Bild: Katharina Hölter

Tomatensoße? Vegan. Grüner Smoothie? Vegan. Pasta? In den allermeisten Fällen vegan.

Viele Hersteller bewerben seit einiger Zeit ihre Produkte damit, dass keine tierischen Bestandteile enthalten sind. Und plötzlich steht auch "vegan" auf Lebensmitteln, die es sowieso schon immer waren. Also kurz noch einmal zur Erinnerung: auf allem, was kein Ei, Milch, Käse oder sonstige Bestandteile tierischen Ursprungs enthält.

Trügt der Eindruck oder ist "vegan" gerade eines der angesagtesten Labels in den Supermarktregalen und Lockmittel Nummer 1?

Wir haben beim Einkauf genauer hingesehen:
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Tatsächlich: Was man früher vor allem in Reformhäusern und Bioläden kaufen konnte, wird jetzt vermehrt bei Supermärkten und Discountern angeboten. Laut dem Marktforschungsunternehmen Mintel wurden 2016 in Deutschland mehr vegane Produkte als in jedem anderen europäischen Land eingeführt.

Von allen Lebensmitteln und Getränken, die neu auf den Markt kamen, tragen 13 Prozent die Kennzeichnung "vegan" – und übrigens nur sieben die Bezeichnung "vegetarisch"

Ist das nur eine Verkaufsmasche?

Der Vegetarierbund Deutschland nennt es "Verkaufsargument" und sieht vor allem die Vorteile. Für Menschen, die sich nur von pflanzlichen Produkten ernähren wollen, erleichtere das den Einkauf enorm. 

"Es gibt immer wieder Lebensmittel, bei denen man denkt, die müssten eigentlich vegan sein und dann sind sie es doch nicht. Bei sauren Gurken zum Beispiel kann das Wasser tierische Bestandteile haben", sagt Wiebke Unger. Sie ist Sprecherin beim Vegetarierbund.

Weitere Beispiele seien Wein und Säfte, die mit Gelatine oder Fischblase geklärt oder denen Farb- und Aromastoffe tierischen Ursprungs beigefügt würden. Sie seien also weder vegan noch vegetarisch. Unger warnt außerdem: Nicht alle Zusatzstoffe, die verwendet werden, tauchen auch auf der Liste auf.

V-Label

Vegan darf übrigens jeder Hersteller auf seine Produkte schreiben. Denn eine Kontrolle der Inhaltsstoffe gibt es nicht. Anders ist das bei dem geschützten Qualitätssiegel, dem V-Label, für vegetarische und vegane Produkte. 

Bei der V-Label Zertifizierung wird auch die Zutatenliste dahingehend überprüft, ob Produktionshilfsstoffe und Trägerstoffe von Vitaminen und Aromen tierischen Ursprungs enthalten sind. Das V-Label ist international geschützt. In Deutschland sind 5000 Lebensmittel damit ausgezeichnet. 

Wer ist der typische Käufer?

Zu pflanzlichen Produkten greifen vor allem Frauen, zwischen 20 und 30 Jahren. Häufig haben sie studiert und leben in einer Großstadt. Da hat es das Marktforschungsinstitut Skopos herausgefunden. 

"Vor allem die jüngere Generation ist heute offen für Themen wie Tier-, Umwelt- und Klimaschutz", sagt Unger. Sie habe eine wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Gesundheit entwickelt.

Laut der Befragung ernähren sich aktuell 1,3 Millionen Menschen in Deutschland rein pflanzlich, vor drei Jahren waren es noch 900.000, wie Unger sagt. Dann gibt es noch die sogenannten Flexitarier, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen und viel Wert auf gute Qualität legen, wenn sie denn mal ein Stück Fleisch kaufen. Das Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln schätzt, dass 24 Prozent der Deutschen zu dieser Gruppe zählen.

Die Lebensmittelindustrie hat diesen Trend erkannt und weiß: Mit "vegan" lässt sich Geld verdienen.

Laut dem IFH machten vegane Produkte (Fleischersatzprodukte, Molkereialternativen und Brotaufstrich) 2015 gerade einmal 0,6 Prozent des Lebensmittelmarktes aus. Tendenz: "überdurchschnittlich" steigend. Der Umsatz ist enorm: Mehr als 930 Millionen Euro Umsatz erzielten Unternehmen mit ihren Ersatzprodukten bereits.

Und nicht nur diese Branche hat sich auf die Bedürfnisse der Veganer eingestellt. "Für die meisten geht der pflanzliche Lebensstil über die Ernährung hinaus", sagt Unger vom Vegetarierbund. 

Denn wer vegan lebt, der will auch Kosmetik ohne tierische Bestandteile, Schuhe ohne Leder, Kleidung aus Pflanzenfasern. "Werden Produkte als vegan gekennzeichnet, schafft das auch ein Bewusstsein dafür, für wie viele Produkte des täglichen Gebrauchs Tiere ausgebeutet und getötet werden", sagt Unger. Klebstoff aus Tierknochen oder Textilfarben aus Läusen – alles nicht vegan.

Und wer hätte es vermutet: Auch in Kondomen steckt oft ein bisschen Tier. Ja wirklich: In Berlin gibt es Alternativen dazu in einem veganen Sexshop. 

Ein veganer Sexshop? Ist das nur ein Marketing-Gag? Wir haben nachgefragt:

Interview mit Tamara vom veganen Sexshop "Other Nature"

Was für Produkte in einem Sexshop sind denn nicht vegan?

Dildos und Vibratoren sind in der Regel vegan. Kondome und Gleitgel enthalten aber oft Milchproteine oder Glycerin – beides tierischen Ursprungs. Bei uns ist das durch Distelextrakt ersetzt.

Auch BDSM-Zubehör wie Fesseln und Peitschen sind natürlich häufig aus Leder. Unsere vegane Alternative: Kunstleder und Gummi.

Wir achten nicht nur darauf, dass alles vegan ist, sondern auch darauf, dass keine toxischen Stoffe enthalten sind, die in den Hormonhaushalt eindringen könnten.

Ist das nicht nur eine Verkaufsstrategie, weil vegan gerade so im Trend ist?

Darum ging uns nicht. Wir wollen ein feministischer Sexshop sein – so umwelt- und tierfreundlich wie möglich. Es war vor allem eine politische Entscheidung. Ich nehme aber auch wahr, dass es gerade super inflationär verwendet wird, wenn man im Supermarkt auf Olivenöl oder Sonnenblumenkernen plötzlich vegan liest. Plötzlich sind dann auch die Preise höher. Da zähle ich uns nicht dazu.

Wer kommt zu euch?

Der Großteil lebt bestimmt nicht vegan, die Käufer lieben unsere Atmosphäre und Produkte. Und Veganer finden es gut, weil sie nicht alle Inhaltsstoffe durchgehen müssen und sich auf unser Versprechen verlassen können. 

Und wie sieht's beim Preis aus? Sind vegane Produkte wirklich teurer?

Detaillierte Erhebungen gibt es dazu bislang in Deutschland nicht. Unger meint, man dürfe nicht nur an teureren Fleischersatz wie Tofu und Seitan denken. 

Sich vegan zu ernähren, bedeute auch viel frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorngetreideprodukte zu essen. Und die seien ja nun wirklich preisgünstig. 

Trotzdem: Bislang ist nicht untersucht, wie uns "vegan" dazu verführt, auch mal zum teureren Getreide oder Müsli zu greifen, weil wir dabei an Bio-Produkte mit hoher Qualität denken.


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