit den Szeneakteuren fand ich spannend. Auch wenn mir das schon vorher irgendwie klar war, haben sie mir noch mal deutlich gezeigt, dass das ganz liebe Menschen sind, die sich nur sexuell ausleben. Ich hatte nach den Gesprächen den Eindruck, dass sie einfach nur offener sind als andere.

bento: Und weißt du jetzt, wie sie besser repräsentiert werden könnten?

Phillip: Ja. Indem man sie selbst zu Wort kommen lässt und nicht nur über sie berichtet. Podcasts sind eine gute Möglichkeit dafür. Als Interviewer sollte man vorher seine eigenen Vorurteile reflektieren und möglichst objektiv in die Gespräche gehen. Ich habe die Gäste des Podcasts zum Beispiel gefragt, worüber sie gern sprechen würden, und teilweise mit ihnen gemeinsam den Leitfaden für das Interview entwickelt. Was ich allerdings nicht wissenschaftlich getestet habe, ist, wie der Podcast bei den Zuhörerinnen und Zuhörern ankam und ob er ihre Wahrnehmung der Fetischszene verändert hat.

bento: Du hast deine Arbeit vor einem halben Jahr abgegeben. Beschäftigt dich das Thema noch heute?

Phillip: Auf jeden Fall. Die Problematik der fehlenden oder falschen Repräsentation betrifft schließlich verschiedenste soziale Gruppen, zum Beispiel auch LGBTQ, Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Die aktuelle Berichterstattung über Geflüchtete zeigt mir wieder, wie wichtig es ist, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft in den Medien richtig repräsentiert werden: Um die Situation an der griechisch-türkischen Grenze zu beschreiben, verwenden manche Medien keine objektiven Zahlen, sondern Begriffe wie "Flüchtlingswelle". Solche Metaphern stellen Geflüchtete als Gefahr dar und können damit Meinungen über sie beeinflussen.

Und, auch wenn ich meine Arbeit abgegeben habe: Den Podcast "Kinky Köln" führe ich weiter, zuletzt habe ich mit einer Domina gesprochen. 


Gerechtigkeit

Als ein Elfjähriger das Jugendamt bat, ihn aus seiner Familie zu holen
Jeremias verließ seine Familie als Kind. Heute hat er ein Buch über Armut und Schuld geschrieben

Jeremias Thiel war elf Jahre alt, als er zum Jugendamt ging, an einer Bürotür klopfte, und dem zuständigen Beamten sagte: "Ich möchte weg von zu Hause, weg von meinen Eltern." Das war am 11. September 2012.

Die darauffolgenden Jahre verbrachte er im Jugendhaus des SOS-Kinderdorfs in Kaiserslautern. Inzwischen lebt der 18-Jährige in den USA und studiert am St. Olaf College in Minnesota Politik- und Umweltwissenschaft im Hauptfach. Gerade ist er nach Deutschland zurückgekehrt – wegen der Coronakrise. 

Am 16. März veröffentlichte er sein erstes Buch mit dem Titel "KEIN Pausenbrot, KEINE Kindheit, KEINE Chance".