Bild: Unsplash/ Alice Pasqual
"Du siehst fertig aus."

In dem Schrank über meinem Herd gibt es diese eine Ecke, in der ich immer ein paar Stangen Spaghetti bunkere. Für Notfälle am Monatsende. Kurz in den Topf, Pesto drüber, kostet keinen Euro. Genau richtig für Menschen ohne Kohle. Zum Beispiel Studenten. Laut Studentenwerk brauchen die 1000 Euro im Monat. Bafög bringt aber höchstens 735 Euro. Nudeln kommen da gerade recht.

14 Tage nur Nudeln. Ich lasse mich auf das Experiment ein, weil ich beweisen will, dass die Nudel das perfekte Essen für Menschen mit wenig Geld ist. Dass man nicht viel braucht, um sich zu ernähren. Und außerdem liebe ich Nudeln!

Die Nudelrezepte unseres Autors gibt’s auf Instagram: @nudelich

Peter Ludolf, der TV-Star vom Schrottplatz, sagte mal: "Wenn man die gegessen hat, hat man auch Freude den ganzen Tag." Seh ich auch so. 

Von jetzt an gibt es also morgens, mittags, abends: Nudeln. Bei den Soßen ist alles erlaubt, was günstig ist. 

Im Discounter ist eine ganze Regalwand den Nudeln gewidmet. Kein Wunder, Bolognese ist ein Lieblingsgericht der Deutschen. Rund sieben Kilo Pasta essen wir im Jahr. In meinem Einkaufswagen landen zweieinhalb Kilo Fusilli, Spaghetti, Penne, ein Sack Zwiebeln, ein Liter Tomatensoße, grünes und rotes Pesto und Sojasoße – das werden meine Basics für die nächsten Wochen. Ich zahle 5,92 Euro. Eine Frau vor mir zahlt für ihr Häufchen Bio aus fettreduziertem Schinken, Vollkornbrot und zwei Tomaten fast genauso viel.

Tag 1: Yum-Yum-Suppe. Ich schütte zu viel Wasser auf die Asia-Nudeln, es wird mehr eine Schleimsuppe. Geschmacksrichtung „Ente“. Immerhin macht sie satt. Mittags esse ich Nudeln mit Tomatensoße. Abends gleich nochmal. Alles für 173 Cent.

Tag 2: Am Abend gehe ich Feiern und bei einer Freundin trinken. Ich muss mich davon abhalten, Chips und Kekse zu essen und beginne, Spaghetti wie Salzstangen zu knabbern.

Tag 3: Ich habe meinen ersten Nudeltraum. Klar kommt darin ein Italiener vor. „Aldente!“, schreit Anton, „Aldente!“ Dabei tanzt er um mich herum und fuchtelt mit den Händen wie ein wütender Hummer mit seinen Scheren. Ich wache auf. Ich schwitze. Dann erinnere ich mich, wie Anton auf der Feier gestern eine Freundin anschnauzte, die meinte, Nudeln sollte man weichgekocht essen.

In den Tagen nach dem Nudeltraum folge ich Antons Rat und hole die Pasta al dente aus dem Wasser. Es knirscht. Buono.

Tag 5: Ich treffe mich mit Sophia auf einem Flohmarkt. „Du siehst echt scheiße aus“, stellt sie fest. „Sind deine Haare dünner geworden?“ Genau das, was man mit Anfang 20 hören will. Ich bereue es, gekommen zu sein.

Mir hätte klar sein müssen, dass zu einem Nachtflohmarkt alternative Foodtrucks gehören. Tacos, Bio-Burger, Wiener mit Sauerkraut für 3,50 Euro. Von dem Geld esse ich zwei Tage Pasta. Als ich mich später von Sophia verabschiede, greift sie meinen Arm. "Pass auf dich auf, so ne Mangelernährung ist nicht ohne." Beruhigend, das von einer angehenden Krankenschwester zu hören.

Tag 6: Ich fühle mich wie eine Fusilli, die man so lange im Topf gelassen hat, bis alle Stärke aus ihr rausgekocht ist. Was nach einem blöden Nudelvergleich klingt, beschreibt meinen Gemütszustand. Ich brauche Abwechslung und erinnere mich an eine Weisheit von Peter Ludolf: "Man kann Nudeln essen warm, man kann Nudeln essen kalt.“ Also schmiere ich Nutella auf kalte Fusilli. Hilft nicht. 

Ich google "Symptome Überzucker". Schwindel, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, steht da. Ich bin überzeugt, kurz vor der Diabetes zu stehen.  Um mich und meinen Blutzuckerspiegel zu retten, weiche ich ab: Ein Tag Vollkornnudeln und – Luxus! –  Tiefkühlgemüse.

Tag 7: "Du siehst total krank aus", sagt meine Tante. Sie legt einen Zopf auf den Tisch. Quark-Ölteig. Dazu Nutella und Sahne. "Ich darf nicht", wehre ich ab. "Komm schon", sagt sie, "Weizenteig, Weizennudeln – das ist quasi dasselbe."

Tag 8: Vom Zopf blieb nichts übrig. Ich fühle mich schmutzig und überlege, das Experiment abzubrechen:

Wieso mache ich das? Wen interessiert ein Typ, der sich zwei Wochen nichts als Pasta reinspachtelt? Aber dann meldet sich der Ehrgeiz: Jetzt habe ich schon acht Tage hinter mir. Ab jetzt wird durchgezogen! 

Tag 10: Eine Einladung ploppt auf meinem Handy auf. "Superleckeres südamerikanisches Essen bei mir Zuhause“. Kuchen-Ronja, die früher in der Schule Essen für alle dabei hatte und durch Südamerika gereist ist, feiert Geburtstag. Ich schreddere eine rohe Vollkornnudel nach der anderen runter. Wie soll ich den Abend überstehen?

Auf der Party starren mich die Empanadas an. Ich lasse drei von ihnen in einen Müllsack verschwinden – zum Einfrieren für später.

Tag 12: Ich kann Nudeln nicht mehr sehen - die Ringe unter meinen Augen dafür schon. Es ist eine wirklich merkwürdige Erfahrung: Ich bin immer pappsatt. Und trotzdem scheint mein Körper nicht zu kriegen, was er braucht. Meine Haare fühlen sich dünn an - das klingt nach Shampoo-Werbung und nicht nach meinen eigenen Gedanken, aber sie kommen mir, zum ersten Mal in meinem Leben.

Vielleicht hatten die Pastafari von Anfang an Recht mit ihrem Glauben an das Fliegende Spaghettimonster.

Tag 14: Ich habe insgesamt 4,6 Kilo Nudeln und elf Nudelsuppen gegessen. Dafür habe im Schnitt 2,31 Euro am Tag ausgegeben. Die Leute um mich herum sagen allerdings Sachen wie: 

  • "Du siehst fertig aus" 
  • "Bist du blass!"
  • "Nimm deinen Versuch nicht so ernst" 
  • "Du plapperst nur noch Mist!"“

Es ist der letzte Tag – das heißt, ich treffe mich mit der Ernährungsberaterin. Frau Leicht von der TU München wird mir sicher sagen, wie schrecklich ungesund das alles ist. Dann sagt sie: "Von Nudeln kann man sich gesund ernähren." Pesto sei sogar gehaltreich, wenn es nicht gerade das billigste aus dem Supermarkt sei. Es enthalte gute Öle, Nüsse und Kräuter, die Nährstoffe liefern. Wirklich? Irgendwie fühle ich mich gar nicht so. 

"Die anderen Komponenten müssen aber stimmen", sagt Leicht  "Vollkornbrot, Milchprodukte, Fisch, viel Gemüse und Salat." Wenn ich mit meiner Diät so weitermache, müsse ich auf Dauer mit Mangelerscheinungen rechnen. 

Ich sehe meine Reflexion im Fenster. "Störungen im Hautbild. Schlechter Haarwuchs", sagt Leicht. "Nudeln sind so nicht für alle drei Malzeiten geeignet."

Zuhause stelle ich mich auf die Waage. In 14 Tagen von 70,2 auf 67,8 Kilo. 

Niemals hätte ich gedacht, dass ich bei meiner täglichen Nudelschlacht abnehmen würde. Ich habe auch nicht damit gerechnet, so schnell zu merken, dass mein Körper so viele verschiedene Nährstoffe braucht. 

Ich öffne mein Nudeltagebuch ein letztes Mal. Ich stoße noch einmal auf das Mantra von Ludolf: "Wenn man die gegessen hat, hat man auch Freude den ganzen Tag. Umso mehr baut man seine Kraft und seine Freude auf." 

Lügner. Ich beiße in einen Empanada.


Gerechtigkeit

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