Bild: Claudia Oberst

"Lass mich mal ran. Du machst das nicht richtig." Mit diesen wenig geschwisterlichen Worten nimmt Matthias Classen seinem jüngeren Bruder Simon das Dönermesser aus der Hand. Konzentriert fährt er mit der Klinge über den Fleischspieß. Schmale Gyrosstreifen fallen in die Dönerschaufel. Der würzige Geruch von gebratenem Rind und Lamm liegt in der Luft.

Es ist 11.30 Uhr und in der Dönerbude von Simon (29) und Matthias (34) wird es gleich richtig rundgehen. Seit April 2015 betreiben die beiden das "Berlins" in Los Angeles. Ihre deutschen, amerikanischen und türkischen Kunden sagen, es sei der einzig wahre Dönerladen in der ganzen Stadt.

Döner, viele Döner: Matthias bei der Arbeit(Bild: Claudia Oberst)

Rund 200 Kebabs verkaufen sie pro Tag, sieben Tage die Woche. Matthias ist fast jeden Tag ab 10 Uhr im "Berlins" hinterm Tresen. Simon kümmert sich hauptsachlich um Finanzen und Marketing. Für die beiden ist mit ihrem eigenen Restaurant ein Traum in Erfüllung gegangen. "Die USA sind das perfekte Land für Kleinunternehmer", sagt Matthias, "das motiviert unheimlich."

So sieht der deutsche Dönerladen in Los Angeles von innen aus – die Bilder:
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Trotzdem: Der Weg zum erfolgreichen eigenen Business ist lang – auch in den USA. Simon und Matthias haben folgende Tipps für Jungunternehmer:
1. Finde den richtigen Standort.
  • Das wichtigste für Simon: "Starte dein Business dort, wo du auf Dauer leben willst." Der erste Schritt sei deshalb, sich eine Stadt auszusuchen, in der man sich wohl fühle. "Uns hat es schon immer nach Kalifornien gezogen", fügt Matthias hinzu, "wir haben früher oft hier Urlaub gemacht." Simon ist seit 2012 mit seiner Familie in Los Angeles, Matthias kam 2013 mit seiner nach. Mittlerweile wohnen sogar ihre Eltern in Kalifornien.
  • Wen es in die USA zieht, der sollte fließend Englisch sprechen: "Selbstbewusstes Auftreten und sehr gute Sprachkenntnisse kommen bei den Amerikanern an", sagt Matthias.

2. Finde das richtige Konzept.
  • Simon überlegte lang, welche Geschäftsidee in Los Angeles funktionieren könnte. Auf den Döner kam er, weil es keinen authentischen, typisch berlinerischen Döner in Los Angeles gab. "Dabei ist das doch das Number One Fastfood in Deutschland", sagt er.
  • Mittlerweile beliefert "Berlins" das türkische Generalkonsulat mit ihrem "German-Turkish Fusion Food".
3. Finde den richtigen Partner.
  • Für die Classen-Brüder war klar: Sie wollen ein Familienunternehmen starten. "Wir wussten, wenn wir das zusammen machen, dann funktioniert das auch", sagt Simon. Während er von Los Angeles aus die Vorbereitungen steuerte, machte Matthias in Berlin Praktika in Dönerläden und in einer Fleischfabrik.
  • "Ich habe mir alles angeschaut und 20 verschiedene Soßen getestet, um sicherzugehen, dass wir das beste Angebot haben", so Matthias. Sein Ding sei die Arbeit im Laden. "Aber wenn er eine Excel-Datei aufmachen muss, ist er verloren", frotzelt Simon.
Glückliche Kundengesichter: Bis dahin ist es ein langer Weg.
4. Finde Investoren.
  • Nachdem erste Döner-Tests auf Festivals gut liefen, wurde es ernst: "Um den Laden zu kaufen, haben wir unsere Ersparnisse genommen und dazu Geld von Freunden und Familie geliehen", sagt Simon.
  • 100.000 Dollar Startkapital brauche man mindestens in den USA. Weiteres Muss: das Visum. Simon hat ein Investor-Visum, Matthias eine Greencard. Die Dokumente erlauben ihnen, in den USA zu leben und zu arbeiten, solange sie Geld investieren.
  • Die Amerikaner seien jedoch streng, was die Auflagen angeht: "Du musst Geld haben und beweisen, dass du mindestens 30 Prozent deines Businessplans auch investierst, also ausgibst", sagt Matthias.

5. Finde die richtige Location.
  • "Das Wichtigste für ein neues Business ist die Lage", so Simon. "Berlins" liegt an der Grenze von Los Angeles zu Beverly Hills. Direkt gegenüber ist das Beverly Center. In dem Einkaufszentrum geht auch Justin Bieber gerne shoppen. Drumherum eine Reihe weiterer Geschäfte und Restaurants.
  • "Wir haben einen bestehenden Bubble Tea-Laden gekauft und ausgebaut", erklärt Matthias, "dadurch hatten wir von Anfang an unsere Kundschaft."
6. Mach auf dich aufmerksam.
  • Los Angeles funktioniert in Netzwerken, sagen die Brüder. "Wir haben schnell gute Leute getroffen, die uns gesagt haben, wie es läuft", erinnert sich Matthias.
  • Geholfen habe auch die Werbung auf Facebook und in der deutschen Community in Los Angeles: "Die meisten Kunden kommen aber durch Mundpropaganda", sagt Matthias.

7. Erfülle die örtlichen Auflagen.
  • Anfangs hätten sie es nicht geglaubt, aber auch in den USA sei der Bürokratie-Dschungel die Hölle. "Besonders das Gesundheitsamt in Kalifornien hat extrem strenge Auflagen", sagt Matthias. Die muss man erstmal erfüllen, bevor man seinen Laden aufmachen darf.
  • Und auch danach geht die Kontrolle weiter. Beim "Berlins" kommt dreimal pro Jahr das Gesundheitsamt vorbei, testet unangemeldet auf Schmutz und Temperatur. Auch Lüftung und Müllentsorgung werden kontrolliert.
8. Werde gut – und werde besser.
  • Obwohl das "Berlins" mittlerweile acht Angestellte hat, ist Matthias fast jeden Tag vor Ort.
  • Er achtet auf die Qualität der Zutaten, tauscht stumpfe Messer aus, entwickelt neue Soßen und verbessert die Abläufe. "Vieles lernt man mit der Zeit von allein. Personalmanagement zum Beispiel", sagt Matthias.
9. Vergrößere dich.
  • Im Mai eröffnet der zweite "Berlins"-Laden am hippen Board Walk in Venice Beach. Auch im koreanischen Viertel von Los Angeles, Korea Town genannt, gibt es bald "German-Turkish Fusion Food".
  • Die Expansion war von Anfang an Teil der Geschäftsstrategie und wird aus den Gewinnen des ersten Ladens finanziert. Bis 2020 wollen Simon und Matthias 30 Dönerbuden betreiben.

Der beste Tipp, den die Döner-Unternehmer haben: Nicht von Kritikern entmutigen lassen. "Wir haben uns anfangs so viel Negatives anhören müssen von Leuten, die nicht an unsere Idee geglaubt haben", sagt Simon. Es helfe, auf Durchzug zu schalten – und einfach nur sein Ding durchzuziehen.

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