"Ich glaube, ich würde so sogar mit der AfD über Essen ins Gespräch kommen!"

Mit  27 war Malakeh Jazmati ein Fernsehstar. Eigene Kochshow, prominente Gäste. Das ist vorbei: Als sie vor drei Jahren mit dem Flugzeug nach Berlin flüchtet, muss sie von ganz von vorn anfangen.

Es ist der dritte Neuanfang in ihrem Leben. Mit viel Glück und ein bisschen Hilfe hat sie eine steile Karriere hingelegt.

Ihr kleines Berliner Restaurant hat dunkles Parkett, warmes Licht, acht Tische, zwei Kellner. Erst vor sechs Wochen hat sie es eröffnet: Trotzdem ist es schon berühmt.

Malakeh ist klein, trägt ein buntes Kopftuch und eine weiße Kochschürze. Sie taucht aus den Flügeltüren zur Küche auf: "Schaut mal, kennt ihr die Zeitung? Die haben über mich geschrieben", sagt Malakeh und huscht schon wieder Richtung Küche.

Vor allem in der arabischen Community kennt man sie. Sie ist ein Fernsehgesicht und steht für einen Teil der Kultur, den viele bei der Flucht zurückgelassen haben. Und für den Mut, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen.

Malakeh hatte eine Kochshow beim kleinen, Assad-kritischen Sender "Orient News". Die wurde in Syrien, Jordanien und Ägypten geschaut – überall da, wo man arabisch spricht. Sie sprach und kochte mit Politikern und Künstlern – und kritisierte die Regierungspolitik. Ihrer privaten Facebook-Seite folgen noch immer 7.000 Menschen.

"In der arabischen Straße erkennen sie mich immer und tuscheln."

Malakeh meint die Sonnenallee in Berlin Neukölln, wo sich arabische Gemüseläden, Halal-Fleischer und Geschäfte für Shisha-Tabak aneinanderreihen.

Was tuscheln die denn?

"Oh, Malakeh hat abgenommen. Oder dass mein Restaurant so teuer ist. Aber es ist eben auch gut." Malakeh lacht.

Fragen sie auch nach Rezepten?

"Ja, manchmal."

Und gibst du die raus?

Ja. Selbst wenn du genau nach meinem Rezept kochst, genauso viel Gramm Pfeffer, kochst du was anderes. Weil meine Küche eine eigene Seele hat.
(Bild: bento)

Journalisten kommen gern bei Malakeh vorbei, weil sie solche Sätze sagt, witzig und schlau ist. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie Geflüchtete sich in Deutschland einleben und die Gesellschaft bereichern. Das stimmt, ist aber nicht die ganze Geschichte:

Denn Malakeh ist auch eine ziemlich toughe Geschäftsfrau.

In Damaskus, Syrien, studierte sie Politik und Literatur und engagierte sich gemeinsam mit Freunden in der Nothilfe. "Wir hatten etwas mehr Geld als die anderen und haben von der Bombardierung Betroffenen Kleidung und Essen gebracht", sagt sie. Das habe Assad nicht gewollt, deswegen sei sie in Syrien zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Mit ihrer Familie muss sie nach Jordanien fliehen, landet im Flüchtlingscamp Zaatari. Als Gäste für eine Fernsehshow über das Camp gesucht werden, meldet sich Malakeh. "Da meinte der Produzent zu mir: Du bist fotogen und schlagfertig. Du brauchst eine eigene Show."

Er engagiert Malakeh für ein Koch-Talk-Format. Malakeh soll eigentlich einen Koch an die Seite gestellt bekommen, aber das Budget des kleinen Senders ist knapp. "Ich sagte, dass ich auch ganz gut essen zubereiten kann und schon hatte ich beide Jobs."

Sie wurde mit ihrer Sendung "Maliket al-Tabkh" (Königin der Küche) in der gesamten arabischsprachigen Welt bekannt. Sie kocht mit ihren Gästen die traditionellen Rezepte ihrer Mutter und Großmutter – und diskutiert kritisch die Regierung um Machthaber Assad.

"Essen ist ein guter Eisbrecher. Man kann ein Gespräch darauf aufbauen. Ich glaube, wenn ich die Leute von der AfD einladen würde, würde ich sogar mit denen ins Gespräch kommen."

Malakeh lernt in Jordanien einen Mann kennen und heiratet. Aber als Informatiker findet er in Jordanien keine Arbeit und zieht weiter: nach Berlin. Nach drei Jahren in Jordanien packt Malakeh erneut die Koffer:  Kleidung und ein paar Gewürze. "Ich dachte echt, ich finde hier keine. Dabei gibt es in Berlin eine größere Auswahl als in Jordanien", sagt sie.

In Berlin hat sie nicht so viel Glück wie in Syrien. Keine Fernsehproduzenten begegnen ihr und Malakeh spricht die Sprache nicht. Also beginnt sie, in ihrer Neuköllner Flüchtlingsunterkunft zu kochen. Als die Nachfrage steigt, gründet sie einen Catering-Service.

Sie wird Mutter, ein Verlag bietet ihr an, ein Kochbuch zu schreiben. Als auch das erfolgreich wird, hat Malakeh eine Idee: ein syrisches Restaurant.

Gastronomie in Berlin ist eine ziemlich harte Branche – und syrische Restaurants nicht wirklich eine Marktlücke. Ziemlich gewagte Idee, ein weiteres aufzumachen, oder?

"Es gab hier bloß Schawarma, Falafel, Hummus und Baba Ghanoush", sagt Malakeh genervt und zählt das an den Fingern ab. Mehr nicht. "Dabei ist die syrische Küche gut, vielfältig, hat auch viele vegane und vegetarische Gerichte."

Essen verbindet:

Die Köchin Malakeh Jazmat verrät ihre besten Familienrezepte aus Damaskus und erzählt aus ihren Leben in Syrien und Berlin: Das Kochbuch "Malakeh: Sehnsuchtsrezepte aus meiner syrischen Heimat" kannst du hier kaufen.

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Die nächsten drei Monate sind ein Kampf – mit der deutschen Bürokratie. Malakeh mobilisiert all ihre neuen deutschen Freunde, arbeitet sich durch Anträge beim Gesundheitsamt. "Die wollten genau bestimmen, wie viele Waschbecken wir brauchen. Und wo genau die hin sollen. Dabei ist doch egal, wo ich mir die Hände wasche, oder?"

Dann fehlt Geld. Sie überredet einen syrischen Freund, in sie zu investieren: fast 17.000 Euro. Drei Monate Arbeit und all das Geld steckt in dem kleinen Laden, ihre gesamte Existenz.

Malakeh schläft jetzt fast nicht mehr. Sie kommt morgens um 7 und geht erst um 22 Uhr. Dann bringt sie ihren zweijährigen Sohn ins Bett, ruht eine Stunde und setzt sich wieder an den Schreibtisch: zum Rezepte schreiben.

Letztlich hilft Malakehs guter Ruf dem Restaurant. Je mehr über sie geschrieben wird, desto voller wird der Laden: mit Nachbarn, Menschen, die in der Zeitung über sie gelesen haben und: syrischen Familien.

Die haben sich mittlerweile sogar an Malakehs Fusion-Küche gewöhnt

Wie in ihrer Fernsehshow, kann man auch in Malakehs neuem Restaurant kaum vermeiden, mit ihr über Politik zu diskutieren. An der Wand hat sie eine Galerie riesiger Porträts aufgehängt: syrische Widerständler, ihre Idole.

Malakeh, wer ist das alles?

(Bild: bento)

"Bei dem haben sie versucht, seine Hand abzuschneiden. Der hat der Revolution aus dem Ausland geholfen: sonst hätten sie ihn getötet", zählt sie auf. "Die hier war die erste syrische Apothekerin. Der hier hat das erste Theater in Damaskus gebaut. Und die hier hat Frauen beigebracht, dass sie genauso wie Männer arbeiten können – und genauso viel verdienen."

Das ist Nizar Qabbani. Der war im Exil, so wie ich. Ich will aber nicht genauso enden: sterben, bevor ich mein Land wiedersehe.

Malakeh will irgendwann zurück. Auf ihrem Facebook-Profil steht noch immer: wohnt in Damaskus, arbeitet bei Syria TV.

Hat sie keine Angst, dass sie wegen der Bilder Ärger mit regierungstreuen Syrern unter ihren Gästen bekommt?

Manche fragen mich ja schon: Warum hängst du nicht Baschar al-Assad auf?

Und was antwortest du?

"Weil ich keine Kriminellen an meiner Wand haben will.“

Vermisst sie es eigentlich, im Fernsehen zu sein?

"Nein. Weißt du nicht, dass die aktuelle Staffel meiner neuen Kochshow gerade in der Türkei läuft? Dieses Jahr drehe ich die zweite Staffel. Und dann vielleicht eine auf Deutsch."

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Today

Vater macht sich über Lego-Turnier seines Sohnes lustig – zum Glück machen andere Mut
"Andere Kinder spielen Football..."

Für Eltern gelten eigentlich nur zwei Regeln, der Rest läuft dann von selbst. Erstens: Liebe dein Kind. Und zweitens: Unterstütze es bei den Dingen, die es mag. 

Ein Vater aus Texas sieht das ein bisschen anders – und machte sich auf Twitter über sein Kind lustig, weil es an der First Lego League, einem Lego-Bau-Wettbewerb, teilnahm. 

Jesse Kelly arbeitet als Radiomoderator, nach eigenen Angaben trat er auch beim konservativen Sender Fox News auf. Am Sonntag war er ganz privat unterwegs – und fand etwas alles andere als lustig. Sein ältester Sohn nahm an einem Wettkampf der "First Lego League" teil, einem Wissenschaftswettbewerb für Kinder und Jugendliche.

Beim Wettbewerb geht es nicht um bunte Steinchen, stattdessen arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Lego Robotics, dem gehobenen Set des Spielzeugherstellers. In Teams entwerfen die Kinder Lego-Roboter, die wissenschaftliche Aufgaben lösen sollen. Die Wettkämpfe stehen unter Mottos wie "Klimawandel" oder "Nanotech".

Vater Jesse fand das dennoch albern. Auf Twitter schrieb er: