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Widerstand snacklos: Die Essens-Kolumne

Wenn Reisende es eilig haben, reicht als Proviant meist eine eiserne Notreserve. Einige finden diesen Snack einfallslos, andere eigenbrötlerisch, in jedem Fall ist er auf einem einsamen Eiland beliebter als in der Eisenbahn: Ich spreche vom hartgekochten Ei

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Die Komponenten: Harte Schale, harter Kern. Das Eigelb leicht grün oder sogar blau angelaufen, zum Beweis, dass das Ei lange genug gekocht wurde.

Es ist ein Gleichmacher, dieses Ei. Quasi die Schuluniform unter den Reise-Snacks. Denn ohne Verpackung bleibt unklar, ob es sich um die Bruderküken-Bio-Variante handelt oder doch um das mit Schredder-Küken in Verbindung gebrachte Billig-Ei. 

Und so lieben es Anzug-Heinis und Dreadlock-Träger, Fitness-Freaks und verkaterte Studentinnen, Reisende mit Kind und Rentner gleichermaßen. Es ist ja auch sehr praktisch, dieses naturverpackte Ding voller Fett und Eiweiß, schwer zerstörbar, handlich, herzhaft. 

Haltbarer Snack-Fact Nummer 1: Ein wirklich hartgekochtes (Kochzeit über 12 Minuten), nicht angeknackstes und nicht abgeschrecktes Ei ist außerhalb des Kühlschranks bis zu einem Monat haltbar. Abgeschreckte Eier oder solche mit beschädigter Schale hingegen nur zwei bis drei Tage.

Wenig leckerer Snack-Fact 2: Beim Ei handelt es sich um die Eizelle des Vogels, die vom Körper ausgeschieden wird. Während sie bei Legehennen aus der Massentierhaltung nicht befruchtet ist, weil dort kein Kontakt zu Hähnen besteht, können Eier von Biohöfen durchaus befruchtet sein. Beim Kochen und Essen macht dies jedoch überhaupt keinen Unterschied.

Daneben ist ein Ei zuallererst auch ein olfaktorischer Angriff auf das direkte Umfeld. Eine Stinkbombe, deren Einsatz gut überlegt sein sollte. Denn bei genauerem Nachdenken kommt man zur harschen Erkenntnis: 

Beim Essen eines hartgekochten Eis in Bus und Bahn geht es nicht um das Stillen des Hungers. Sondern um das Demonstrieren von Macht. 

Man verdeutlicht damit, dass man selbst über den Dingen steht, dass man unantastbar ist. So wie Kim Jong Un, der alle paar Monate eine Rakete ins Meer schießt – einfach, um zu zeigen, dass ihn keiner stoppen wird. Es ist der gesellschaftliche Eidbruch, das bewusste Ignorieren zwischenmenschlicher Konventionen. Alle hassen es, doch keiner sagt etwas. 

Das dabei für alle gut hör-, seh- und riechbar vollführte Ritual mit dem Ei zementiert den Machtanspruch über das Abteil, den Waggon, die ganze Welt:

  • Zuerst das Klopfen. Egal, ob auf dem ausklappbaren Tisch am Sitz des Vordermanns, die geteilte Armlehne, das Fenster oder die eigene Stirn: Mit diesem Vorspiel wird dem Umfeld bedeutet, dass es sich gefasst machen soll.
  • Dann folgt das Pulen, langsam und genussvoll befreit man das weiße Oval von seiner Schale und verteilt diese dabei gut sichtbar über den öffentlichen Raum. Der Tisch? Meiner. Abfalleimer? Meiner. Und auch den Luftraum kontrolliere ich!
  • Wirkliche Power-User planen voraus und zelebrieren ihren finalen Schritt zur Zugherrschaft, indem sie einen kleinen Salzstreuer aus dem Gepäck zaubern, um vor jedem Bissen nachzusalzen. "Schaut her, wie ich genieße. Ei got the Power."
  • Und dann beginnt der Eiertanz von vorn, denn der Profi-Snacker kocht natürlich doppelt oder gleich dreifach.

Zum Glück ist der Umgang mit Ei essenden Reisenden am Ende doch nicht ganz so schwierig wie der mit Diktatoren. Ein augenzwinkerndes "schade, dass man die Fenster hier nicht öffnen kann" reicht meist, um den kurzen Macht-Trip zu beenden. Und vielleicht geht es genau darum in der Gesellschaft: Sich nicht alles gefallen lassen – nur, weil jemand mit Eiern den Ton angeben möchte.

In der nächsten Folge von "Widerstand snacklos": Erdnussflips. 


Gerechtigkeit

Gamerinnen: Auf Twitch bedroht, von der Polizei alleingelassen
"Ich werde dich vergewaltigen und in der Badewanne ertränken", schrieb ein User Janin. Ein Beamter nahm ihre Ängste dennoch nicht ernst.

Es ist Samstagabend, als die Nachricht im Chatfenster aufploppt. Powny spielt "Dark Souls 1" und streamt dabei live auf Twitch. Etwa 80 Menschen schauen ihr dabei zu. Powny verdient so nebenher Geld. Die Nachricht, die an sie gerichtet ist, ist für alle sichtbar: "Ich habe deine Adresse und werde dich vergewaltigen und anschließend in der Badewanne ertränken." Geschrieben hat sie ein Nutzer namens "janin_[Nachname]_toeten". Janin ist Pownys richtiger Name. Ihr Nachname ist öffentlich eigentlich nicht bekannt, das will sie so beibehalten. 

Ihr Moderationsteam löscht die Drohung schnell, trotzdem hat Powny sie gesehen. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, erzählt sie im Gespräch mit bento. Beleidigungen und Gepöbel gebe es bei ihr im Chat zwar häufiger, eine so explizite Drohung sei allerdings neu. Aber schnell habe sie bemerkt: "Ich kriege keinen geraden Satz mehr heraus." 

Nach Ende des Streams kontaktiert Janin ihren Ansprechpartner bei Twitch. Der lässt den Account des Bedrohers schnell sperren. Er rät ihr auch dazu, die Morddrohung anzuzeigen.

Am Abend ist Janin alleine zu Hause. Die 29-jährige will die Drohung nicht zu ernst nehmen. Eigentlich ist sie sicher, dass ihr nur jemand Angst einjagen will. 

Trotzdem wird sie den Gedanken im Hinterkopf nicht los: Was, wenn das doch ernst gemeint ist? 

Sie schläft seitdem mit abgeschlossener Schlafzimmertür. 

Obwohl laut Branchenverband "Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware" BIU fast die Hälfte der deutschen Gamer Frauen sind, werden sie in der Szene oft kritisch beäugt. Viele stoßen auf Ablehnung oder Sexismus (SPIEGEL).