Bild: Alexander Mils / Unsplash/ cc 0

Strahlende Augen, Haut, so rein wie ein Babypopo, und ein vollkommen neues Lebensgefühl – das sind nur einige Versprechen, die ich im Zusammenhang mit Saftkuren gehört habe. Von der Wissenschaft werden sie mehr als angezweifelt, wahrscheinlich profitieren vor allem die Verkäufer der Kuren. Das Problem: Belastbare klinische Studien dazu fehlen, wie eine britische Meta-Untersuchung 2015 feststellte. (BDA)

Nach meiner anfänglichen Recherche war ich gleichermaßen fasziniert wie abgeschreckt. Für mich lag daher nahe: Ob Saftkuren nun ihr Versprechen halten können oder eben doch totaler Blödsinn sind – dafür musste ich es wohl einfach selbst auszuprobieren. 

Auf die Kur vorbereitet habe ich mich überhaupt nicht. Nachdem ich ein ansprechendes Flaschen-Design im Kühlregal meines Supermarktes entdeckt hatte, schlug ich spontan zu – ohne zu wissen, was mich erwartet. 

Sechs Flaschen Obst-Gemüse-Smoothies soll ich täglich zu mir nehmen, verlangt der Hersteller dieser speziellen Saftkur. 

Feste Nahrung ist verboten, ich darf ergänzend lediglich Ingwerwasser und ungesüßten Tee trinken. 

Ansonsten heißt es "kalter Entzug": Statt sieben Tassen Kaffee bekomme ich jetzt null, Alkohol ist ebenso tabu. 

„Hey, ich bin 22 und fit, was soll schon passieren?“
Mein verantwortungsloser Verstand an Tag 0

Tag 1: Gurken-Spinat-Sellerie-Migräne

Um 9 Uhr des ersten Tages bereue ich meine Entscheidung bereits. Es ist ein typischer Montag im Büro, ich bin müde und mein Körper schreit nach Koffein. Missmutig beobachte ich den Kollegen dabei, wie er sich vergnügt an der Kaffeemaschine einen Cappuccino rauslässt – während ich nebenan deprimiert eine Knolle Ingwer für mein Wasser zerschneide. Na toll. 

Hungrig und schlecht gelaunt bringe ich den Vormittag mit seltsam grünem Saft und Ingwerwasser hinter mich. Mittags dann die nächste Challenge: Der tägliche Kantinengang mit den Lieblingskollegen. Ich habe keine Lust, meine Pause hungrig und allein zu verbringen und schließe mich ihnen an. Während sie vor ihren dampfenden Tellern sitzen, inhaliere ich verzweifelt den Essensgeruch – in der Hoffnung, damit meinen Appetit zu stillen. Erfolglos.

Der restliche Tag ist eine einzige Qual: Durch den Koffeinentzug habe ich die ersten Kopfschmerzen meines Lebens – da hilft selbst das viele Trinken nichts. Ich bin unkonzentriert, mein Energielevel liegt irgendwo unter Null und ich fühle mich seltsam aufgeschwemmt. Außerdem habe ich immerzu Hunger. Als ich abends nach Hause komme, schlafe ich schon um 19:30 Uhr völlig erschöpft ein. 

Tag 2: Ananas-Apfel-Minze-Menschenhass

Trotz elf Stunden Schlafs bin ich müde. Auch sonst hat sich nur wenig zum Vortag verändert: Mein Kopf pocht und ich bin so erschöpft, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Außerdem macht mein Kreislauf Probleme. 

Was dazu kommt: unkontrollierbare Emotionen. Aus der wohl hungerbedingt schlechten Laune vom Vortag ist heute eine regelrechte Sozialphobie geworden. Ich mache um alle Menschen einen weiten Bogen und gehe jeder Form des Gesprächs aus dem Weg. Im Büro bleibe ich stumm, nicht mal auf WhatsApp-Nachrichten antworte ich. Um 19 Uhr fliehe ich wieder zurück in mein Bett. 

Tag 3: Zitrone-Kokosnuss-Mandel-Zimt-Gliederschmerzen

Die Nacht war eine einzige Katastrophe. Ich habe kaum ein Auge zugemacht, weil ich so starke Gliederschmerzen habe. Jede Faser meines Körpers tut weh. Das Pochen in meinem Kopf hat mittlerweile einen treibenden Rhythmus gefunden. 

Von der neuen Lebensqualität, die eine Saftkur verspricht, fühle ich mich Lichtjahre entfernt: Statt reiner Haut reiht sich auf meiner Stirn ein Pickel an den nächsten, statt strahlender Augen habe ich schwarze Augenringe. Game over? Ich bin kurz davor, die Kur abzubrechen. 

Aber irgendwas muss doch dran sein an der Saftkur, sonst würden es doch nicht so viele Menschen machen! "Morgen ist alles ganz anders", sage ich mir. Wie ein Mantra wiederhole ich diese Worte immer und immer wieder. 

Einschlafen kann ich allerdings nur mit Wärmflasche und Wolldecke. Mitten im Juli. Mir ist durchgehend kalt. Ob das am Schlafmangel oder am Kaloriendefizit liegt, ist schwer zu sagen. Ich bin froh, dass ein weiterer Tag geschafft ist. 

Wozu überhaupt Detox?

Wer eine Saftkur macht, verzichtet für einen kurzen Zeitraum bewusst auf feste Nahrung und ernährt sich nur von Säften. Das soll den Körper angeblich von verschiedenen Giftstoffen reinigen, die wir täglich über unsere Nahrung, Getränke, Alkohol oder Zigaretten aufnehmen. Manchmal ist auch von "Entschlackung" die Rede, obwohl dieser Begriff sehr umstritten ist: "Schlacken" sind in der Schulmedizin nicht bekannt. Korrekter wäre der Begriff "Entsäuerung". (SPIEGEL ONLINE)

Zum Abnehmen ist eine Saftkur ungeeignet: Man verliert dabei zwar Gewicht, jedoch besteht dieses zum größten Teil aus Wasser. Sobald man wieder normal isst, nimmt man diese Kilos wieder zu. Eine Saftkur eignet sich aber, wenn man seinem Magen eine Auszeit gönnen will oder eine längerfristige Nahrungsumstellung einleiten möchte. (Deutsche Apotheker Zeitung

Tag 4: Zitronengras-Honig-Kokoswasser-Schweiss

Am Morgen entpuppt sich die Kombination aus Wärmflasche und Wolldecke im Hochsommer als keine so gute Idee. Ich wache nassgeschwitzt auf. Auch tagsüber überraschen mich immer wieder kalte Schweißausbrüche, begleitet von einem unangenehmer werdenden Körpergeruch. Selten habe ich mich dringender nach einer Dusche gesehnt.

Es kommt noch schlimmer – auch der Stuhlgang ändert sich. Meist kann ich überhaupt nicht gehen. Wenn doch, hat er sich optisch stark an den Gurken-Spinat-Sellerie-Saft von Tag 1 angepasst. 

Apropos Saft: Langsam kann ich den echt nicht mehr sehen. Anfangs fand ich ihn ja noch lecker, mittlerweile muss ich ihn wirklich runterwürgen. Der Hunger an sich ist tatsächlich in den Hintergrund gerückt, aber das Gefühl, etwas kauen zu können, wirkt wie ein Traum. 

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Mein Kopf gibt mir nicht mehr das Gefühl, als würde er jeden Moment platzen und auch die Gliederschmerzen sind weg. Ich scheine mit meinem Koffeinentzug also über den Berg zu sein. 

Tag 5: Kurkuma-Cayenne-Wasser-Endspiel

Der Mythos, dass der Hunger vollkommen verschwindet, ist eine Lüge. Er ist immer da. Man hat sich ganz einfach nur daran gewöhnt und denkt nicht ständig darüber nach. Gegen Appetit hilft mir inzwischen das Zähneputzen: Durch die Minze neutralisiert sich der Geschmack und das Bedürfnis, etwas Süßes zu essen, ist nicht mehr so stark. 

Am nächsten Tag darf ich das Fasten endlich brechen. Weil sich mein Körper erst wieder an Nahrung gewöhnen muss, gibt es für mich leicht verdauliche Reisflocken mit warmer Mandelmilch und ein paar Bananenscheiben. Schon ab der Hälfte der Mahlzeit bin ich satt, das Essen schmeckt intensiv und die Banane ist extrem süß. In diesem Moment bin ich der glücklichste Mensch, weil ich wieder kauen kann.

Die fünf Tage Saftkur kamen mir wie die längsten meines Lebens vor. Und ich habe festgestellt: Saftfasten fühlt sich definitiv nicht an wie eine persönliche Wiedergeburt. Das Wort Folter trifft es eher.

Wer sollte auf eine Saftkur verzichten?

Grundsätzlich kann fast jeder fasten – es gibt nur einige wenige Ausnahmen. Damit gemeint sind Personen, die

  • sich in der Schwangerschaft oder Stillzeit befinden
  • an Diabetes erkrankt sind
  • an Demenz erkrankt sind (mangelnde Kooperationsfähigkeit)
  • an einer Essstörung erkrankt sind 
  • eine Leber- oder Niereninsuffizienz haben (mangelnde Fähigkeit zur Entgiftung und Ausscheidung)
  • eine Schilddrüsenüberfunktion haben (Schilddrüsenaktivität kann außer Kontrolle geraten)

Was ich vorher auch nicht erwartet hätte: Eine Saftkur ist verdammt teuer. Für fünf Tage habe ich bei meinem Anbieter 149 Euro gezahlt. Dafür, dass ich nichts gegessen habe. Als Studentin mit kleinem Budget ist das so viel, wie ich normalerweise im ganzen Monat für Essen ausgebe. Dazu kommt der Müll: Mit sechs Smoothies täglich hat man am Ende der Kur 30 Kunststoffflaschen angesammelt, die sich nicht recyceln lassen. Ökobilanz? Kurz vorm Robbenkloppen. 

Wie ein besserer Mensch fühle ich mich nach der Kur nicht. Trotzdem hatte sie für mich einen positiven Effekt: 

Die Tage als Kaffeejunkie sind gezählt. Statt sieben Tassen Kaffee täglich trinke ich heute null. 


Gerechtigkeit

Er Wessi, sie Ossi, er will verstehen, sie ist genervt – ein Streitgespräch unter Nachwendekindern

Paul ist 29, geboren in der Lüneburger Heide, nun Wahlberliner und derzeit Journalist auf "Ostwalz", so nennt er sein Projekt: Sieben Wochen wandert er durch die ehemalige DDR und will Geschichten von Menschen sammeln.

Sarah ist nur zwei Monate älter, im Erzgebirge geboren, lebt in Chemnitz und ärgert sich oft darüber, wie über "den Osten" geredet wird. Und nun kommt auch noch Paul. Ihre Gefühle zu seinem Projekt: gemischt. 

Wir haben die beiden zusammengebracht, um sie diskutieren zu lassen. 

Sarah und Paul begegnen sich zum ersten Mal in der Sitzecke von Radio T, ein kleiner, nicht-kommerzieller Chemnitzer Radiosender. Sarah kennt hier alle mit Namen, seit Studi-Zeiten macht sie mit. Zur Begrüßung umarmt sie Paul und serviert Bier.

Danach geht es schnell raus aus der Komfort-Zone …

Sarah: Als ich von deiner Ostwalz hörte, dachte ich: 'Oh ne, noch so einer.' Und: