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Es ist: Ein Anfang. Aber dem Verbraucher hilft das nicht wirklich.

Wie wurden die Tiere gehalten, deren Fleisch wir kaufen? Das in einem Supermarkt zu erkennen, ist nicht immer einfach. Bei Lidl soll das nun zumindest ein bisschen einfacher werden.

Der Discounter hat im April damit begonnen, Frischfleisch in seinen Filialen mit einem sogenannten Haltungskompass auszuzeichnen.

Vier verschiedene Stufen gibt es: Von Stufe 1 für Stallhaltung bis Stufe 4 für Bio. Damit ist der Discounter der erste, bei dem das Fleisch ein solches Label erhält, es funktioniert ähnlich wie die Kennzeichnung von Eiern. 

Das bedeuten die vier Stufen des Haltungskompasses:

1

Stallhaltung

Die Haltung für das Fleisch aus der ersten Stufe entspricht lediglich den gesetzlichen Mindestvorgaben. Das heißt, Schweine werden ausschließlich in eng bepackten Ställen und Mastboxen gehalten. Einem ausgewachsenen Schwein steht dabei nicht mal ein Quadratmeter Platz zu. Stillende Sauen dürfen sich gar nicht bewegen und werden in Metallkäfigen fixiert

Stress und Gestank machen Tiere schneller krank, sie greifen sich gegenseitig an oder verletzen sich durch das Gedränge. Deswegen wird bei Schweinen der Ringelschwanz vorsorglich abgeschnitten; Hörner von Kälbern werden ausgebrannt oder ausgeätzt. 

Neun Hühner dürfen in dieser Stufe auf einem Quadratmeter Fläche gehalten werden. (WDR

90 Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches stammen aus dieser Form der Haltung.

2

Stallhaltung Plus

Die zweite Stufe des Haltungskompasses unterscheidet sich nur wenig von der regulären Stallhaltung. Mindestens zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben müssen die Tiere im Stall haben. Sowohl hier als auch bei Stufe 1 dürfen die Tiere ohne Stroh oder Einstreu gehalten werden. 

3

Etwas mehr Bewegung

Bei der dritten Stufe orientiert sich der Discounter am untersten Standard des sogenannten "Tierschutzlabel" des Deutschen Tierschutzbunds. Das bedeutet für Schweine: Bis zu ein Quadratmeter Platz, sie dürfen ihren Ringelschwanz behalten, außerdem sin Einstreu und gentechnikfreies Futter für die Tiere vorgeschrieben.  

Auch sollen Tiere in dieser Stufe Zugang zu "Außenklimabereichen" haben. Das ist allerdings nicht eine grüne Wiese, sondern einen Raum mit Fenstern. 

4

Bio & Premium

Unter Punkt 4 vermischt Lidl mit seinem Label hochpreisige Fleischsorten mit Produkten aus Bio- und Öko-Haltung. Das sorgt für Verwirrung, da für Bio-Produkte eigentlich besondere Richtlinien in der Futterwahl gelten.

Im Vergleich zur Stallhaltung haben die Tiere in der Bio-Haltung mehr Platz – bei Schweinen fast doppelt so viel wie auf Stufe 1. Für Hühner (sechs Tiere pro Quadratmeter) ist die Möglichkeit zum Scharren und Sandbad vorgeschrieben; Kälber dürfen in vielen Fällen ihre Hörner behalten. Außerdem werden den Tieren deutlich weniger Antibiotika gegeben als in der konventionellen Haltung. 

Aber: Keine der vier Stufen schreibt für Schweine oder Rinder den Auslauf oder das Grasen auf Weiden vor. Auch ethisch einwandfreie Tiertransporte oder der Verzicht auf Antibiotika sind nicht vorgeschrieben. Ein ähnliches Problem besteht heute bereits bei der Eierproduktion: Selbst die höchste Qualitätsstufe erlaubt den Produzenten das Schreddern männlicher Küken.

Selbst Verbraucher, die Fleisch der Stufe 4 kaufen, können sich also nicht sicher sein, Fleisch von sogenannten glücklichen Tieren oder aus artgerechter Haltung auf dem Teller zu haben. 

Das in der Werbung vermittelte Bild von glücklichen Tieren auf grünen Weiden bleibt weiterhin eine verkaufsfördernde Illusion

Was halten Tierschutzorganisationen davon?

  • Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hält den Haltungskompass noch nicht für ausreichend. Er fordert stattdessen eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für alle tierischen Produkte, die sich an der Kennzeichnung von Eiern orientieren soll. Bei Lidl gibt es zwar ebenso wie bei Eiern vier Stufen, diese sind allerdings anders sortiert: So sind Bio-Eier mit einer 0 gekennzeichnet, das könnte also für Verwirrung sorgen.
  • Die Umweltschützer von Greenpeace sehen die Kennzeichnung als ersten Erfolg ihrer eigenen Kampagne gegen Billigfleisch. Ziel sei es aber, dass das günstigste Fleisch aus der Stallhaltung ganz aus den Regalen verschwinde. Nach Angaben von Lidl soll zumindest bis Anfang 2019 die Hälfte des Lidl-Frischfleisches der zweiten Stufe angehören.
  • Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ist nicht begeistert: "Wenn jetzt jede Supermarktkette ihre eigene Kennzeichnung aus dem Boden stampft, stiftet das nur Verwirrung." Einen "Labeldschungel" brauche niemand. Er kritisiert zudem, dass sich die Bundesregierung mit dem Ausarbeiten einer Kennzeichnung bis zu zwei Jahre Zeit lassen will. Innerhalb dieser Zeit soll laut Koalitionsvertrag ein verpflichtendes staatliches Label für Fleisch geschaffen werden. (Berliner Zeitung)

Warum ist das noch nicht gesetzlich geregelt? 

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte in ihrer Regierungserklärung im März 2018 angekündigt, das von ihrem Vorgänger Christian Schmidt (CSU) angestoßene "Tierwohllabel" weiterzuentwickeln. 

Zuvor hatte es einen Eklat gegeben, als Schmidt das zuvor gemeinsam mit Tierschutzorganisationen konzipierte Label ohne Rücksprache mit den Verbänden, unter anderem dem Tierschutzbund, auf der Grünen Woche in Berlin vorstellte. 

Die Tierschützer zogen sich daraufhin aus den gemeinsamen Beratungen zurück – was oft unerwähnt bleibt, da das Label noch immer gerne als "gemeinsam mit Tierschutzverbänden entwickelt" ankündigt wird.

Update, 10.04.2018: Wir haben den Passus "Beschäftigung ist nicht vorgesehen" bei Stufe 1 herausgenommen, da er zwar für Schweine und Rinder, aber nicht für Hühner gilt. Bei deren Haltung ist Einstreu zum Picken nämlich vorgesehen. 


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