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Widerstand snacklos: Die Essens-Kolumne

Eigentlich müssten Warnhinweise auf der Schachtel stehen. "Suchtgefahr", mindestens. "Kann Freundschaften gefährden", vor allen anderen. Denn kaum ein Lebensmittel schafft es, die Geschmäcker und Gemüter so zu spalten, wie der pappig-süß-saure Jaffa Cake. 

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Die Komponenten: ein bröseliger Biskuitboden, undefinierbares Fruchtgelee und bittersüße Schokoladenglasur.

(Bild: Sebastian Maas / bento)

Für eine Hälfte der Menschheit ist der Jaffa Cake das Snack-Paradies, die andere verachtet ihn. Es gibt keinen Graubereich, keine entmilitarisierte Zone, wenn es um Jaffa geht. Es gibt nur Liebe oder Hass, Orangenen Block oder Keks-Cops, "unverhofft soft" oder knallharte Waschbrettbäuche. 

Vor allem das glibbrige Orangen-Ambrosia im Inneren der Scheibe entfaltet bei Gegnern fast mehr negatives Mobilisierungspotenzial als ein wutbürgerlicher Facebook-Post über das Ende des Abendlandes.

Dabei sind die Scheiben trotz ihrer britischen Abstammung alles andere als elitär – sondern ein wahrer Snack des kleinen Mannes. 

Leckerer Snack-Fact 1: Die BBC nannte den Jaffa Cake mal "Englands vielleicht größte Erfindung seit der Dampfmaschine und der Glühbirne". (BBC)

Praktisch veranlagte und sparsame Zeitgenossen finden im Jaffa-Cake ihre Gebete erhört: Er krümelt nicht und macht keinen Lärm, wenn man ihn ins Kino schmuggelt. In den Discounter-Varianten ist er leckerer als in den teuren und zudem das ganze Jahr verfügbar. Was er gar nicht bräuchte, denn hält sich ewig und enthält sogar etwas, das entfernt an Obst erinnert – immerhin ist er nach levantinischen Jaffa-Orangen benannt.

Die Tatsache, dass Jaffa Cakes mit 54 Millimeter Durchmesser eine vorgeschriebene Normgröße besitzen, dürfte Deutschen zusätzlich Sicherheit vermitteln. Jede Scheibe schmeckt gleich, keine Experimente. (Ja, wir schauen auf dich, dänische Keksmischung.)

Vom Supermarkt bis zum Bahnhofskiosk hat ihn jeder Laden im Sortiment – meist ganz unten im Regal. Ein Snack also, für den man sich bücken muss, der Anstrengung und Commitment erfordert, der sich nicht anbiedert oder geliebt werden will. Stattdessen bleibt er mysteriös: Ist das nun ein Kuchen oder Keks? Jaffa Cakes sind wie der aufregende Typ auf Tinder, der nie auf dein keckes "Huhu! 😉" geantwortet hat. Weswegen du ihm besonders verfallen bist.

Leckerer Snack-Fact 2: Der Streit, ob es sich bei Jaffa Cakes um Kekse oder Kuchen handelt, wurde 1991 vor Gericht ausgetragen. Die Entscheidung lieferte angeblich diese Argumentation: Ein Kuchen startet weich und wird mit der Zeit hart – ein Keks startet hart und wird mit der Zeit weich. Jaffas werden hart – und sind demnach per Definition kleine Kuchen. Gut für die britischen Hersteller, weil sie so fast 20 Prozent Steuern von ihrem Produkt abziehen konnten. Denn Schokokekse gelten dort qua Gesetz als Luxusware. 

Doch auch innerhalb der Jaffa-Community kommt es zuletzt immer wieder zu Spaltereien: Neue Geschmäcker wie Himbeere, Cola-Zitrone und Winterpflaume strapazieren die bodenständigen Traditionalisten und verschieben die Grenzen des Essbaren. 

Die einzigen Regeln, auf die sich heute alle Jaffa-Fans einigen können: Man stellt NIEMALS eine angebrochene Packung zurück in den Schrank, sondern verschlingt die angebrochene Rolle wie ein wütender T-Rex eine Ziege. Saurierschmatzen inklusive. 

Was man bei all der Liebe für die Keksküchlein nicht vergessen darf: Man behält sie lieber für sich, praktiziert sie in den eigenen vier Wänden und bindet sie anderen nicht auf die Nase – sonst verliert man am Ende noch ein paar gute Freunde. 

Zum Ende tagt das "Lieblingsgericht": Wie gut ist Jaffa Cake wirklich? 

In der nächsten Folge von "Widerstand snacklos": Erdnussflips. 


Trip

Wie kann man noch guten Gewissens Urlaub machen?
So kann Ethisches Reisen funktionieren.

Viele junge Menschen wollen ferne Länder bereisen, respektvoll gegenüber anderen Kulturen sein und außerdem nachhaltig leben. Doch steigen die meisten für den Urlaub trotzdem in den Flieger und rümpfen vor Ort die Nase über schlechte Straßen. 

Passt diese Art zu reisen in das Selbstbild eines reflektierten Menschen, der sich mit Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt?

Es gibt extreme Beispiele für schlechtes Verhalten im Urlaub. Kürzlich machte ein Video die Runde, das eine Touristin zeigt, die auf einem Markt in Marokko einen Verkäufer attackiert, weil er Hühner in einem kleinen Käfig hält (Morocco World News). In Asien betteln junge Backpacker auf der Straße, um sich ihre Reise zu finanzieren (SPIEGEL). Nationalparks werden durch rücksichtslose Touristinnen und Touristen zugemüllt (Deutschlandfunk Kultur). 

Dass ethisches Reisen so nicht funktioniert, ist offensichtlich.

Doch ist verantwortungsvolles Reisen überhaupt möglich? Oder dürften wir streng genommen höchstens mit der Bahn in den Schwarzwald fahren? 

"Nein, das muss nicht sein", meint Harald A. Friedl. Der Autor, Philosoph und Jurist lehrt angewandte Tourismuswissenschaften an der Fachhochschule Joanneum in Graz.