Bild: Steve Parsons / PA Wire / dpa; Bearbeitung: bento
Was versprechen Wissenschaft und Werbung?

"Like milk, but made for humans" ("Wie Milch, aber für Menschen gemacht") steht auf den Plakaten, die aktuell deutschlandweit in U-Bahn-Stationen und auf Werbedisplays um meine Aufmerksamkeit buhlen. Sie werben für die vegane Milch-Alternative des schwedischen Konzerns Oatly. 

Der Slogan ist kontrovers: In der schwedischen Heimat wurde die Firma für den Spruch bereits 2015 mit Erfolg von der Milchindustrie verklagt. Trotzdem brachte Oatly die Werbebotschaft 2018 nach England und nun seit Anfang dieses Jahres auch nach Deutschland. In den USA sorgte das geschickte Marketing zeitweise für Lieferengpässe. Pakete der Hafer-Wasser-Salz-Mischung wurden bei eBay für wahnsinnige 200 Dollar verkauft. (chip)

Die Botschaft, die im Werbeslogan vermittelt wird: Milch sei nicht für Menschen geeignet – vielleicht sogar ungesund. 

Das klingt logisch: Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch sind für den Nachwuchs der jeweiligen Spezies gedacht, also Jungtiere, die schnell wachsen müssen – nicht für Menschen. Aber ist das schlimm?

Die Milch galt in der Öffentlichkeit für Jahrzehnte als DAS Wundermittel für kräftige Knochen und gesunde Kinder. Süße Snacks wie die Kinderschokolade werben gar mit "der Extraportion Milch". In der Grundschule gehört die "Schulmilch" für viele zum täglichen Frühstück. Und nun ist sie "nicht für uns gemacht"? 

Wir Menschen sind doch Allesfresser. Warum sollten wir keine Milch zu uns nehmen? 

Wie viel Milch konsumieren die Deutschen im Jahr?

Laut Milchindustrie lag der Pro-Kopf-Verbrauch 2018 bei 50,6 Litern Frischmilch. 2014 waren es noch 56,3 Liter, der Verbrauch ist rückläufig. Bei Butter (2018: 5,8 Kilo) und Käse (2018: 24,1 Kilo) sind die Zahlen konstanter im Vergleich zu den Vorjahren. 

Ich mache mich im Internet auf die Suche nach Antworten: Bei Pro-Milch-Kampagnen und Milchkritikern. Und ich spreche mit einer Werbe-Expertin und Milch-Podcasterin.

Im Internet werde ich mit Behauptungen und Argumenten bombardiert. Etwa beim Knochenbau: Milch wird – manchmal im selben Artikel – gleichzeitig für kräftige Knochen (wegen des Kalziums) und für poröse Knochen (wegen bestimmter Zucker- und Proteinarten) verantwortlich gemacht. (Healthline)

Dass Milch ungesund ist, behaupten von renommierten Wissenschaftsjournalisten wie Bas Kast bis hin zu Youtubern wie Unge jede Menge Menschen. Letzterer wäre für mich eher ein Grund, das nicht zu glauben. Viele der Anti-Milch Webseiten erinnern an die Kampagnen von Impfgegnern. Eine will mir, gleich neben ihrer Milchkritik, für 80 Euro Weizengraspulver verkaufen. 

Ich halte mich lieber an die Wissenschaft. Was sagt die über Milch? 

Zu meiner Überraschung sehr viel Kritisches: Mit manchen Krebsarten, Allergien, Übergewicht oder Parkinson wird Milchkonsum in Verbindung gebracht. Auch Akne und Ekzeme soll sie verursachen können. Außerdem werden durch Lebensmitteltests regelmäßig Wachstumshormone, Euter-Desinfektionsmittel oder Antibiotika in Milch nachgewiesen. Keine leckere Vorstellung. (SPIEGEL ONLINE / Deutschlandfunk / ard.de / Weltkrebsforum / Nature / International Journal of Cancer)

Bodo Melnik, Professor für Ernährungswissenschaft an der Universität Osnabrück, nannte Milch in der Zeitung "Welt" kürzlich einen "hochbrisanten Cocktail" und wünschte sich "Warnhinweise" auf den Packungen. Selbst hocherhitzte Milch enthalte unerwünschte Stoffe, die Gene und Hormone beeinflussen könnten. (Journal of Nutrition)

Zu SPIEGEL ONLINE sagte Melnik 2015:

„Milch wirkt wie ein Virusinfekt.“

In einem Statement warf die Milchindustrie dem Professor kürzlich unwissenschaftliche "Panikmache" vor.

Denn, da sind sich eigentlich die meisten einig, in Milch steckt viel Gutes: etwa Kalzium und Magnesium, oder besonders hochwertige Proteine, Jod und Vitamine. Stoffe, die man im Wachstum gut brauchen kann. (bento)

Auch staatliche Stellen sprechen sich für Milch aus: Das Bundesinstitut für Risikobewertung urteilte in einem Gutachten, Milch könne den Blutdruck und das Diabetesrisiko senken. (BfR) Das Max-Rubner-Institut hat eine 50-seitige Meta-Studie veröffentlicht und ebenfalls zu einem positivem Fazit. (MRI)

Trotzdem macht es mir die Milch-ist-gesund-Fraktion schwierig, ihre Argumente zu glauben. Denn viele vertreten wirtschaftliche Interessen: Sie wollen Milch verkaufen.

Ich frage mich: Wenn Milch so umstritten ist – warum ist sie dann ein so "normaler" Bestandteil in deutschen Kühlschränken? Ist alles nur eine erfolgreiche Kampagne der Milchindustrie?

Das frage ich Stefanie Rückert. Die Diplom-Designern beschäftigt sich damit, wie Milch durch groß angelegte Werbekampagnen und staatliche Rückendeckung Einzug in jeden deutschen Kühlschrank erhielt. Dazu gibt sie auch den Podcast "Milchgeschichten" heraus und hält Vorträge.

Frau Rückert, haben wir schon immer so viel Milch getrunken?

Nein. Dafür mussten erst sehr viele wirtschaftliche Abläufe perfektioniert werden. Früher waren Milch und Milchprodukte maximal ein Nebenerwerb von Bauern. Heute ist sie eine Milliardenindustrie. Kühe wurden leistungsfähiger gezüchtet, bringen heute etwa viermal so viel Milch wie vor hundert Jahren noch. Weil sie die Milch für ihre Kälber produzieren, werden die ihnen heute weggenommen und geschlachtet – um keine Milch zu verschwenden.

Wo hat die Milch ihren guten Ruf her?

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren große Teile der Bevölkerung unterernährt. Milch galt als recht günstiger Weg, die Menschen mit Nährstoffen zu versorgen – sie ist ja auch heute noch eine billige Zutat in vielen Lebensmitteln. Im Magazin "Milchkaufmann" wurden Händler dazu angehalten, auf die besonders hohen Anteile von Fett und Zucker hinzuweisen, die damals sehr wünschenswert waren. Heute würde das natürlich keiner mehr auf ein Werbeplakat schreiben.

„Für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden heißt mein Rezept für Ihre ganze Familie: Milch. Täglich Milch.“
Mann in Arztkittel // Deutscher Werbespot von 1957

Welche Werbeversprechen haben Sie bei ihrer Recherche noch gefunden? 

Nahezu alles soll Milch der Werbung nach heilen können: Ruhe in die Nerven bringen, das Leben verlängern, jung und schlank machen, die Sehkraft steigern. Sie sollte außerdem auch "der beste Freund der 50-Jährigen" sein, Butter gut für Kinder sein und Quark soll gegen die "Managerkrankheit", eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, helfen. 

Wie kam man auf solche Versprechen?

Durch die Werbung der Milchindustrie und vom Staat. Von 1970 bis 2009 gab es in Deutschland zum Beispiel die "Centrale Marketing-Gesellschaft", die als Anstalt öffentlichen Rechts Werbung für landwirtschaftliche Produkte, unter anderem die Milch, gemacht hat. Bis das Verfassungsgericht die Praxis verbot, wurde die Gesellschaft direkt über Abgaben der Bauern finanziert.

Sie erstellte Info-Broschüren für Lehrerinnen und Lehrer oder produzierte TV-Werbeclips wie die bei unseren Eltern bekannte Kampagne "Die Milch macht's". 

Und natürlich wurde Milch staatlich subventioniert an Schulen ausgegeben, weil sie "groß und stark" machen soll. Über Kinder und versprochene positive Effekte auf diese lässt sich bei Eltern immer gut Werbung machen. Im "Milchkaufmann" wurde schon 1959 empfohlen, dass man den Kindern die Milch "besonders begehrenswert erscheinen lassen" sollte.

Danke für das Gespräch.

Am Ende meiner Suche bin ich mir ziemlich sicher, dass Milch nicht so unbedenklich ist, wie ich lange dachte. Aber auch, dass kleine Mengen Milch wahrscheinlich keinen Schaden anrichten. Das sieht nämlich auch der extrem Milch-kritische Professor Bodo Melnik so, der in seinem Kaffee nicht darauf verzichten will – trotz der alarmistischen Zitate.

Außerdem finde ich, bei der Debatte um gesundheitliche Folgen fehlt etwas: das Wohl von Tieren und Umwelt.

Auch daher weht der Gegenwind für die Milchindustrie. Tiere werden wie Maschinen behandelt, ihre Euter sind durch Überzucht zum Platzen gespannt. Für das Kraftfutter der Tiere werden gewaltige Ackerflächen benötigt. Bei der Produktion entstehen außerdem große Mengen Treubhausgase, die den Klimwandel beschleunigen. (bento)

Was denkst du? 

Weiterführende Infos:



Fühlen

Helena hilft Menschen, die vom Tod eines Angehörigen erfahren. Wie fühlt sich das an?

Heute Abend habe sie Bereitschaft, sagt Helena. Wenn es einen Notfall gebe, müsse sie los. Sie ist 27, arbeitet als Psychologin bei der Kriminalpolizei in Mainz und engagiert sich ehrenamtlich bei der Notfallseelsorge. Wenn Menschen einen Angehörigen verlieren – sei es durch einen Verkehrsunfall, Suizid oder natürlichen Tod – gibt es Menschen wie Helena, die ihnen durch die ersten Stunden helfen. 

Die Polizisten, die die Todesnachricht überbracht haben, gehen wieder, Helena bleibt

Sie erzählt:

Nach meinem Psychologie-Studium meldete ich mich bei der Notfallsorgestelle in Mainz. Ich wollte mich in meiner neuen Stadt engagieren. Jeder Mensch ist Teil der Gesellschaft, mir ist es wichtig, mich einzubringen. 

Gleich der erste Einsatz in meiner Ausbildungszeit war der, der mir wohl am besten in Erinnerung geblieben ist. Ein Mann hatte in seiner Wohnung Suizid begangen, meine Kollegin und ich sollten nun die Polizisten begleiten, um dem Vater die Nachricht zu überbringen.