Vorsicht: Kann Spuren von Schalenfrüchten, Nüssen und trockenem Humor enthalten.

Früher auf dem Schulhof gab es Kinder, die zauberten in der großen Pause Mini-Salamis, Schokoriegel und Cola aus ihrem Schulranzen. Andere durften immerhin mit Graubrot und Apfelschorle vorlieb nehmen. Und dann gab es solche, die ihre Klassenkameraden neidvoll ansehen, wenn diese morgens um halb zehn in Deutschland ihr "Frühstückchen" verschlangen. Denn sie – meist Lehrerkinder – hatten bloß Knäckebrot und Trockenfrüchte dabei, natürlich im Einmachglas. 

Trockenfrüchte! Das Weingummi für Menschen, die nur drei Programme im Fernseher haben. 

2020 ist dieser Snack, verzeiht das Wortspiel, wieder in aller Munde. Und das liegt nicht nur daran, dass er sich hervorragend zum Corona-Hamstern eignet. 

Was fasziniert so am gedörrten Obst?

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Die Komponenten: eine braunbunte Mischung zäh-klebriger Runzelklumpen. Und Kokoschips. 

Paleo-Gurus, Selbsthilfe-Autorinnen, Fitness-Trainer und Sustainability-Coaches sind sich in einer Sache einig: Wer sich und seinen Planeten nahezu unsterblich machen möchte, sollte nur das Nötigste zu sich nehmen. Etwas Gemüse, ein paar Nüsse und stilles Wasser. Süßes gibt es nur in Form von Obst, der Einfachheit halber auch einmal am Tag in getrockneter Form. Wo in dieser Ernährungspyramide der Spaß zu finden ist? Nirgendwo.

Alle lieben Trockenobst

Hippe Großstädter und nachhaltige Bauernkinder lieben Apfelringe, Bananenchips und Aprikosenklopse gleichermaßen. Etwa 1,5 Kilo isst jeder in Deutschland pro Jahr – Tendenz in den vergangenen zehn Jahren steigend (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft). Im Müsli, in der Quinoa-Bowl, der Brathuhn-Füllung oder Omas irgendwie pervers-genialer "Schnitzsuppe" ist das Zeug zu finden. Bio-Supermärkte bieten inzwischen "Trockenobst-Bars" zur Selbstbedienung an, die auf weniger Gesundheitsbewusste wie der traurigste Kiosk der Welt wirken müssen. 

Die Askese ist seit Tausenden von Jahren ein Weg, um sich über die Verlockungen des Alltags und der weltlichen Genüsse zu erheben. Heute allerdings weniger aus philosophischen denn eher aus neoliberalen Optimierungsgründen. Denn, so die Denke, ein reiner und gesunder Körper kann ja mehr leisten und länger arbeiten. Im Spätkapitalismus, der einem das Essen ohne Lieferkosten bis vor die Haustür trägt, ist für diese Disziplin einiges an Selbstbeherrschung nötig. 

Aber so sind sie, die Dörrobst-Fans. Unverwüstlich wie der Snack, der sie am Laufen hält. Nicht zuletzt, weil senile Dorfärzte jeden Kopfschmerz-Patienten darauf hinweisen, dass Trockenpflaumen gegen Verstopfung helfen. Detox durch geplantes Abführen! 

Ein Apfel am Tag verzögert den Sarg. Und Trockenfrucht? Sorgt für Kaufsucht!

(Bild: Pexels / Visionpic / cc 0)

Und wer diese Energiebomben heute nicht liebt, weil sie fit und schlank machen sollen, liebt sie, weil sie praktisch und ewig haltbar sind – da freuen sich die von weichgekochter Dosensuppe geplagten Quarantäne-Zähne, auch mal was zum Kauen zu bekommen. 

Die Trockenobstindustrie reibt sich bei der aktuellen Nachfrage die klebrigen Hände, darf sie bei ihren Produkten doch ähnlich unverschämte Preiskalkulationen anstellen wie Drogendealer im Großraum München oder Verkäufer von OP-Schutzmasken. 30 Euro für 500 Gramm getrocknete Himbeeren? Bekloppt, wo sich doch jeder mit einem Backofen die meisten Früchte selbst konservieren kann.

Der Snack der Jahrtausende

Die Kunst der massenhaften Dehydrierung ist nämlich, aller Hipness zum Trotz, nicht im Berghain erfunden worden. "Getrocknetes" gehört wohl zu den ältesten Snacks der Welt, im mittleren Osten etwa ist die gedörrte Dattel seit über 5000 Jahren ein "Ding". Von dort kam die Methode zur Obst-Haltbarmachung dann wohl auch nach Europa – oder in die Teile davon, in denen mal länger die Sonne schien. 

Wer in die Rezeptbücher der Welt schaut, merkt: Bis heute essen eigentlich alle Kulturen in irgendeiner Art und Weise getrocknete Früchte. Ist Trockenobst unser globaler gemeinsamer Nenner?

Vielleicht sollten sie bei den Vereinten Nationen als Kompromiss-Katalysator mal eine Schale Schokorosinen in die Generalversammlung stellen. Die hat auch früher an Omas Kaffeetafel schon dafür gesorgt, dass alle mal kurz den Mund hielten. 

In der nächsten Folge von "Widerstand snacklos": Erdnussflips.


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