Bild: Pixabay / cc 0
220 km/h, die linke Spur ist frei, in der Hand eine Minisalami

Geräucherte Mett- und Rohwürste gehören in vielen Ländern zur kulinarischen Tradition und werden mit stolzgeschwellter Brust als Kulturgut exportiert. In Südosteuropa und der Türkei ist es die Sucuk, nördlich davon die Cabanossi, in Spanien die Chorizo. Im kulinarisch-bürokratischen Italien kategorisiert man die unzähligen Salamivariatonen in fünf Qualitätsstufen von "extra" bis "inferiore" – was nicht weniger als "minderwertig" heißt. 

Deutschland hingegen präsentiert ein- und durchreisenden Touristen ein ganz anderes, armes Würstchen zuerst: Im Land der Dichter und Lenker findet man an jeder Raststätte eine in Alu verschweißte "Minisalami" – meist den orange-schwarzen Marktführer "Bifi" – die dank Konservierungsstoffen und trashiger Präsentation wohl nicht einmal die geringsten der italienischen Qualitätsstandards erfüllen würde. Ein Produkt, das schreit: Keine Zeit! Hier wird gefahren, nicht genossen. 

2019: Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Till Backhaus (SPD), Landwirtschaftsminister des Landes, kosten eine Salami auf der Grünen Woche.

(Bild: Annette Riedl / dpa)

Trotzdem, oder gerade deswegen, ist die Minisalami als Snack unglaublich beliebt: 2013, als die Marke Bifi in ein US-Unternehmen überging, wurden 64 Millionen Exemplare verkauft – vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz (SPIEGEL). Selbst Satiriker Shahak Shapira ignorierte in seiner Jugend für den Genuss des Schweinesticks seine jüdischen Ernährungsgebote. Für Teenager und alle, die nicht erwachsen werden wollen, ist die Minisalami Sehnsuchtsessen. (Vice)

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Woher stammt der Sexappeal des kleinen Würstchens?

Die Komponenten: Ein 12-15 Zentimeter langer, salziger Schweine-Rinder-Salz-Traubenzucker-Wurstprengel, eingehüllt in eine fettdurchtränkte und halbtransparente Plastik-Vorhaut, luftdicht verpackt in einer weiteren Schicht metallbeschichteten Kunststoffs. Variationen gibt es mit Truthahn, in halal, im trockenen "Brot"-Mantel oder als "Pizza". Immer mit dabei: das als "kritisch" eingestufte Nitritpökelsalz. (Verbraucherzentrale)

Fettiger Snack-Fact I: Die Original-Bifi wurde 1972 zuerst im fränkischen Ansbach (für alle Norddeutschen: Bayern) für den Unilever-Konzern produziert und ist damit irgendwie eine deutsche Erfindung. Inzwischen gehört Bifi dem US-Konzern Jack Link's, der auch Beef Jerky vertreibt. Produziert wird noch immer in Bayern.

Sausage-Fest der Gefühle

Die Kernzielgruppe der Minisalami scheinen (zumindest auf den ersten Blick) offen heterosexuelle Männer zu sein, die auch 2020 nach einem lauten Rülpser noch "SCHUUULZ" rufen und fließend Stromberg zitieren. Männer, die Brote schmieren für "Kochen" halten und keine Freundin haben, weil "der Feminismus" "die Frauen" "kaputt gemacht" hat. Fahren solche Kandidaten längere Strecken mit dem PKW, berechnen sie ihren benötigten Proviant mit dieser einfachen Formel: 

Pro 100 Kilometer Autobahnstrecke je eine Minisalami und eine Dose Energydrink vom Discounter, dazu trockene, weiße Brötchen nach Bedarf. 

Sind andere Männer im Wagen, wird die Zahl der Minisalamis pro Person dynamisch erhöht, damit niemand für einen Vegetarier gehalten wird. Connaisseure werfen noch ein Big Pack Zigaretten oben drauf und schnabulieren alles abwechselnd bei 220 km/h und leicht heruntergekurbeltem Fenster. Bei 45 Gramm Fett auf 100 Gramm Minisalami ist unklar, welche Laster einen hier am schnellsten umbringen. (SPIEGEL) Dass Mannsein, Wurst und Autos identitätspolitisch eine Einheit bilden, zeigt sich beispielhaft in diesem Produkt aus dem Shop des TV-Senders DMAX.

Dabei gibt eine Autobahn-Salami ihren Essern gleich in mehrfacher Hinsicht ein gutes Gefühl: So erinnert sie an Zeiten, als Mama die Brotdose für den Schulausflug mit einer Extrawurst aufpeppte und die größten Probleme nicht Corona und unbezahlte Rechnungen waren, sondern Coolness im Schulbus und erste Bartstoppeln.

Nicht nur für echte Männer!

Zu diesem heimeligen Retro-Gefühl liefert die Minisalami einen vor Umami triefenden Geschmack, der dank der Schutzfolie fettfingerfrei am Rande eines Fußballplatzes, beim Zeitungslesen oder vorm Hörsaal genossen werden kann. Das ist einfach praktisch – und spricht daher eben nicht nur beleidigte Incel-Leberwürste und Raser an, sondern auch gestresste Mütter, Jura-Studentinnen und Rentnerinnen. Der Happen geräucherten Fleischs verspricht ihnen einen Funken Wildheit und Rückbesinnung auf alte Zeiten, als die Welt noch nicht so kompliziert war und man sich für Salamispaß und Dieselmotor noch nicht in Kommentarspalten rechtfertigen musste.

Fettiger Snack-Fact II: Der Name "Bifi" soll vom englischen Wort "beefy" stammen, was "fleischig" bedeuten kann, in der englischsprachigen Schwulenszene gelegentlich aber auch als Adjektiv für sexuell anziehende Muskelprotze genutzt wird. Im Vereinigten Königreich wird die Dauerwurst vielleicht auch deshalb unter der Marke "Pepperami" vertrieben. 

Eine "Formel 1-Salami" präsentiert erstmals der bayerische Wursthersteller H. Gugel 1998 in München. "In Ferrari-roter Verpackung und mit Antlitz und Autogramm von Michael Schumacher soll die Mini-Salami wohl nicht nur Formel 1-Fans zum schnellen Genuß animieren", schrieb die dpa dazu. 

(Bild: dpa)

Die Herkunft des Mini-Salami-Fleisches bleibt jedoch zumeist geheimnisvoll. Auf der offiziellen Bifi-Marken-Website gibt es keine genauere Einordnung für die Fleischquelle als "aus der EU". Überraschend, wo wir heute ja etwa bei Eiern jedes Exemplar bis zum Hof zurückverfolgen können. 

Bereits 2001 demonstrierten vor dem fränkischen Schafft-Fleischwerk Greenpeace-Aktivistinnen gegen das Fleisch aus Massentierhaltung (Presseportal). Nur 19 Jahre später, im Februar 2020, argumentierte Bifis neuer Mutterkonzern eine versteckte Preiserhöhung der Minisalamis mit gestiegenen Qualitätsstandards. Das Urteil der Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh) zu dieser Salamitaktik lautete allerdings: 

„Wir konnten nirgends einen Hinweis auf höhere Tierschutzstandards finden oder besondere Zertifizierungen. So löblich es wäre, sind solche Aussagen unserer Auffassung nach ohne Beweise reines Marketing.“
vzhh

In Zeiten, da die Fleischwirtschaft (zurecht) wieder im Fokus der Kritik steht – als Ursache und Katalysator der größten Seuchen der vergangenen Jahrzehnte, als Triebfeder des Klimawandels und als System der mensch- und tierfeindlichen Ausbeutung – wäre es vielleicht auch an der Zeit, einen besseren Autobahnsnack zu erfinden. 

Doch allen Versuchen zum Trotz bleibt Minisalami eine der wenigen Produktgattungen, bei der die grün angestrichene Sparte der Lebensmittelindustrie bisher keinen adäquaten vegetarischen Ersatz finden konnte – zumindest keinen, der sich ansatzweise so wohlig schmierig und befriedigend anfühlt wie das Original. 

Zum Abschluss tagt das Lieblingsgericht: 

In der nächsten Folge von "Widerstand snacklos": Erdnussflips.


Gerechtigkeit

"Die haben mich komplett durchgefilzt"– schwarze Männer und ihre Erfahrungen mit der Polizei
Sechs Geschichten über Racial Profiling und die Dämonisierung des schwarzen Mannes

Zurzeit wird viel über Rassismus in Deutschland diskutiert – auch und besonders über das Verhältnis von nicht-weißen Deutschen und der Polizei. Oft heißt es dann, wenigstens sei es hier nicht so schlimm wie in den USA. Dieser Vergleich tut überhaupt nichts zur Sache. Schlechter behandelt zu werden aufgrund der Hautfarbe ist nie okay. 

Um es einmal klarzumachen: Ich kenne keine einzige schwarze Person, die nicht mal eine negative und rassistisch aufgeladene Erfahrung mit der Polizei gemacht hätte. Racial Profiling, also aufgrund von Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe Profile zu erstellen, passiert offenkundig jeden Tag, obwohl es gegen das Grundgesetz verstößt. Trotzdem ist es schwer, dagegen vorzugehen. 

"Da Polizisten ihre Emächtigungsgrundlage auf sogenannte 'Lageerkennisse' oder polizeiliche Erfahrung stützen dürfen, ist es nicht verboten, gewisse Personen an gewissen Orten verdachtsunabhängig zu kontrollieren", sagt Diplom-Jurist Eric Adu Färber. "Diese Lageerkenntnisse reproduzieren sich aber zwangsläufig in eine bestimmte Richtung, wenn überwiegend Menschen eines bestimmten Erscheinungsbildes kontrolliert werden." Das führe dann zu einem sich selbst bestätigenden Teufelskreis. 

Färber hat im Rahmen seines Studiums den Schwerpunkt auf rassistische verbale und körperliche Gewalt gesetzt und dazu auch geforscht. Er stellte fest, dass die Befugnisse keine klar definierten Voraussetzungen haben und deswegen Polizistinnen und Polizisten eigentlich immer auf der sicheren Seite sind, wenn sie Racial Profiling betreiben. 

Ich dachte lange, ich sei allein mit meinen Erfahrungen, dachte, etwas sei falsch mit mir. Aber wir sind nicht allein. Rassistisch von der Polizei angemacht zu werden ist keine Einzelerfahrung. Es ist kollektiv geteilter Schmerz, der schwarze Menschen in der ganzen Bundesrepublik und weiten Teilen Europas unter Generalverdacht stellt, egal, welchen Berufen sie nachgehen und egal, welchen Pass sie haben. Wir haben mit sechs von ihnen gesprochen.