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Japanische Küche besteht doch aus Sushi und ist gesund. Oder?

Im japanischen Supermarkt wird man von Fastfood erschlagen. An der Riesentheke direkt neben der Kasse gibt es ein Überangebot von Frittiertem zum Mitnehmen. Vor lauter Panade erkennt man die Hähnchen- und Fleischbällchen kaum noch.

Japan, das Land der gesunden Esser? Das war früher. Heute sind viele Einwohner genauso dem Fett und Fast-Food verfallen wie die anderer Industrienationen. Denn mittlerweile passt das aus den USA rübergeschwappte schnelle Essen viel besser zum Lebensalltag der Bürger als die ursprüngliche Küche.

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Warum?

  1. Viele Japaner wohnen vor allem in den Großstädten wie Tokio und Osaka, in kleinen Apartments mit Mini-Küchen, weil die Städte überfüllt sind.
  2. Die meisten von ihnen arbeiten bis spät in die Nacht und nehmen selten Urlaub.
  3. Es gibt immer mehr Singles, die nur sich selbst ernähren müssen. Alles gute Gründe gegen aufwändiges Kochen zu Hause und für fertiges Essen auf dem Heimweg.
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Früher aßen Japaner gesünder: braunen, ungeschälten Reis, viel Gemüse, viel Fisch und wenig rotes Fleisch. "Heute essen die Leute viel mehr Fett und Zucker“, sagt Eri Kai, Ernährungswissenschaftlerin aus Osaka. Ergebnis: Die Diabetesrate steigt und zwar bei allen Altersgruppen. Laut einer Studie des Gesundheitsministeriums haben 16,2 Prozent der Männer und 9,2 Prozent der Frauen Diabetes und die Zahlen steigen. In Deutschland sind es insgesamt etwa sieben Prozent.

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Deswegen laufen in Japan aber nicht lauter dicke Menschen herum. "Die Folgen dieser Ernährung sind zwar ganz klar messbar, aber bislang in der Öffentlichkeit unsichtbar“, sagt Eri Kai. Rund ein Viertel der Japaner sind übergewichtig, relativ wenig im Vergleich zu anderen Ländern. Noch.

Inzwischen hat auch die japanische Regierung mitbekommen, dass durch die fettige Ernährung die Gesundheit leidet. 2008 hat sie ein Programm gegen Übergewicht gestartet: Seitdem muss jeder zwischen 40 und 74 einmal jährlich zum Bauchumfangmessen in der Firma. Wer zu dick ist, muss zur Diättherapie.

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In Tokio folgt McDonalds auf Kentucky Fried Chicken auf McDonalds, nur in den USA selbst gibt es mehr McDonalds-Filialen als in Japan. Und Konkurrent KFC ist für den etwas absurden Höhepunkt des japanischen Fast Food Jahres verantwortlich: Dem weihnachtlichen Schlange-Stehen vor der Filiale für das traditionelle Weihnachtsessen "chicken wings". Für das Menü mit "Chicken, Champagne & Cake“ bei KFC muss man sogar einen Tisch reservieren.

Beim japanischen Ableger Mo’s Burger kann man sich Reisburger mit Algenblättern reinziehen, und in den traditionellen japanischen Restaurants, den Itsakayas, steht viel Frittiertes auf der Karte. Dabei essen Japaner ihre Pommes natürlich stilecht mit Stäbchen.

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Auch Starbucks mit seinen fettig-süßen Teilchen wird immer populärer und verführt ebenfalls zum Schlangestehen: Zur Eröffnung eines neuen Stores in Japans kleinster Präfektur Tottori standen im Mai dieses Jahres 1000 Wartende Schlange.

2014 stieg der Fastfoodkonsum in Japan um fünf Prozent an, der Fastfoodkonsum im Supermarkt sogar um neun Prozent. Dabei haben sich auch die Essensportionen verändert: Traditionell japanisch wird vieles in kleinen kunstvoll verzierten Schälchen serviert. Heute gibt es vielerorts Fertigteller, voll mit Halb-Halb aus weißem Reis und brauner Pampe, eingeschweißt im Supermarkt oder serviert von einer Curry-Kette. Nicht nur Pommes und Burger kurbeln das Fettniveau an, auch Tempura (in heißem Öl ausgebackenes Gemüse oder Fisch im Teigmantel) oder das traditionell fettige Okonomiyaki (ein Pfannkuchen aus allem, was dick macht).

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Gerade junge Japaner haben gar nicht mehr unbedingt ein Interesse daran kochen zu lernen, der Supermarkt ist doch viel praktischer und Essen gehen extrem angesagt. Ernährungswissenschaftlerin Kai versucht, die Menschen trotzdem mit Hilfe von Kochkursen wieder zurück zur japanischen Küche zu führen, im Dienste der Gesundheit.

Auch wenn Fastfood überall in Japan beliebt ist, duftet es auf der Insel Okinawa, im Süden des Landes, am stärksten nach Pommes. Die Präfektur ist für ihre viele Hundertjährigen bekannt, lange galt die Ernährung als Grund für das lange Leben.

Dann besetzten die US-Amerikaner die Insel. Zwar gehört Okinawa mittlerweile wieder zu Japan, die kulinarischen Folgen sind aber unübersehbar. "Noch sind wir in Japan die Ältesten auf der Welt“, sagt ein älterer Bewohner. "Aber wenn die Jungen so weitermachen und nur noch Dreck essen, wird das nicht mehr lange so bleiben.“

Crowdspondent goes Japan

Die Autorinnen Lisa Altmeier und Steffi Fetz reisten im Herbst 2015 als "Crowdspondent" durch Japan. Auf ihrer Webseite gibt es mehr Informationen zum Projekt sowie Fotos und Videos aus Japan.

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