Peter-André Alt, 59, hat sich bei vielen jungen Studierenden gerade ziemlich unbeliebt gemacht. Denn der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist der Ansicht, dass es "gravierende Mängel gibt, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht."

In einem Interview mit den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland spricht er von "massiven Wissenslücken" und bezweifelt, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind. Ihm zufolge habe es "offenbar eine erhebliche Verschlechterung innerhalb der letzten fünf Jahre gegeben". (SPIEGEL ONLINE)

Wir haben mit Studierenden der Uni Hamburg gesprochen und sie gefragt, was sie von den Vorwürfen halten.

Fühlen sie sich überfordert? Hat sie das Abitur gut genug auf das Studium vorbereitet? Oder halten sie die Vorwürfe ebenfalls für mangelhaft?

Rahel, 23, studiert Lehramt für Sonderpädagogik

"Die Aussage bringt uns nicht weiter. Stattdessen muss etwas in unserem Bildungssystem passieren. Als Schülerin musste ich mich durch die Schulzeit kämpfen. Ich fand mein eigenes Abitur zwar nicht zu schwer, aber ich habe ganz oft den Sinn des Unterrichts darin nicht gesehen.

Die Schule sollte viel mehr mit anderen sozialen Bereichen und Experten zusammenarbeiten: Wie wäre es, wenn Lehrerinnen und Lehrer Sexualtherapeuten in den Sexualkundeunterricht einladen? Oder einen Philosophen in den Philosophieunterricht? So kann man den Unterricht viel praxisbezogener gestalten. 

Das war für mich auch die Motivation, Lehramt zu studieren: weil ich etwas verändern möchte."

Anngret, 20, studiert Biologie

Klar kann man sich beschweren – aber es hört doch sowieso keiner hin.
Anngret

"Ich finde es unfair, wenn jemand behauptet, dass Abiturienten und Abiturientinnen weniger studierfähig sind. Wir sind ständig Änderungen im Bildungssystem ausgesetzt und müssen sie kommentarlos hinnehmen. Bei der Diskussion um den richtigen Notenmaßstab haben wir an meiner Schule damals sogar eine Petition gestartet – die man abgelehnt hat, weil die Formalität nicht eingehalten wurde. 

Schüler bekommen ja nicht einmal die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Für mich gibt es da ein riesiges Kommunikationsproblem zwischen Schülerschaft und Verantwortlichen."

Olgun, 27, absolviert einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen

"Man muss zwischen Abitur und Studium einen klaren Unterschied machen: Nur weil man im Abi schlechte Noten schreibt, heißt das nicht, dass man auch im Studium versagt. Bei mir war das genauso: Ich war während der Abizeit echt faul und hatte dementsprechend keine guten Noten. Aber seit dem Studium bin ich richtig gut geworden – weil ich es freiwillig mache, Bock darauf habe und mich für die Themen interessiere."

Tim, 32, studiert Kosmetikwissenschaften, nachdem er zwölf Jahre lang als Friseur gearbeitet hat

"Es wird Abiturienten leichter gemacht als früher. Aber spätestens im Studium fällt auf, wer es wirklich drauf hat und wer nicht. Das sieht man ja an der Zahl der Abbrecher. Bei mir im Studiengang war das letztes Jahr zum Beispiel ganz extrem: Da haben zehn von zwanzig Leuten ihr Studium wieder beendet."

Paul, 20, studiert Wirtschaftsmathematik

Es ist mittlerweile echt leicht, Abitur zu machen.
Paul

"Die Meinung von Herrn Alt ist zum Teil wahr. Die Verantwortung dafür, dass die Voraussetzungen fürs Studium heute schlechter erfüllt werden als früher, sehe ich sowohl bei den Abiturienten selbst als auch bei den Lehrkräften. Die Schülerinnen und Schüler müssten wieder motivierter lernen und die Lehrer sollten in regelmäßigeren Abständen alte Inhalte wieder auffrischen, damit sie bis zum Abi nicht wieder längst vergessen sind."

Marie, 20, studiert Chemie

"So eine Aussage macht mich wirklich sauer! Weder Abiturienten werden dümmer, noch wird das Abi einfacher. Meine Schwester hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht und da war die schriftliche Matheprüfung so schwer, dass die Schülerinnen im Nachhinein noch einmal zusätzliche Punkte bekommen haben. Wenn die Aufgaben eindeutig zu schwierig gestellt werden, dann trifft die Abiturienten keine Schuld, wenn sie dadurch schlechter als in den Vorjahren abschneiden."

Nora, 19, studiert BWL

Statt Unterricht zu machen, haben wir nur Hape-Kerkeling-Videos geguckt.
Nora

"Bei mir lag das Problem in der Unterstufe. Meine Klasse hatte einen extrem lässigen Lehrer, der mit uns nur Hape-Kerkeling-Videos ansah. Damals fanden wir das noch cool, vor allem, weil die Parallelklasse eine richtig strenge Lehrkraft hatte. Aber denen wurden wengistens vernünftige Methoden beigebracht, die meiner Klasse noch später gefehlt haben. In der Oberstufe hatten wir dann teilweise ernsthafte Probleme, mit den anderen mitzuhalten – nur weil unser Lehrer den Unterricht damals nicht ernst genommen hat."

Aurelia, 22, studiert Germanistik mit Nebenfach Geschichte

"Ich habe eher den Eindruck, dass die Schüler heute schlechter auf ihr Abitur vorbereitet werden. Ich kenne das noch aus meiner Abizeit: Die Lehrer haben erst sehr spät mit den Prüfungsvorbereitungen angefangen und wir hatten dementsprechend auch in den Abiklausuren unsere Schwierigkeiten. Mit dem G8 kam noch der zeitliche Druck dazu, weil die Vorbereitungszeit um ein ganzes Jahr verkürzt wurde. Für mich muss das Schulsystem geändert werden, damit es in Zukunft eben nicht mehr passiert, dass die Abiturienten immer weniger gut vorbereitet sind oder mit schlechteren Voraussetzungen ins Studium starten müssen."


Gerechtigkeit

Nazis töteten 1992 seine Familie, so kämpft Ibrahim Arslan heute gegen Rechtsterrorismus
"Joachim Gauck hat keine Ahnung, was es heißt, von Rassismus betroffen zu sein."

Das Erste, was Ibrahim Arslan nach dem Tod seiner halben Familie sah, waren Aliens – so erlebte der damals Siebenjährige die Feuerwehrkräfte, die ihn nach vier Stunden aus den brennenden Überresten seines Familienhauses holten. 

Das war im November 1992 in Mölln, Schleswig-Holstein. Ibrahim überlebte das Feuer, weil seine Großmutter Bahide Arslan ihn in nasse Handtücher wickelte und in die Küche brachte, bevor sie selbst starb. Auch Ibrahims zehnjährige Schwester Yeliz und seine 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz kamen ums Leben.

Doch das Feuer im November 1992 in Mölln war kein Unglück, sondern der erste rechtsterroristische Anschlag nach der deutschen Wiedervereinigung.

Noch als das Haus brannte, riefen die beiden Täter, zwei stadtbekannte Rechtsextreme, bei der Polizei an und bekannten sich zu der Tat. Sie schrien: "Heil Hitler".

27 Jahre später wird in Deutschland wieder über Rechtsterrorismus gesprochen. Ein 45-Jähriger Deutscher wird verdächtigt, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aus rechtsextremen Motiven ermordet zu haben. Lübcke wurde auf seiner Terrasse erschossen. Der als liberal geltende CDU-Politiker wurde wegen seiner Haltung in der Asyldebatte in den vergangenen Jahren mehrfach von rechts angefeindet. Der mutmaßliche Täter hatte nach SPIEGEL-Informationen zahlreiche Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen, 1993 soll er einen Rohrbomben-Anschlag auf eine Asylunterkunft versucht haben – nur ein Jahr nach der Tat von Mölln.