Bild: Ada Blitzkrieg
Die Deutschen kennen zwei Ängste: Angst vor Zuwanderung und Angst vor Milchprodukten mit natürlichem Fettgehalt.

Hand auf’s Herz! Wir gehören vermutlich alle der Generation an, die mit Fug und Recht von sich behaupten darf, in den 1990ern groß, in den 2000ern dann übergewichtig und in den 2010ern endlich essgestört geworden zu sein. Der Terror fing für uns also nicht erst am 11. September mit den imposanten Aufnahmen der einstürzenden Hochhäusern an. Zu diesem Zeitpunkt kauerten wir tiefenentspannt in unseren Discounter-Schlafanzügen mit einem Knusperjoghurt Erdbeer Schokopuffis vor den Fernsehgeräten der Nation und freuten uns auf eine weitere Folge Marienhof, die an diesem Tag nicht ausgestrahlt werden sollte. Die Welt hatte sich plötzlich gewandelt, dachten wir, dabei hatte sich die Kampfzone seit Jahren längst unbemerkt auf unsere Körper ausgeweitet.

An erster Front standen natürlich eisern unsere Eltern, denen heute bestimmt noch schreckliche Bilder in den Kopf kommen, wenn sie an den Krieg vor den Kühltheken dieses Landes zurückdenken. Dieter Kronzucker könnte vermutlich Hunderte Stunden Videomaterial mit Müttern in jeansblauen Karottenhosen und Nicki-Pullovern füllen, die mit ihren toten Augen vor der Natreen-Abteilung im Supermarkt stehen, fettarme Joghurts und Milchprodukte neben ihren Rohkostsalate in die Einkaufskörbe stapeln und dann ohne Lust auf Genuss und ohne jegliche Inspiration in ihren roten Opel Kadett steigen und nach Hause zu ihrer heteronormativen Familien fahren, die zwar nun allem Anschein nach äußerst gesund leben, aber trotzdem schlechte Zähne haben – vom Zucker in den besagten Light-Produkten, versteht sich.

Das Leben ist für mich ein Tanz. Alles ne Frage der Balance!

Irgendwo muss der Geschmack ja schließlich herkommen, aber das hatte man den Müttern damals verschwiegen. Auch heute hat sich diese Tatsache nicht bis auf den letzten Einkaufszettel herumgesprochen. Ein Verbrechen sondergleichen, möchte man meinen! Kämpfe werden eben nicht immer fair geführt und einige Soldaten mussten damals geopfert werden und blieben neben tonnenweise ausgeleckten Plastikbechern einfach auf der Strecke.

Rückblende: Meine Obsession mit Joghurt begann schon sehr früh. Für meine Eltern, die stets bemüht waren, uns Kinder gut zu ernähren, damit unsere Knochen später auf dem Weg zum Amt nicht unvermittelt brechen würden, war Kalzium ein irres Zauberwort. Marketing-Blabla aus den USA, glaubt man heute zu wissen, aber das Kind dann doch in der Mitte auseinandergebrochen neben einer umgekippten Lego-Kiste auf dem Spielteppich im Kinderzimmer mit morschen, aufgeknackten Bruchknochen vorzufinden, wie ein von einer Möwe ausgepicktes Schalentier, das wollte niemand. Also musste Kalzium her, um die matschigen Kinderkörper für ein anstrengendes Leben zu stabilisieren. Der Kühlschrank war also immer gut mit Kalzium befüllt. Und weil Joghurt nicht nur als gesund galt, sondern auch gut schmeckte, hatten wir vorerst eine gute Kindheit. Bis sich dann unerwarteterweise alles änderte.

Der "neue" Joghurt, der mit der Fitness- und Gesundheitswelle von den USA nach Deutschland schwappte, schmeckte nach nichts, also zumindest gesetzt den Fall, dass man, wie ich, dieses Nichts als immer gleiches künstliches Erdbeeraroma und trockenes Mundgefühl versteht, das nur Süßstoff hervorzurufen vermag. Dabei wollte ich doch bloß meine unschuldige Almighurt Kindheit zurück und sehnte mich nach einem gedankenlosen Konsum von leckerem Joghurt, der keinen Durst macht und nach echtem Obst schmeckt. Oder nach Schokolade. Und dabei vielleicht sogar noch satt macht. In den Neunzigern offenbar zu viel verlangt und auch heute noch schwer zu finden. Lost for dem Produktregal.

Stattdessen waren wir jetzt alle gesund und unglücklich. Wir hatten den Krieg also gewonnen, könnte man sagen.

Ich musste erst 30 werden, um zu verstehen, dass Joghurts auch irgendwie Kunst sind. Wir sprechen hier von einer komplexen Komposition eines Geschmackserlebnisses. Wir reden von Haptik, Viskosität und wahren Genussmomenten. Dafür ist Fett notwendig (Sorry!) und wir sollten dringend unsere Urängste vor Gewichtszunahme bekämpfen, die weiße Fahnen schwingen und den Kampf mit unserem Körper beenden und ihm das geben, was er mag. Wir möchten endlich wieder satt werden, statt uns nur von der Angst, dick zu werden durch den Tag tragen zu lassen. Der Krieg ist vorbei, aber den Befreier kennen die wenigsten: griechischer Joghurt, der Joseph Beuys unter den Molkereiprodukten. Fett ist eben nicht nur eine fixe Idee. Fett ist sogar gesund. Das Geheimnis der griechischen Joghurts: viel Protein, wenig Fett, wenig Zucker. Keine Süßstoffe. Ein guter Deal für Muskelaufbau und Sättigung. Außerdem macht sich ein keck freches "Greek Yo" auf dem Einkaufszettel allemal besser als ein "0,1% Joghurt mit natürlichem Himbeeraroma".

Der Buhmann guckt vor dem Schlafengehen bestimmt ängstlich unter seinem Bett nach, ob dort Fett liegt.

Ada Blitzkrieg × bento

Ada Blitzkrieg arbeitet mit Munition und Mädchenzöpfen als Journalistin und Autorin in Berlin-Kreuzberg und San Francisco, wo sie eine offene Beziehung mit Dürüm und Burrito pflegt. Als Foodblogger testet sie nicht nur unprätentiöse Imbisse, sondern teilt ihre Erlebnisse auch mit ihren Followern auf Twitter.