Stattdessen gibt’s Jogginghosen und Anti-Stress-Bälle. Abiturientinnen und Abiturienten erzählen, was die Krise für sie verändert.

Mitten in der Coronakrise schreiben Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland Abiturprüfungen. Ob das notwendig ist oder nicht vielmehr ein unverantwortliches Gesundheitsrisiko, darüber wird gestritten. Fest steht: Ein richtiges Abitur wird der Jahrgang 2020 nicht haben. Denn der Abiball, die Abifahrt, das Abigrillen müssen höchstwahrscheinlich ausfallen – Ereignisse, die diese Zeit mindestens genauso prägen wie Prüfungen und Punkte. Wer sich in den Planungskomitees umhört, versteht, wie viel die Schüler gerade verlieren.

Der Abiball

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Herr Wüst denkt, dass wir den Abiball vergessen können", sagt Arild. Es ist 16 Uhr am Freitag, 17. April 2020, das Abiballkomitee der Wöhlerschule in Frankfurt am Main trifft sich im Videochat. Normalerweise wären die Schülerinnen und Schüler für die Komiteesitzung länger in der Schule geblieben oder mit den Fahrrädern ans Mainufer gefahren. Doch die Wöhlerschule ist seit einem Monat geschlossen. Arild, Isabel, Zoe, Clara und Carla sind schon da, als sich die Zwillinge Jan und Luca zu spät und mit freiem Oberkörper aus dem Garten ihrer Eltern zuschalten.

Seit Monaten steht der 20. Juni in ihren Kalendern, dann sollte ihr Abiball stattfinden. Die letzte gemeinsame Party zwischen Schulzeit und der großen Freiheit. Ein feierlicher Übergang von der Jugend ins Erwachsenenleben. Doch es sieht schlecht aus: Der Sektempfang, der zeremonielle Einzug in Ballkleidern und Anzügen, die überschwänglichen und die sentimentalen Reden, die peinlichen Fotos, die berauschte After-Party, die Verabschiedungsumarmungen – während der Corona-Pandemie erscheinen Abibälle plötzlich wie ein unvernünftiger Traum.

„Wir könnten 150 Anti-Stress-Bälle kaufen und 'Abi' draufdrucken.“
Arild

So in etwa hat das auch der Oberstufenkoordinator, Herr Wüst, am Vormittag zu Arild gesagt. Als er von dem Telefonat erzählt, vergräbt Clara das Gesicht in den Händen, Isabel zuckt resigniert die Schultern, richtig überrascht sieht niemand aus. Das Komitee hatte schon Vieles organisiert: Es sollte ein Buffet geben und Köche, die live Pasta kochen. Auch an ein Gericht für die Veganerinnen in ihrem Jahrgang hatten sie gedacht. Und über Gema-Lizenzen und Brandschutzrichtlinien gefachsimpelt. Der Ball der Wöhlerschüler ist keine Schulveranstaltung, offiziell ist Arild der Veranstalter. Jetzt sorgt er sich, auf den Kosten sitzen zu bleiben: "Mit Schulden wollte ich meine Schulzeit eigentlich nicht beenden."

Wie in vielen anderen Städten werden die Abiturienten der Wöhlerschule ihren Ball wohl absagen müssen. Nur aussprechen will das heute noch niemand. "Wir könnten 150 Anti-Stress-Bälle kaufen und 'Abi' drauf drucken", sagt Arild. Es ist ein schwacher Trost, aber vielleicht die beste Idee, um den 150 Schülerinnen und Schülern doch noch einen Abiball zu geben. 

Das Abimotto

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Unser Motto ist 'Abitur 2020 – the Golden 20s'. In der Erinnerung der Leute werden wir aber immer der Corona-Jahrgang sein. Ich kam deshalb auf die Idee, das Motto in 'Coronabi – der letzte Jahrgang' zu ändern. Das war am 12. März. Damals war noch nicht absehbar, wie gefährlich das Virus werden würde. Einige sagten: 'Geil, lass machen', andere waren total dagegen. Wir sind beim ursprünglichen Motto geblieben, wollen aber jetzt vielleicht Abi-Jogginghosen machen und eine Coronaflasche drauf drucken. Jogginghosen brauchen wir gerade dringender als Anzüge oder Ballkleider."

Das Abigrillen

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Das Abigrillen ist der Moment, wenn alle Spaß haben. Intern heißt es Abisaufen, Abigrillen nennen wir es nur für die Lehrer. Der Abiball ist eher förmlich und vor allem für die Eltern, das Grillen ist von Schülern für Schüler und findet immer direkt nach der letzten schriftlichen Prüfung statt. Nur wir mussten nach der Biologieprüfung am 2. April direkt nach Hause. Wir hatten schon sechzig Kästen Bier und einen Kühlwagen organisiert, die Playlist war auch schon fertig. Zu essen sollte es Würstchen, Steaks, Gemüse und Grillkäse geben. Seit zehn Jahren grillt immer derselbe Lehrer, er ist Grillmeister aus Leidenschaft. Mit meiner Stufe kann man sowieso super feiern, aber beim Abigrillen sind sogar die Lehrerinnen und Lehrer entspannt. Letztes Jahr haben sie gegen die Schüler Bierpong gespielt. Nur dieses Jahr konnten wir nicht anstoßen."

Der Abiball

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Eigentlich wollte ich mein Kleid gemeinsam mit meiner Oma kaufen, sie hatte sich so gefreut, mir damit eine Freude zu machen. Wegen Corona konnte ich es ihr nicht einmal persönlich vorführen. Meine Tante hat ihr ein Foto auf dem Handy gezeigt, meine Oma hat kein eigenes Handy, sie ist 89 Jahre alt. Unser Abiball wäre am 21. Juni. Im Komitee telefonieren wir jetzt ganz viel rum. Wir müssen schauen, ob wir noch kostenlos aus der Sache rauskommen. Jeden Tag stehen wir vor der Frage: Sollen wir noch abwarten und auf ein kleines Wunder hoffen, den Termin verschieben oder den Ball ganz stornieren?"

Die Mottowoche

(Bild: Privat/Montage: bento)

bento: Wie habt ihr erfahren, dass die Mottowoche ausfällt?

Milena: Der Schulleiter hat es uns am 14. März gesagt, dem Samstag bevor die Schule schloss. Als wir in seinem Büro saßen, flossen ein paar Tränen. Es fühlte sich an, als würden wir in der nächsten Woche ganz normal wiederkommen. Niemand verstand, dass die Schule jetzt vorbei ist. Und wir uns als Stufe vielleicht nie wiedersehen. 

bento: Wieso hast du im Mottowochen-Komitee mitgearbeitet?

Milena: Ich bin Schulsprecherin und dafür bekannt, dass ich Stimmung machen kann. Die Mottowoche war deshalb genau mein Ding: Fünf Tage lang feiern alle noch mal und haben Spaß, bevor die Lernphase vor den Abiprüfungen anfängt. Wir hatten schon im Oktober mit der Planung angefangen, eigentlich stand alles.

„Die Mottowoche ist die letzte gemeinsame Woche.“
Milena

bento: Was hattet ihr geplant?

Milena: Am Montag zum Beispiel  stand ein Basketballspiel mit den Lehrern auf dem Programm und ein Quiz für die fünften Klassen. Am Dienstag wollten wir eine Dance-Battle machen, Jungs gegen Mädchen. Am Mittwoch dann eine große Party unter dem Motto Safari, die Anlage hatten wir schon gebucht. Sogar ein paar Lehrer wollten sich als Tiere verkleiden und mittanzen. Am Donnerstag wäre der Abistreich gewesen, den unser Direktor schon abgesegnet hatte. Da wollten wir einen Tanz-Flashmob machen: Eine von uns hätte angefangen zu tanzen, dann die ganze Stufe, und dann hoffentlich die ganze Schule. Am Freitag, dem Pulli-Tag, hätten wir unseren Abipulli getragen und die Zulassung fürs Abitur bekommen.

bento: Worauf hattest du dich am meisten gefreut?

Milena: Die Mottowoche ist die letzte gemeinsame Woche. Ich wollte, dass am Ende alle mit einem guten Gefühl und tollen Erinnerungen nach Hause gehen. Wir haben den Schulleiter gebeten, dass wir die Woche nach den Prüfungen nachholen dürfen. Ein Tag wurde uns erlaubt, aber dasselbe ist es nicht.

Der Abiball

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Seit ich vor vier Jahren auf dem Abschlussball meiner Schwester war, fiebere ich meinem eigenen entgegen. Ich hatte schon alles geplant: Im Dezember war ich mit meinem Freund in einem Geschäft für Ballkleider in Düsseldorf und entdeckte ein wunderschönes Kleid – in Petrol, mit Spitze und glitzernden Details. Ich konnte es blocken, das bedeutet, dass kein anderes Mädchen aus meiner Schule das gleiche Kleid in dem Laden kaufen kann. Ich hatte auch schon einen Friseurtermin ausgemacht, auf meinem Handy habe ich Bilder von Hochsteckfrisuren gespeichert.  

Im Planungskomitee für den Abiball war ich für Deko und Fotografie zuständig. Die Fotografin hatte ich schon organisiert. Und ich hatte die Idee, eine Fotowand aus Rosen aufzubauen, für Erinnerungsfotos mit Freunden und Familie. Mit einigen meiner Freundinnen bin ich seit 13 Jahren in einer Klasse. Ich hatte mich so darauf gefreut, mit ihnen auf den Erfolg und unsere gemeinsame Zeit anzustoßen, bevor wir fürs Studium oder für Freiwilligendienste in unterschiedliche Städte ziehen. Und ich hatte meinem Opa versprochen, mit ihm zu einem Schlager Discofox zu tanzen. Der Ball wäre am 19. Juni, wahrscheinlich wird daraus nichts. Aber noch will ich die Hoffnung nicht aufgeben."

Die Abifahrt

(Bild: Privat/Montage: bento)

"Nach zwölf Jahren harter Arbeit hätten wir es verdient gehabt, gemeinsam zu feiern. Wir hatten eine Abireise nach Llorett de Mar geplant. Eine letzte gemeinsame Woche im Juni, um über Früher zu reden, zu tanzen, am Meer zu liegen und neue Erinnerungen zu schaffen. Gemeinsam mit meiner Freundin Malia hatte ich ein Hotel rausgesucht, dass auf Abireisen spezialisiert ist. Flüge, Hotel, Partys, Essen – für 471 Euro wäre alles all inclusive gewesen. Ungefähr die Hälfte meines Abijahrgangs wollte mitkommen. Manche waren dagegen, weil sie Llorett für eine ranzige Partystadt halten. Vielleicht haben sie recht, aber uns war wichtig, dass sich so viele wie möglich die Reise leisten können. Und in Llorett kann man eben billig feiern. 

In der Pausenhalle unserer Schule hängt ein Kalender, auf dem wir die Tage bis zum Abitur abreißen. Als ich vor den Skiferien das letzte Mal regulär zur Schule ging, stand auf dem Kalender eine große Sieben. Sieben Tage, dann die Prüfungen, und dann wären wir frei gewesen. Aber die Freiheit habe ich mir anders vorgestellt."


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