Bild: Taifun
Warum "vegetarisch" oder "vegan" nicht automatisch fleischlos ist.

Eine Studie von Clear Food stellte kürzlich fest, dass in zehn Prozent amerikanischer Veggiewürstchen Fleisch enthalten ist. Zunächst klingt das erschreckend. Obwohl auch in Deutschland Fleisch in vegetarischen Produkten vorkommen kann, ist das aber die Ausnahme. Die deutschen Hersteller im Check.

(Bild: Clear Food)
Das amerikanische Unternehmen Clear Food will Lebensmittelstandards erhöhen und für mehr Transparenz bei den Inhaltsstoffen beliebter Fertigprodukte sorgen. Die Firma untersucht dazu Nahrungsmittel auf Molekularebene – finanziert über Kickstarter. Was untersucht werden soll, entscheiden die Nutzer per Abstimmung.

In ihrem “Hot Dog Report” untersuchte Clear Food 345 verschiedene Würstchen. Dabei fanden sie nicht nur Schweine- und Hühnerfleisch in vermeintlich vegetarischen Produkten, sondern auch menschliche DNA in zwei Prozent aller Proben. Problematisch an der Studie: Es wird nicht aufgezeigt, welche Marken dies betrifft.

Christian Zacherl ist Manager des Bereichs Lebensmittel am Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Er erklärt, wie menschliche DNA in Würstchen gelangt: Vermutlich wurde in der Fertigung mit bloßen Händen gearbeitet. “In der klassischen Metzgerei werden einige Arbeitsschritte manuell durchgeführt, und die Würste beispielsweise mit den Händen in die Räucherkammer gehängt. Dieser Kontakt reicht oftmals schon aus, um dann menschliche DNA an der Wurst nachzuweisen.” Verhindern lässt sich das zum Beispiel durch Schutzhandschuhe.

Vegetarische und vegane Produkte werden zum Teil in Betrieben hergestellt, die normalerweise Fleisch produzieren. “So wird zum Beispiel von montags bis donnerstags herkömmliche Wurst produziert, freitags wird dann vegetarische Wurst hergestellt. Dazu werden die gleichen Geräte benutzt”, sagt Zacherl. Wird nicht ausreichend zwischengereinigt, können Spuren von Fleisch in vegetarische Produkte geraten. Doch: “Dies ist selten und nicht die Regel, da die meisten Metzgereien sehr hohe Standards bezüglich Hygiene und Sauberkeit haben, und auch sehr häufig von den Behörden kontrolliert werden.”

Vegane Schnitzel(Bild: dpa/Marius Becker)

Die Spuren, die bleiben, sind verschwindend gering. Labore können heutzutage bereits kleinste Mengen an Inhaltsstoffen feststellen. “Es ist mittlerweile möglich schon einen Anteil von 0,025 Prozent Fleisch in Lebensmitteln nachzuweisen”, sagt Zacherl.

Problematisch an der Kennzeichnung veganer Produkte ist auch, dass der Begriff “vegan” nicht rechtlich geschützt ist. Zacherl findet die Unterscheidung dennoch eindeutig: “Es darf kein Bestandteil von Tieren drin sein. Da dürfen noch nicht mal Starterkulturen auf Milchbasis gewachsen sein.” Dennoch kommt es oft vor, dass tierische Stoffe in “vegan” gekennzeichneten Lebensmitteln enthalten sind. Diese sind für den Verbraucher häufig nicht als solche zu erkennen. Ein Beispiel: “E120” bezeichnet den Farbstoff Karminrot, der aus Läusen gewonnen wird.

Standards, die definieren, was vegan ist und was nicht, bieten diverse Siegel. Die zwei wichtigsten Siegel sind das V-Label und das Label der Vegan Society. Mehr Infos dazu gibt es von der Verbraucherzentrale Hamburg (PDF).

In Deutschland sind bisher keine Studien zu den Inhaltsstoffen von Fleischersätzen durchgeführt worden. Obwohl das Potential dafür sicher vorhanden ist, schätzt Zacherl. Die Blogs, die sich mit fleischfreier Ernährung beschäftigen, seien sehr kritisch und derlei Studien würden so auf fruchtbaren Boden stoßen. Auch die Crowd wäre vorhanden: Der Verein “Vegane Gesellschaft Deutschland” hat über 84.000 Facebook-Fans. Positive Auswirkung einer solchen Studie könnte sein, dass die Hersteller ihre ohnehin hohen Hygienestandards verbessern. Durch die Ergebnisse würden aber auch Ängste geschürt, warnt Zacherl.

“Am besten wäre es, für die Herstellung von Fleischprodukten und pflanzlichen Produkten eine komplette räumliche Trennung vorzunehmen”, rät Zacherl. Dies ist bei den meisten deutschen Herstellern vegetarischer Fleischersatzprodukte bereits der Fall. bento hat die in Deutschland am meisten verbreiteten Veggiehersteller um Stellungnahmen gebeten.

Und was heißt das jetzt?

100 Prozent fleischfrei sind nur Produkte, die in komplett getrennten Produktionsräumen hergestellt werden. Dies garantieren diese Marken: Alnatura, Biolab, Eden, Granovita, Gut Wudelstein, Heirler, Lord of Tofu, Soyana, Taifun, Veggie Life, Vegusto, Viana, Wheaty und Wilmersburger.

Diese Hersteller erwähnen in ihren Statements nicht explizit getrennte Produktionsräume: Hobelz, Rügenwalder und Vantastic – Das heißt allerdings nicht, dass die Produkte dieser Marken Fleisch enthalten, sondern lediglich, dass Spuren von Fleisch in ihnen vorkommen können.

Die Hersteller-Statements:
Wie stellen Sie sicher, dass in Ihren Produkten kein Fleisch bzw. keine Tierprodukte enthalten sind?

Alnatura, Veggie Life, Viana: “Wenn Sie als Kunde Vermischungen mit tierischen Zutaten vermeiden wollen, müssen Sie Ihre Pflanzenwürstchen bei direkten Bio Herstellern kaufen, die nur Bio-Veggie Produkte produzieren. [...] Auf der Webseite tofutown.com finden Sie ein aktuelles Video und ein Porträt von uns.” Bernd Drosihn, Tofutown, E-Mail 02.11.2015

Biolab: “In beiden [Werken] werden keinerlei [fleischhaltige] Produkte erzeugt. [...] Als Produkte tierischen Ursprungs verwenden wir in den wenigen vegetarischen Biolab-Produkten Käse und Eiweiß. [...] Für alle veganen Bioprodukte von Biolab gilt auch die Zertifizierung durch die Vegan Society und die Icea BioVegan.” Dalia Vodice, E-Mail 02.11.2015

Eden, Granovita, Heirler: “Die Produktion der Fleischersatzprodukte erfolgt in separaten Produktionsstätten, mindestens jedoch in vollständig abgetrennten Produktionslinien.” Isabella Dujmovic, Heirler Cenovis, E-Mail 02.11.2015

Gut Wudelstein, Wilmersburger: “Häufig wissen Lieferanten von einzelnen Rohwaren nicht, welche Stoffe vegan sind und welche nicht, daher müssen diese im Vorfeld für uns umfangreiche Vegan-Formulare ausfüllen.” Irina Itschert, Clasoft, E-Mail 02.11.2015

Hobelz: “Der beauftragte Produktionsbetrieb ist IFS zertifiziert, ausdrücklich auch für den Geltungsbereich "Herstellung von Sojaprodukten" und genügt den Anforderungen des IFS Food (Version 6. April 2014) auf höherem Niveau.” Holger Teichmann, Hobelz Veggie World, E-Mail 02.11.2015

Lord of Tofu: “In unseren Produktionsräumen werden ausschließlich vegane, also rein pflanzliche Rohstoffe verarbeitet. Wir haben also weder im Lager noch in der Produktion tierische Produkte wie Fleisch, Milch oder Eier. Hier kann also gar keine Vermischung oder Verunreinigung stattfinden. [...] Die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Hygienerichtlinien in der Produktion erfolgt nach dem HACCP-Konzept und dem Internationalen Food Standard.” Dörte Ulrich, E-Mail 30.10.2015

Primal Spirit Foods: “For our company we only make vegetable based products and therefore do not have possibilities of cross over. We are also regularly tested by FDA and many others for various reasons and have never had any such issues.” Jesse Hanson, E-Mail 30.10.2015

Rügenwalder: “Beim Thema „getrennte Produktion” sind wir noch nicht am Ziel. Wir haben bereits damit begonnen, einen eigenen Produktionsstandort ausschließlich für vegetarische und vegane Produkte zu planen und vorzubereiten.” Auszug von der Rügenwalder-Webseite, Verweis durch Britta Fey, E-Mail 02.11.2015

Soyana: “Bei uns kommen überhaupt keine tierischen Rohstoffe ins Haus und da wir alle unsere Fleisch-, Wurst- und Milchalternativen selber herstellen, kann so etwas zum einen nicht passieren und zum anderen ist es definitiv nicht erwünscht.” Andreas Schmitz, E-Mail 30.10.2015

Taifun: „Bei der Herstellung unserer Tofuprodukte verwenden wir nur rein pflanzliche Zutaten und Hilfsstoffe, weshalb wir eine Kontamination mit tierischen Bestandteilen ausschließen können. Darüber hinaus werden unser Unternehmen sowie unsere Produkte und Rohwaren regelmäßig durch verschiedene Kontrollstellen überwacht, zum Beispiel durch die Vegan Society.“ Lina Cuypers, Life Food, E-Mail 02.11.2015

Vantastic: „[...] Wenn in den Anlagen eines Produzenten auch Rohstoffe tierischen Ursprungs verarbeitet werden, müssen die Produktionslinien vor der Herstellung unserer veganen Produkte den Hygienerichtlinien [von AVE] entsprechend gereinigt werden, um Kontaminationen zu vermeiden. Um das zu gewährleisten, legen wir größten Wert darauf, dass die Produktion nach den international gängigen Sicherheitsstandards (z.B. IFS, mindestens HACCP) gestaltet und zertifiziert ist.“ Uti Johne, AVE, E-Mail 02.11.2015

Vegusto: “Wir von Vegusto produzieren seit unserer Gründung 1997 ausschließlich vegane Produkte, damit sind wir sehr sicher, dass unsere Produkte auch wirklich vegan sind. Alle Vegusto-Spezialitäten sind von der englischen Vegan-Society als vegan zertifiziert.” Rahel Zingg, Vegi-Service AG, E-Mail 02.11.2015

Wheaty: “Da wir ausschließlich vegane Produkte herstellen, ist eine Verunreinigung mit tierischen Bestandteilen eigentlich ausgeschlossen. [Wir lassen] unsere Produkte regelmäßig von einem unabhängigen Institut auf die wichtigsten tierischen DNA untersuchen (zuletzt im Juli 2015) [und sind] Träger des Vegan-Labels der Vegan Society und neuerdings sogar mit dem brandneuen Vegan-Zertifikat des renommierten Lacon-Instituts "geadelt".” Andreas Vosseler, Topas, E-Mail 03.11.2015

Das bedeuten die Abkürzungen:

AVE - Absolut Vegan Empire; Das AVE ist “Europas erster veganer Großhandel” und wurde 2001 gegründet.

FDA – Food and Drug Administration, amerikanische Lebensmittelüberwachungsbehörde.

HACCP(-Konzept) – Hazard Analysis Critical Control Point; Risiko-Analyse Kritischer Kontroll-Punkte.

ICEA – Istituto per la Certificazione Etica ed Ambientale; Institut für Ethik- und Umwelt-Zertifizierung.

IFS Food – Internationaler Featured Standard (Food); Lebensmittelstandard, der ein gemäß den mit den Kunden vereinbarten Spezifikationen konformes Produkt garantieren soll.

LACON-Institut – Staatlich anerkannte Kontroll- und Zertifizierungsstelle gemäß EG-Öko-Verordnung und Verordnung (EWG) Nr. 2081/92.

Vegan Society – Die Vegan Society setzt sich dafür ein, den Veganismus zu einem Ansatz zu machen, der sowohl leicht anzunehmen als auch weit verbreitet ist. Damit möchte sie das Leid von Tieren und Menschen zu reduzieren.