Eine Packung Erfrischungsstäbchen auf einem Holztisch, eines ist angebissen und die Flüssigkeit läuft aus.
Bild: Sebastian Maas / bento
Widerstand snacklos: Die Essens-Kolumne

Eine Hülle aus Zucker umschließt einen Kern aus zähflüssigem Zitrusschleim, überzogen ist beides mit einer dünnen Schicht bitterer Schokolade. Auf den ersten Blick erweckt das Stäbchen den Anschein, feste Nahrung zu sein. Nach dem Biss verflüchtigt es sich dann aber innerhalb von Sekunden und wandelt sich zu einem knirschigen Schluck Zuckerwasser. 

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Stab der Gegensätze

Die Kombination aus süß-sauer-schleimig-knirschig würde bei vielen reisenden Deutschen im Ausland eigentlich einen Würgereflex hervorrufen. Bei diesem Snack aber sorgt sie für leuchtende Augen. 

Ebenso sollte "mit flüssiger Füllung" wie eine Warnung für jedes Kind klingen, das sich zuvor mit gierigem Schlingen die Zunge an einer heimlich erbeuteten Schnapspraline verbrannt hat. Doch auch hier ist das Gegenteil der Fall, die Stäbchen sind eine fast schon verantwortungslose Vorbereitung auf Saufgelage: Gerade für die mitteldeutsche Dorfjugend ist "Stäbchen knacken, Kopf in' Nacken" so etwas wie die erwachsenere Schokozigarette für den gediegenen Nachmittag in der Bushaltestelle.  

Kurzum, dieses Lebensmittel ergibt keinen Sinn. Vielleicht hilft bei der Ergründung des Snacks-Appeals des Erfrischungsstäbchens daher eine Käuferanalyse. Die Zielgruppe dürfte sich (all das sind reine Vermutungen) mit der von Schnapspralinen überschneiden, ebenso mit der von rosa-weißen Schokolinsen und Jaffa Cake.

Die Wissenschaftsabteilung von bento hat in tagelanger Kleinstarbeit an dieser Visualisierung der Daten gearbeitet

Denn viele assoziieren den Snack eher mit gehäkelten Platzdeckchen und kleinen Ziertassen voll Filterkaffee und Dosenmilch. Es sind irgendwie altbackene Oma-Süßigkeiten, die wir entweder als Kind lieben gelernt haben oder heute mit Inbrunst hassen. Auf Instagram kommentiert ein Nutzer, Erfrischungsstäbchen schmeckten, als wenn man sich mit Schokolade die Zähne putze. Ob das etwas Gutes oder Schlechtes wäre, muss jeder selbst entscheiden.

Nomen est omen

Verpackung und Name des beliebten Snacks sind leider recht unsexy. Anders als Schweizer Pralinen oder Belgische Meeresfrüchte rumpeln die deutschen Stäbchen lose in einer zweistöckigen Plastikschale umher. Und "Erfrischungsstäbchen" klingen zudem wie etwas, das man nachts an einer zwielichtigen Autobahnraststätte angeboten bekommt. Oder beim Zahnarzt.

Süßer Snack-Fact I: Der ungelenke Titel rührt daher, dass das Stäbchen tatsächlich eine urdeutsche Erfindung ist. In den 1930er-Jahren (die bei Historikern ja bekannt sind für super Ideen) brachte die Hannoveraner Schokofirma Sprengel es auf den Markt. (HAZ)

Inzwischen ist Sprengel pleite, die Erfindung aber blieb im Supermarktregal. Im Sommer vielerorts sogar neben den Minzdrops und Minisalamis als Quengelware direkt an der Kasse. Die mediterrane Füllung soll, so das Namensversprechen, bei heißen Temperaturen Abkühlung verschaffen. Ein wenig "dolce vita", oder besser, "deutsche vita" für nordeuropäische Zungen, die mit dem beigen Wohnwagen gerade nicht bis Italien herunterfahren können.

Süßer Snack-Fact II: Ironischerweise lagen Erfrischungsstäbchen in den Sechzigern häufig in Westpaketen – obwohl sie zu der Zeit massenweise in Thüringen produziert wurden. Aber der Wessi wusste eben schon immer besser, was der Ossi braucht. (Welt)

Während das Stäbchen heute, in Zeiten der Globalisierung, mit harter Konkurrenz durch tausende verrückte Schoko-Kreationen zu kämpfen hat, war die Geschmackskombi Mitte des letzten Jahrhunderts fast schon rebellisch: Vollmilch, Edelbitter, Rum-Traube-Nuss – das war alles, was der Markt hergab (SPIEGEL). 

Wer sich traute, entgegen des Massengeschmackes zum Orange-Zitrone-Stäbchen zu greifen, protestierte damit quasi gegen das angestaubte System. Ältere Herrschaften, die noch heute eine Liebe für die Süßigkeit pflegen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit also einiges auf dem Kerbholz. 

Vielleicht sollte man als Enkelkind beim nächsten Treffen mal unverfänglich fragen, wie es damals bei den Anti-Atom-Demos oder beim Jimi Hendrix-Konzert war, wenn man bei Oma Erfrischungsstäbchen im Kühlschrank findet. Man könnte überrascht sein, wie cool (oder besser: erfrischend) eigentlich spießig Wirkendes sein kann.

In der nächsten Folge von Widerstand snacklos: Erdnussflips.


Uni und Arbeit

Wegen Corona findet das Sommersemester vor Bildschirmen statt. Wie geht es Studierenden und Dozenten damit?
Wir haben uns an Hochschulen in Deutschland umgehört.

So hatte sich Janina Nickel ihr erstes Semester nicht vorgestellt: Statt Treffen mit den neuen Kommilitonen, statt Partys und Mensa-Besuchen, statt Nachmittagen in der Bibliothek, statt Vorlesungen und Seminaren und Begegnungen mit den Dozenten boten ihr die ersten Wochen ihres neuen Lebens vor allem eines: lange Tage vor dem Bildschirm. In ihrer Wohnung.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen schlüpft die 18-jährige Studentin in ihre Jogginghose, holt Laptop und iPad hervor und loggt sich auf der Lernplattform Ilias ein. So erzählt sie es am Telefon. Dann klickt sie sich durch Powerpoint-Präsentationen, liest die Literatur, die ihre Dozenten hochgeladen haben, oder nimmt an Seminaren teil – ebenfalls online, natürlich.

Im März ist Janina von Mülheim an der Ruhr nach Köln gezogen, um Sonderschulpädagogik zu studieren, seit drei Wochen steckt sie nun in ihrem ersten Semester. In der Uni war sie noch kein einziges Mal. Und auch von ihrer neuen Heimatstadt hat sie bisher nur wenig gesehen: den Park um die Ecke, den Supermarkt. Die neue Freiheit, auf die Janina und die anderen Erstsemester sich nach dem Auszug von zu Hause gefreut hatten – sie endet jetzt schon an der eigenen Wohnungstür.