Bild: Leonid Ostalzew
Der Laden läuft.

Abseits von diesem Lokal, im hintersten Winkel links, direkt neben dem zugigen Ausgang, sieht man nur vereinzelt Menschen in der unterirdischen Shopping Mall im Zentrum Kiews. Hier aber stehen jetzt die Kellner im Eingang und zucken entschuldigend mit den Achseln: In der "Pizzeria Veterano" sind alle Tische voll besetzt.

Leonid Ostalzew bemüht sich, mit verschränkten Armen, freundlich und cool zugleich zu wirken. Er begrüßt die Gäste und ruft jedem, der das Lokal verlässt, ein lautes "Danke" hinterher. Der bullige junge Mann mit dem Rauschebart und breiter Skaterhose kehrte im vergangenen Sommer von der Front zurück.

(Bild: Simone Brunner)

Ein vierwöchiger Ausbildungskurs für Selbständige auf dem Arbeitsamt brachte den ehemaligen Pizzakoch auf die Idee: Eine Pizzeria eröffnen, in der nur Kriegsrückkehrer aus der Ostukraine arbeiten. Mit seinem Partner, wie er ein Veteran, und der finanziellen Hilfe eines amerikanisch-ukrainischen Investors öffnete das Lokal Anfang Dezember. Seit Januar schreibe es schwarze Zahlen, sagt Ostalzew.

Die Kunde von den kochenden Veteranen verbreitete sich schnell über die sozialen Medien: 17.300 Fans hat die Pizzeria mit dem Logo des schnurrbärtigen Kochs im Kosakenhemd auf Facebook. Praktisch alle ukrainischen Fernsehsender (hromadske.tv mti englischen Untertiteln) und Zeitungen haben über die Pizzaköche berichtet, selbst die "New York Times" war schon da, zuletzt hat der amerikanische Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt, vorbeigeschaut. "Esst die leckere Pizza von Pizza Veterano!", warb auch der ukrainische Social-Media-Star Walera Ananjew in einer YouTube-Botschaft.

In der Fotostrecke: Pizza schlägt Trauma
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"Aus dem Krieg kehrst du als ein anderer zurück", sagt Ostalzew. Seinen rechten Unterarm bedecken zahlreiche Tättowierungen – ein Kreuz für jeden gefallenen Kameraden an der Front, sieben an der Zahl. In der Pizzeria sollen Soldaten wieder mit Leuten in Kontakt kommen, die nicht gekämpft haben. Zugleich können die Kiewer jene Soldaten persönlich kennenlernen, die sie oft nur aus den Fernsehnachrichten kennen.

(Bild: Leonid Ostalzew )

Der Krieg in der Ostukraine geht bald in sein drittes Jahr, laut UN-Schätzungen wurden bisher 9200 Menschen getötet und mehr als 21.000 verletzt. 200.000 Kriegsheimkehrer zählt die "Allukrainische Vereinigung der Veteranen der Anti-Terror-Operation", wie der Krieg in der Ostukraine offiziell genannt wird, kurz "ATO", mittlerweile. Nach ihrer Rückkehr sind sie traumatisiert, entwurzelt, oft auch ohne Job. Staatliche Programme oder Therapien gibt es kaum. Experten schätzen, dass 50 bis 70 Prozent der Veteranen psychologische Hilfe brauchen würden.

Achtzehn Personen arbeiten mittlerweile in der Pizzeria, es wird aber schon wieder nach Verstärkung gesucht. Die Stimmung ist gut: Sie lachen, scherzen, begrüßen sich mit Handschlag.

(Bild: Simone Brunner)

Kein Jahr ist es her, da war der heute 24-jährige Artjom noch an der Front. Streifte sich jeden Tag die Camouflage-Uniform über, putzte sein Gewehr, feuerte auf die Stellungen der pro-russischen Separatisten. Inzwischen hat Artjom die Uniform gegen die Schürze getauscht, und putzt nur noch Gemüse. Er bedient jetzt den Pizzaofen, reibt Käse, knetet Mehl und Wasser, klatscht im Akkord die Tomatensauce auf den Teig.

Nach seiner Heimkehr fiel er erst mal in eine tiefe Krise. "Ich war zwei Monate lang fast nur zu Hause, bin in eine absolute Apathie verfallen", sagt Artjom mit einem schüchternen Lächeln. Er wusste nicht so recht, was mit sich anzufangen. Ein beschauliches Familienleben? Oder sich doch den Ultranationalisten rund um den "Rechten Sektor" anschließen? Bei einem Spaziergang durch das Shoppingzentrum in Kiew wurde er auf das Schild vor dem neu eröffneten Restaurant aufmerksam: "Gratis Pizza für ATO-Veteranen." Aus einer Pizza wurde ein Gespräch, dann ein Job, ein Neuanfang abseits der Front.

"Pizza Veterano" wächst. Seit Kurzem gibt es einen Lieferservice, Kunden können Pizzen auch für Kriegsversehrte in den Kiewer Militärspitälern spenden. Jeden Sonntag gibt es Kochkurse für Kriegswaise, zehn Prozent des Gewinns sollen für soziale Zwecke verwendet werden.

Die Wand neben der Kasse ist mit Kinderzeichnungen übersäht: eine Pizzaschnitte, "Made in Ukraine", ein Engel, der aufsteigt aus den Umrissen einer in den Nationalfarben getauchten Ukraine. Soldaten haben ihre Aufnäher von den Bataillonen und ihre Glücksbringer dagelassen, von Plastikfiguren bis zu Patronenhülsen, eingehüllt von einem Meer aus Post-Its in den Farben der ukrainischen Fahne: blau-gelb.

(Bild: Simone Brunner)

Das beliebteste Gericht auf der Karte? Die "Pizza Ukraine", selbstredend. Salami, Schinken und Salo, der besonders fette ukrainische Speck, um umgerechnet zwei Euro.

Der Krieg in der Ostukraine ist noch nicht vorbei. Immer wieder ziehen junge Männer an die Front, auch der bärtige Ostalzew überlegt, wieder zu kämpfen. Und was gibt er den Soldaten mit, die gerade in den Krieg ziehen? "Dass sie wieder sicher zurückkommen sollen", sagt er, "und dass ich ihnen eine Pizza schulde."

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