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Und nein, der Name "Veggie-Disks" ist komplett bekloppt 🤷🏼‍♂️

Als Vegetarier oder Veganer muss man sich ziemlich viel Unsinn anhören: Man sei ein Missionar (obwohl der andere einem das Gespräch aufgezwungen hat), man schade ja selbst der Umwelt (AVOCADOO!!!1!) und, allseits beliebt, das Totschlagargument, warum er oder sie niemals vegetarisch leben könnte: "Bacon!"

Toll wäre es daher, wenn man für individuelle Bestrebungen, ein ethisch vertretbares Leben mit einem etwas kleineren klimaschädigenden Fußabdruck zu führen, zumindest Unterstützung aus der Politik bekäme. Vom früheren CSU-Wurstminister Christian Schmidt hat man aber gelernt, dass auch diese einem höchstens Steine in den Weg legt. Sein Wunsch im Jahr 2016: Vegetarische Wurst dürfe nicht Wurst heißen, sonst würden Verbraucher getäuscht. Und ja, was wäre es für ein Skandal, wenn jemand sich vergreifen und statt gepresstem Tier gepresstes Soja äße. Eine cholesterin- und knorpelfreie Horrorvision. Vier Prozent der EU-Bürger ist dieser schreckliche Fehler schon passiert. (GfK Deutschland)

Jetzt geht die Posse um die Namensgebung von Veggie-Produkten sogar auf EU-Ebene weiter. 

Im Agrarausschuss des EU-Parlaments wurde vergangene Woche ein Entwurf für einen Beschluss auf den Weg gebracht, der allen Nicht-Fleisch-Produkten – von Wurst über Steaks bis hin zu Burgern – verbieten soll, so zu heißen. 

Ein Veggie-Burger müsste dann, wenn es nach den Parlamentariern geht, zum Beispiel "Veggie-Disk" genannt werden. Endlich Klarheit! 

Das offensichtliche Problem: Vegetarische und vegane Imitate werden nach den tierischen Originalen benannt, um auf einen Blick klar zu machen, wonach sie schmecken sollen und welches tierische Produkt man durch sie ersetzen kann. Hafermilch (die seit 2017 nicht mehr "Milch" genannt werden darf) passt also gut in den Kaffee und ins Müsli, da kommt man dank des Namens und des kantigen Milchtüten-Produktdesigns sofort drauf. 

Eine "Veggie-Disk" hört sich eher nach einem ökologischen Datenträger als einem Lebensmittel an.  

Komplett ausgedachte neue Namen sorgen also höchstens für mehr Verwirrung beim Käufer, der sich fragt, wofür zu Hölle man denn nun zum Weizen-Press-Bratstück-in-Panade greifen sollte. Der aktuell genutzte Begriff "Veggie-Schnitzel" hingegen weckt ganz klar Assoziationen zu Jägersauce und Bratkartoffeln. 

Es gibt deutlich Hinweise darauf, dass sie sich Sorgen um Marktanteile machen – ein gutes Zeichen. Es scheint eine hohe Nachfrage nach dieser Art Produkte zu geben.
Molly Scott Cato

So ist der logische Schluss, zu dem etwa die britische Grünen-Europaabgeordnete Molly Scott Cato kam: Hinter dem Entwurf könne der Einfluss der Fleischindustrie stecken, die es gar nicht gern sehe, dass immer mehr Menschen regelmäßig zur fleischlosen Alternative greifen. Etwa ein Drittel der Deutschen zählen sich inzwischen zu den Flexitariern, die häufiger, aber nicht komplett auf Fleisch verzichten. (Utopia

Dass Verbraucher und Investoren, ja teilweise sogar die Politik heute mehr auf Nachhaltigkeit achten, kann für Industrien, die sich dem nicht anpassen, zunehmend zum Problem werden. (Wirtschaftswoche)

Der französische Abgeordnete Éric Andrieu, Chefberichterstatter des Agrarausschusses, widerspricht dem Vorwurf seiner Kollegin. Nicht die Fleischlobby sondern der "gesunde Menschenverstand" sei für die Idee verantwortlich. Immerhin würden EU-Bürgerinnen und Bürger gerne genau wissen, was sie da essen. (Guardian)

Vom Veggie-Bann unberührt bleiben soll allerdings das Vorgehen der Fleischindustrie selbst. 

Denn nicht minder irritierende Produktnamen wie Geflügelleberwurst (68 Prozent Schwein), Lyoner (Pinker Schleim und Ammoniak) oder Leberkäse (häufig 0 Prozent Leber, 0 Prozent Käse) sind weiterhin erlaubt. 

Idiotisch ist das vor allem deshalb, weil viele inzwischen geläufige Begriffe für Fleisch gar nicht für diese erdacht wurden. "Schnitzel" etwa stammt vom Mittelhochdeutschen "sniz" ("etwas Schneiden"), Steak kommt vom altnordischen "stejk" ("etwas Braten"). Das Wort "Gehacktes" kann ja auch ebenso Holz wie Fleisch beschreiben. 

Sinnvoller wäre für Verbraucher daher eine für alle Produktgattungen EU-weit gültige Kennzeichnungspflicht, an der man auf einen Blick sehen kann, ob etwas vegetarisch, vegan oder nichts von beidem ist. 

Vor allem verstecktes Tier – wie Schweineborsten an Kartoffelchips, Gelatine in Apfelsaft oder Knochen- und Hufenleim in Etikettenkleber – sind durch kreative Inhaltsangaben wie "Raucharoma" oder komplett fehlende Deklarierungspflicht für Konsumenten nicht erkennbar. Eigentlich ist es sogar umgekehrt: Nicht die Fleischesser sehnen sich nach Klarheit, sondern gerade die Veggie-Fraktion fordert seit Jahren klare Kennzeichnungen für alle tierischen Nebenprodukte in ihrem Einkaufswagen. 

Gleiches Recht für alle, oder? 

Denn auch verängstigte Fleischesser könnten durch so ein transparentes Label vor dem Verzehr der ominösen Veggie-Burger, sorry, Veggie-Disks geschützt werden. 

Abgestimmt werden soll über den Namensbann im Mai, nach der Europawahl. Die Umsetzung könnte danach noch einige Jahre dauern. 


Gerechtigkeit

"Rache an den Nazis": Warum die 94-Jährige Esther meine größte Heldin ist
Und warum ich ihr so gerne helfe

Wir alle haben Heldinnen und Helden. Menschen, zu denen wir aufblicken, die wir bewundern. Meine Heldin ist 94 Jahre alt. Und ich bewundere sie mehr als alle anderen Menschen. 


Esther Bejarano hat als junge Frau das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt und tourt jetzt mit ihrem Sohn und einem Rap-Duo um die Welt. Sie erzählt ihre Geschichte und singt hebräische, jiddische, deutsche, türkische und italienische Lieder (SPIEGEL ONLINE). Und ich finde mich in ihr wieder.

Ich weiß noch, wie ich Esther zum ersten Mal traf. Es war ein kalter Februartag. Vor der Lesung zitterte ich, weil es draußen so kalt war. Nach der Lesung zitterte ich, weil mich das, was ich hörte, nicht mehr loslassen wollte. 


Esther sagte damals: Die Lesungen seien ihre "persönliche Rache" an den Nazis.

Seitdem helfe ich ihr bei dieser Rache und besuche ihre Lesungen, wann immer ich kann.

So wie neulich, in der muffigen Turnhalle einer Hamburger Stadtteilschule.

Ich bin überpünktlich und setze mich in die erste Reihe. Die Heizung ist offenbar ausgefallen. Es ist kalt und ungemütlich und ich bin krank. Aber ich merke davon kaum etwas.

Der Saal füllt sich, bis alle Stuhlreihen besetzt sind. Als Esther sich auf den Weg zur Bühne macht, laufen mir bereits die ersten Tränen über das Gesicht.