Weniger Zucker und gleicher Geschmack – geht das?

Beim Essen machen wir keine Kompromisse: Die Hühnersuppe macht Mutti am besten, woanders schmeckt sie nicht. Wenn Fanta auf Reisen einfach nicht "richtig" perlt, kann das schon mal eine halbe Stunde am Pool vermiesen. Und wenn wir entdecken, dass unser Lieblingsschokoriegel eine andere Rezeptur hat, ist Alarm angesagt! 

"Kitkat" wirbt jetzt auf seiner Verpackung "mit extra Milch und Kakao". Dahinter verbirgt sich weit mehr als eine Steigerung von zwei Zutaten – nämlich eine neue Produktstrategie.

Das Versprechen von Hersteller Nestlé: weniger Zucker bei gleichem Geschmack.

Und so sieht das aus:

(Bild: Nestlé)

Nestlé ist der größte Lebensmittelkonzern der Welt und setzt als solcher Standards in der Branche. Deshalb haben wir uns die Neuerung bei dem Ernährungsgiganten einmal genauer angeschaut:

Nestlé will nicht nur in Süßigkeiten an Zucker sparen, auch bei anderen Fertigprodukten. 18.000 Tonnen weniger Zucker bis 2020 in Europa, so das Versprechen. Allein bei "Kitkat"-Produkten spart man jährlich 235 Tonnen auf dem deutschen Markt – umgerechnet 1.500 Badewannen voller weißer Kristalle. 

Und nicht nur das Schweizer Unternehmen versucht dem Suchtstoff und Dickmacher beizukommen. Auch viele Supermärkte wollen die Rezeptur der Eigenmarken optimieren. Darunter Aldi und Lidl. (n-tv)

Geht es hier wirklich um die Absicht, dass sich Menschen gesünder ernähren? Oder einfach nur um eine gute Marketing-Maßnahme? 

Schließlich werden wir Kunden seit Jahren mit Werbeslogans gelockt, die so tun, als machten die Produkte uns schlank, gesund und fit – auch wenn sie vor allem Zucker und Fett enthalten.

Und Übergewicht wird zu einem immer größeren Problem in Deutschland.

Laut Robert Koch-Institut haben 67 Prozent der deutschen Männer und 53 Prozent der Frauen damit zu kämpfen. "Bei einem Body-Mass-Index von 25 und mehr spricht man von übergewichtig, bei einem Wert von 30 von fettleibig", erklärt Christian Sina. Er ist der Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin an der Universität Lübeck. Mit ihm haben wir über Nestlés Entwicklungen und die Sucht nach Zucker gesprochen. 

Wie der Index berechnet wird, erfährst du hier: 

Wie wird der BMI berechnet?

Die Rechnung geht so: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Meter zum Quadrat.

Ein Beispiel: Eine Frau, die 1,65 m groß ist und 60 Kilogramm wiegt, kommt auf einen BMI von 22,04, das Ergebnis von 60 / (1,65 * 1,65). Hier kann der BMI berechnet werden.

Übergewicht kann natürlich viele Gründe haben, zu fettiges Essen, Krankheiten, zu wenig Bewegung – aber eben auch die süßen Snacks.

Sina fasst das Problem so zusammen:

Viele gehen davon aus, Zucker ist unser neues Nikotin.
Christian Sina

Viele Ernährungsexperten und Organisationen wie Foodwatch warnen davor, dass Adipositas – also Fettleibigkeit – weiter zunimmt. Denn es erhöht das Risiko für zahlreiche chronische Krankheiten wie Herzerkrankungen, Diabetes und diverse Krebsarten. Experten gehen davon aus, dass durch Adipositas Kosten von mehreren Milliarden Euro entstehen. 

Die WHO und die OECD sprechen sogar von einer "globalen Adipositas-Epidemie". 

Sind Schokoriegel mit weniger Zucker wirklich die Lösung?
(Bild: Giphy )

Das haben wir Ernährungsexperte Sina gefragt. Er findet: "Es ist sehr sinnvoll, Produkte ständig zu verbessern, indem man potentiell gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe reduziert."

Trotzdem bleibt auch für ihn ein großes Problem bestehen. Bei den Käufern könne der Eindruck entstehen, ein Schokoriegel werde plötzlich gesünder, sagt Sina. "Aber weniger schädlich heißt nicht automatisch gesund." 

Süße Snacks blieben ein Genussmittel, das nur in geringen Maßen verzehrt werden sollte. Das Problem: Zu viele Kalorien im Verhältnis zur geringen Menge an für uns wichtigen Mikronährstoffen – Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.

Wir haben bei Nestlé nachgefragt, wie sie das Problem bewerten. Auf die Frage, ob mit dem Slogan "weniger Zucker, aber gleicher Geschmack", nicht suggeriert werde, dass es plötzlich gesund ist, Süßes zu essen, geht das Unternehmen nicht weiter ein. 

"Wir setzen uns dafür ein, schmackhafte und gesündere Alternativen – ja, gerade auch bei Süßigkeiten – anzubieten und einen alternativen Lebensstil zu fördern", sagt Ulrike Weichert, Sprecherin für Ernährung und Gesundheit bei Nestlé. 

Die größte Herausforderungen für Nestlé aber scheint vor allem eines zu sein: der Geschmack. 

"Es ist schon schwierig, einerseits eine gesündere Alternative zur herkömmlichen Rezeptur auf den Markt zu bringen und andererseits waschechte "Kitkat"-Fans nicht zu verlieren", sagt Weichert. 

Bereits seit April wird die alte Version je nach Rotation der Geschäfte durch die neue ersetzt. In jedem einzelnen "Kitkat" fehlen jetzt rund 8 Prozent Zucker. Insgesamt sind es aber immer noch rund 10 Gramm bei dem klassischen vierfingrigen Riegel.

Wie soll das funktionieren – gleicher Geschmack, aber weniger Zucker?

Über den genauen Prozess verrät Nestlé nur wenig. Ein Schlüssel ist der höhere Milchanteil. "Milch enthält von Natur aus Laktose – auch Milchzucker genannt – und gibt so dem Kitkat etwas an Süße zurück", erklärt Ulrike Weichert von Nestlé.

Aber das allein reicht nicht aus. Auch den Zucker selbst hat Nestlé bearbeitet. Auf der Homepage heißt es, dass die eigenen Forscher die Struktur des Zuckers so verändert haben, dass er sich schneller im Mund auflöst und dadurch süßer schmeckt. Kein künstliche Süße, keine Pflanzenextrakte.

Aber reicht uns der Zucker auch? Oder essen wir dann nur zwei Riegel, statt vorher einem?

Auch Ernährungsexperte Sina kann nur raten, was die neue Rezeptur angeht. Tatsächlich kenne man keine Details über die Methode. "Vermutlich handelt es sich um Strukturänderung der Zuckermoleküle in der Saccharose, die mit einer Änderung von biochemischen Eigenschaften verbunden ist", sagt Sina. Nicht nur Nestlé forsche zu dem Thema, auch andere Unternehmen. Zuckerreduzierte Nahrungsmittel hätten ein großes Marktpotential. 

Das weiß wohl auch Nestlé. Mit weniger Zucker lässt sich eben Geld verdienen.

Wie ernst meint die Industrie es wirklich?

Foodwatch meint: Weniger Zucker ist grundsätzlich sinnvoll, aber reicht als Maßnahme nicht aus. "Wenn Nestlé es wirklich ernst meinte mit dem Kampf gegen Übergewicht und Typ-2-Diabtes, dann sollte der Konzern endlich aufhören, ungesunde Produkte gezielt an Kinder zu bewerben", sagt Dario Sarmadi, Sprecher von Foodwatch.

Zwar hätten sich Nestlé und 18 weitere Lebensmittelkonzerne seit 2007 im sogenannten EU-Pledge dazu verpflichtet, keine Werbung für unausgewogene Produkte an Kinder unter 12 Jahren zu richten. Darunter Mars, Ferrero und Kraft Foods. Trotzdem gehe die Vermarktung weiter, nicht allein bei Süßigkeiten, auch bei Eiscreme oder extrem zuckerhaltigen Frühstücksflocken.

Die freiwillige Selbstbeschränkung "entpuppt sich als reine Werbemasche", sagt Sarmadi. Er warnt: Bereits 15 Prozent der Kinder in Deutschland seien übergewichtig.

Mini Milk? Cini Minis? Ü-Eier? An wen sollten die Produkte sonst gerichtet sein, wenn nicht an Kinder?

Der Konzern Nestlé

Nestlé ist das weltweit größte Unternehmen für Lebensmittel und Getränke mit Standorten in 191 Ländern. Zu dem Unternehmen gehören unter anderem Marken wie Nescafé, Nespresso, Nesquick, Mövenpick und Maggi. Nestlé Deutschland beschäftigt rund 10.500 Mitarbeiter. (Nestlé

Schon häufiger hagelte es Kritik für den Konzern, zum Beispiel für verunreinigte Babynahrung in den 80er Jahren, für die Müllberge, die Nespresso produziert und für den Umgang des Unternehmens mit seinem Wasser-Geschäft. Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck-Letmathe sprach in einem Interview davon, dass Wasser kein öffentliches Gut sei, sondern Wasser einen Marktwert habe. Eine Aussage, die für Empörung sorgte, schließlich ist Nestlé Marktführer für in Flaschen abgefülltes Trinkwasser. Das Unternehmen hatte auch in sehr trockenen Regionen Wasserrechte gekauft. (Stern)

Wie viel Zucker ist denn nun noch ok?

Am besten wäre es natürlich, wenn wir die Finger ganz von den süßen Snacks lassen würden. Aber ein Abend ohne Popcorn auf dem Sofa? Kein Snickers mehr beim Mittagstief bei der Arbeit? Wie soll das nur klappen?

Ernährungsexperte Sina erklärt, warum man kein allgemeines Zucker-Limit nennen kann:

Die Wissenschaft sammelt dazu gerade neue Erkenntnisse. 

Unsere Darmbakterien hängen eng mit der individuellen Verstoffwechselung von Zucker zusammen. Eine Analyse der Bakterien, sowie eine kontinuierliche Blutzuckermessung könnten dabei helfen, Ernährungsempfehlungen individuell anzupassen.

So kann der eine also vielleicht mehr Süßigkeiten essen als der andere, sollte aber statt Weißbrot lieber Haferflocken zum Frühstück zu sich nehmen.


Fest steht aber: Kein "Kitkat" ist besser als ein "Kitkat". Egal, nach welcher Rezeptur. 

Auch wenn wir wissen: Keine Schokolade ist auch keine Lösung.


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