Bild: Annie Spratt/Unsplash
Auch Männer essen Tofu.

Ein Burgerladen irgendwo in Hamburg, ich bin mit einer Freundin dort essen. Sie bestellt einen Cheeseburger mit Pommes, ich das vegetarische Pendant, Pilz statt Patty. Einige Minuten später bringt der Kellner, bei dem wir auch bestellt haben, unser Essen. 

Wie selbstverständlich stellt er den Fleischburger bei mir ab, den vegetarischen bei ihr. Wir warten bis der Kellner wieder weg ist und tauschen dann augenrollend unsere Teller. 

So etwas passiert mir ständig. 

Wenn ich mit meiner Schwester ein Bier trinke, bekommt sie das kleine und ich das große – obwohl andersrum bestellt. In großer Runde bekommen die Frauen den Sekt und die Limo und die Kerle das Bier – ohne Nachfrage. Dabei ist es meiner Erfahrung nach egal, ob Kellner oder Kellnerinnen Essen und Getränke bringen. 

Auch dem Ernährungspsychologe Christoph Klotter kommt das bekannt vor, mit seiner Frau hat er kürzlich eine ähnliche Situation erlebt. "Da ich dies antizipiert hatte, konnte ich nur darüber lachen", sagt er. 

"Essen ist eine Plattform der Geschlechtszuschreibung, wie primitiv das auch sein mag", sagt Klotter. 

Kerle essen Fleisch und Frauen einen Salat mit fettarmem Dressing. 

Man könnte jetzt sagen: Ist doch nicht schlimm, einfach kurz die Teller oder die Gläser zu tauschen. Die Erfahrungen zeigen aber, wie selbstverständlich Geschlechterklischees sogar in so banalen Dingen wie Ernährung immer noch verbreitet sind. 

Das zeigt sich nicht nur in falsch servierten Gerichten. Menschen müssen sich dafür rechtfertigen, wenn sie dem Klischee nicht entsprechen. 

  • In meiner Jugend haben sich in der Basketballmannschaft einige immer über den Mitspieler lustig gemacht, der nach dem Spiel im Fast-Food-Restaurant einen Salat bestellt hat. 
  • Ein Schulfreund von mir trank in unserer Stammkneipe am liebsten Aperol Spritz – und musste sich dafür jedes Mal einen blöden Spruch von der Kellnerin anhören. 
  • Noch schlimmer war nur, als ein anderer Freund sich mal einen Tee bestellte. Tee ohne Schnaps! Als Mensch mit Penis! Es folgte eine entgeisterte, zu laute Nachfrage a la "Was willst du? Einen Tee?!?" und Gelächter der Kellnerin.

Geschlechtszuschreibungen von Nahrungsmitteln finden ihren absurden Höhepunkt im modernen Marketing. 

Da gibt es "kompromisslose" Gewürzmischungen für echte Kerle, das pinke "Mädchengewürz" und geschlechtergetrennte Bratwürste

Dass der banal wirkende Fehler der Kellnerinnen und Kellner auch negative Folgen haben kann, sagt Daniela Schiek. Sie ist Soziologin an der Universität Duisburg-Essen und forscht zu Geschlechterverhältnissen. Die geschlechtliche Zuordnung der Gerichte und Getränke sei eine unbewusste Form der sozialen Kontrolle und könne Betroffene nicht nur verärgern, sondern gerade Jugendliche eventuell sogar erziehen, sagt Schiek. 

„Ähnliche Wirkungen können Nachfragen haben, wenn Frauen "zu viel", "zu bitter" (Espresso) oder "zu scharf" bestellen oder wenn die Speise, bei der wir die Zwiebeln abbstellt haben, uns als "Frauendöner" überreicht wird.“
Dr. Daniela Schiek

Ich finde die Vorstellung gefährlich, dass durch so nichtig wirkende Fehler wie falsch serviertes Essen Klischees reproduziert werden, die Druck auf junge Menschen ausüben können. Mädchen sollen nicht das Gefühl haben, dass von ihnen erwartet wird "leicht" und wenig zu essen. Jungs sollen nicht in einer Welt aufwachsen, die in ihnen den harten, biertrinkenden Fleischfresser erwartet – ist eh scheiße fürs Klima. 

Und Menschen, die sich dem binären Geschlechtssystem nicht zuordnen, sollen nicht noch auch noch beim Essen zwanghaft in eine Norm gepresst werden. 

Also, liebe Kellnerinnen und Kellner, überdenkt eure Klischees und fragt doch bitte einfach kurz nach, wer was bestellt hat. Darauf trinke ich dann einen halbtrockenen Sekt mit euch. Schmeckt mir viel besser als Bier.


Future

Das Jobtrio erklärt: Muss ich dem Chef von meiner Beziehung am Arbeitsplatz erzählen?

Wenn sich plötzlich die Überstunden häufen und zwei Kollegen immer besonders lange im Büro bleiben, wird irgendwann getuschelt: Läuft da was? Kann schon sein: 20 Prozent der Berufstätigen in Deutschland haben sich schon einmal am Arbeitsplatz verliebt. Und jeder Siebte fand dort sogar die große Liebe. Das ergab vor einiger Zeit eine repräsentative Forsa-Umfrage.

Doch wie soll man mit den Gefühlen am Arbeitsplatz umgehen? Verdrängen? Oder offen dazu stehen? 

Auch viele Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, die im ersten Job jemanden kennenlernen, stellen sich diese Frage. 

Wir haben unser Job-Trio um Rat gefragt: