Bild: Privat

Aus grün wurde braun, die Blätter schrumpelten, irgendwann gaben die Pflanzen unter der Hitze auf: Der Sommer 2018 war zu warm. Die Berichte über Landwirtinnen und Landwirte, die zusehen mussten, wie ihre Ernte bei mehr als 30 Grad langsam zusammenschrumpfte, häuften sich. 

Agrarministerin Julia Klöckner sagte den Bäuerinnen und Bäuern Hunderte Millionen Nothilfen zu (SPIEGEL ONLINE), Landwirte sprachen vom "Katastrophenjahr", das auch für den Verbraucher Konsequenzen haben sollte: Wegen der schlechten Ernte steigen die Kartoffelpreise um mehr als die Hälfte (SPIEGEL ONLINE), auch Pommes werden teurer - und kürzer! (bento). 

Jetzt, Monate später, ist die Ernte eingefahren. Wir haben eine junge Landwirtin gefragt: Wie schlimm war der Dürre-Sommer?

Anne Dicks, Landwirtin und ehemalige Rheinische Kartoffelkönigin, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Während ihre Freundinnen und Freunde den Sommer im Freibad abhingen, versuchte Anne, 25, auf dem Hof ihrer Eltern die Kartoffelernte zu retten. Bewässern, düngen, auf Regenwetter hoffen. Gebracht hat es nicht viel. Die Lagerhallen für Kartoffeln sind nur halb so voll wie in guten Jahren. "Ich bin enttäuscht", sagt Dicks. 

Der Hof verdient nun weniger Geld. Die wenigen Kartoffeln der Dicks verarbeiten Lebensmittelkonzerne unter anderem weiter zu Pommes. Und wie sieht es in Zukunft mit der Kartoffelernte aus, wenn die Sommer immer trockener und heißer werden?

Landwirtin Anne Dicks, 25

Anne Dicks und ihre Familie haben einen Kartoffelbetrieb in Weeze am Niederrhein. Die Landwirtin hat Agrarwirtschaft studiert und absolviert derzeit ein Trainee. Im Sommer steigt sie komplett in den Familienbetrieb ein. "Die Arbeit ist einfach so vielfältig: Man ist den ganzen Tag an der frischen Luft, arbeitet mit Pflanzen und Tieren und hat gleichzeitig die betriebswirtschaftliche Herausforderung." In der Saison 2017/2018 war sie Rheinische Kartoffelkönigin und als Botschafterin für die Knolle unterwegs. 

"In meiner Zeit als Kartoffelkönigin habe ich immer damit geworben, was für ein gesundes Nahrungsmittel die Kartoffel ist. Meine Kommilitoninnen haben sich im Studium einfach oft Nudeln gekocht: Ich hab immer gesagt: ‚Schält euch doch mal ein paar Kartoffeln.‘"

Anne, die meisten haben über diesen schönen Sommer geschwärmt. Wie ging es dir?

Für uns war es ein historisches Katastrophenjahr. Jeden Tag schaust du auf den Wetterbericht und hoffst auf Regen, und dann gibt es höchstens mal Schauer. Viele unserer Kartoffelbestände sind schon früher abgestorbenen, und konnten somit nicht den erwarteten Ertrag bringen. Das ist echt enttäuschend, wenn man sich so viel Mühe gegeben hat.

Was heißt 'Mühe geben' bei einer Kartoffelbäuerin?

Wir haben die Möglichkeit, unsere Kartoffeln mit Maschinen zu beregnen – ein Vorteil gegenüber vielen anderen Betrieben. Zwei von denen liefen bei uns rund um die Uhr. Bei Temperaturen von über 30 Grad erwärmen sich die sogenannten Kartoffeldämme, in denen die Pflanze angebaut wird, selbst trotz Beregnung stark. Das schränkt das Wachstum der Kartoffel ein. 

Wir haben auf einzelnen Flächen 30 bis 50 Prozent weniger Ertrag, unsere Lagerhallen sind zum Teil nur zur Hälfte gefüllt. 

(Bild: Privat)

Was bedeutet das finanziell für euch?

Es geht an die Substanz, aber wir sind trotzdem von keiner Pleite bedroht. In der Kartoffelbranche ist das so, dass ein großer Teil der Kartoffeln unter Vertrag angebaut wird. Ein Teil unserer Kartoffeln geht über diese Verträge direkt an die verarbeitende Industrie, ein weiterer Teil an den freien Markt. Die Beträge mit den Industriepartnern vereinbaren wir schon ein Jahr im Voraus. Wir beliefern zum Beispiel Firmen, die Tiefkühlkost wie Pommes produzieren. 

Dieses Jahr hatten wir Bedenken, die Verträge und die geforderte Menge nicht erfüllen zu können. Das klappt nun doch. 

Was dieses Jahr anders ist: Für Pommes müssen wir eigentlich Kartoffeln mit 40 Millimetern Durchmesser liefern, in diesem Jahr müssen es nur 35 Millimeter sein. Es stimmt also, was viele schon befürchtet hatten: Dieses Jahr könnten die Pommes kürzer werden.

Das klingt aber nicht nach großen finanziellen Verlusten?

Doch. Das Problem ist, dass wir insgesamt einfach zu wenig Kartoffeln ernten konnten, um in diesem Jahr auch Ware für den freien Markt zu verkaufen. In Jahren, in denen es sehr viele Kartoffeln gibt, bekommt man für 100 Kilo Kartoffeln drei Euro, in diesem Jahr rechnet man bis April mit bis zu 32 Euro. 

Für Betriebe, die genügend freie Kartoffeln haben, kann es sich also lohnen. Jedoch kompensieren die hohen Erlöse nicht immer den fehlenden Ertrag. Viele Betriebe hatten zum Beispiel hohe Beregnungskosten. 

Die höheren Kosten dürften dann ja auf den Verbraucher umgelegt werden – müssen wir jetzt für unsere Pommes aus dem Tiefkühlfach mehr bezahlen?

Damit ist zu rechnen. Die Fabriken konnten zwar einen großen Teil der Kartoffelmengen über Verträge und somit feste Preise sichern. Aber durch das geringe Angebot werden auch teure Kartoffeln zugekauft.

Kartoffelpreise 2018/2019

Derzeit müsse der Kunde im Supermarkt für Kartoffeln in Kleinverpackungen rund 84 Cent pro Kilogramm zahlen, während der Kilo-Preis vor einem Jahr bei 55 Cent gelegen habe. Das hat der Agrarmarkt-Informationsdienst (AMI) in Bonn Mitte November berechnet. Zu weiteren Preissteigerungen könne es im Frühjahr kommen. (Handelsblatt)

Kartoffeln sollen in diesem Jahr mehr dunkle Flecken und Schorf haben?

So etwas hängt von verschiedenen Faktoren ab: Bodenbeschaffenheit, Sorte, Lagerung. Aber selbst, wenn die Kartoffeln Schorf haben, also etwas rauer sind, ist das trotzdem unbedenklich beim Verzehr. Nach dem Schälen sehen die Kartoffeln wie gewohnt aus. Man kann also auch die unschönen Exemplare bedenkenlos kaufen.    

Was könnt ihr tun, wenn die Sommer in Zukunft heißer und trockener werden?

Wir haben noch andere Standbeine, zum Beispiel mästen wir auch Schweine. Im Extremfall müssten wir uns dann von den Kartoffeln verabschieden. Aber es gibt zum Beispiel viele Sortenversuche und Züchtungen zu stressunempfindlicheren Kartoffelsorten – ich glaube an die Kartoffel. 

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Gerechtigkeit

Identitäre stören erst Veranstaltung, dürfen dann reden – hauen aber lieber ab
Vorher haben sie noch schnell Fotos gefaket.

Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen – das ist den Identitären besonders wichtig: Seit längerem stören Gruppen der rechtsextremen Bewegung immer wieder öffentliche Veranstaltungen, um lautstark Meinungsfreiheit zu fordern. 

Bei einer Vorlesung der Uni Greifswald zeigte sich jetzt allerdings, dass die Identitären, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, gar nicht viel zu sagen haben.

Am Samstag lud der Sprachforscher Eric Wallis zu einem Vortrag unter dem Thema "Gehirne waschen – Framing gegen Fremdenhass". Es sollte darum gehen, wie rechte Gruppen immer wieder Ängste schüren und so Meinungen bestimmen. Mit Falschaussagen oder dem Verwenden unscharfer Ausdrücke geben sie Debatten eine bestimmte Richtung – die Praxis wird auch Framing genannt.

Etwa 60 Gäste waren zur Veranstaltung gekommen, dann wurde die von rund 20 Identitären gecrasht. Die jungen Männer stürmten den Hörsaal und rollten ein Spruchband mit der Aufschrift "Man wird doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen" aus. (Ostsee-Zeitung)

Hier hat Sprachforscher Wallis die Situation in einem Video festgehalten: