Wer einen Menschen kennenlernt, setzt aus Hunderten Eindrücken ein Puzzle über ihn zusammen. Man unterhält sich, trifft sich häufiger, ein Teil bricht heraus, ein neues kommt hinzu. Manche meinen, dass beim Persönlichkeitspuzzle ein Stück nicht fehlen darf: die Abiturnote.

Immer wieder kommt es in Unterhaltungen mit Freunden, Kommilitonen und Kolleginnen auf diese eine Zahl mit dem Komma in der Mitte. Zum Beispiel, wenn wie zu Beginn der Woche viele Medien vermelden, dass mehr Schüler durch das Abitur gefallen sind und andererseits mehr Absolventinnen gute Noten bekamen (SPIEGEL ONLINE). 

Oder wenn Freunde sich die schönsten Geschichten ihrer Schulzeit erzählen. Über schlimme Lehrerinnen, wilde Klassenfahrten, peinliche Fehler in Klassenarbeiten. Dann wirft irgendwann jemand ein:

„Was hattet ihr eigentlich im Abi für eine Note?“

Was folgt?

Betretenes Schweigen bei allen mit einer 3,8, ein Rausposaunen bei denen, die zwischen 1,3 und 1,9 lagen. Gleich darauf folgen die Erklärversuche: "Ich hatte in Mathe nur zwei Punkte, was soll ich da machen?" Oder: "Der Herr Müller mochte mich einfach richtig doll, da hab ich schön 15 Punkte in Deutsch abgesahnt."

Jeder meint sich rechtfertigen zu müssen: "Ich habe mich richtig reingehängt, wollte ja unbedingt Medizin studieren", sagt die 1,1. "Bei mir hat nie wieder jemand die Note wissen wollen", sagt die 3,8. 

Kein Wunder, denn egal, wie die Antwort auf die Abiturnote lautet, sie ist nie richtig. Wer zu gut war, gilt als Streber. Zu langweilig ist der mit einer Zwei vor dem Komma. Ein L für Loser leuchtet auf der Stirn aller, die beinahe durchgefallen wären. Das Thema nervt.

Eine Zahl, ein Stempel. 

Sie bleibt jahrelang an uns haften, wie die erste große Liebe. Manche blicken noch heute glücklich auf die Zeit zurück, bei anderen ruft sie schmerzhafte Erinnerungen hervor. 

Es ist ja auch so: Direkt nach dem Abitur hängt vielleicht noch viel von der Note ab. Zum Beispiel, ob und welchen Studienplatz wir bekommen. Doch schon der erste Arbeitgeber interessiert sich mehr für Praktika und das Thema der Bachelorarbeit als für diese eine Zahl. 

Aber privat bleibt die Frage nach der Abiturnote auf dem Ranking der Top-Smalltalk-Themen unter Kollegen und Freunden im Mittelfeld. 

Nicht ganz so beliebt wie der nächste Urlaub, aber beliebter als die Ex-Beziehungen.

Dabei sind die Rückschlüsse von der Abiturnote auf den Charakter so wackelig wie Käsekuchenteig im Rohzustand. 

Was sagt das über einen Menschen aus? Drei Jahre in der Oberstufe paukt man mit dem Nachhilfelehrer für eine bessere Mathenote, dann der Blackout in der mündlichen Prüfung. Oder die vermeintlich große Liebe war in der Jahrgangsstufe 13 einfach wichtiger als noch einmal für die Biologie-Prüfung die Photosynthese durchzugehen. 

Die Hormone spielen fünf bis zehn Jahre später nicht mehr verrückt, doch die vorgefertigten Bilder im Kopf der Gesprächspartner bleiben. 

Sollten wir damit nicht aufhören? Die Abiturnote ist die erste Zahl, die den Übergang ins Erwachsenenleben markiert. Dort angekommen messen wir uns ständig an Zahlen. Das Notenkarussell dreht sich im Studium weiter, im Job geht es dann darum, wer wie viele Stunden arbeitet, wer wie viel verdient, im Unternehmen den höchsten Absatz generiert oder wie hoch die monatliche Rücklage für die Rente ist. 

Aber bist du auch für deine Freunde erreichbar, wenn sie eine dringende Frage haben? Oder unterstützt du deine Kolleginnen, wenn sie in einem Meeting nicht weiter wissen? Bist du ein Partner, der sich genug Zeit für die Bedürfnisse des anderen nimmt? Um diese Fragen zu stellen, braucht es vielleicht mehr Mut – aber die Antworten darauf sind die farbenfroheren Puzzleteile.

Zahlen, Werte, Ergebnisse – lassen wir sie hinter uns, so gut es geht. 

Das fängt damit an, nicht mehr nach einer angestaubten Note zu fragen. Weniger erwachsen und mehr entspannt sein. Weniger fertiggestelltes Puzzle, eher ein Tetris-Spiel, das niemals endet. 

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Fühlen

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