Der Inbegriff der sozialen Distanz: ein Mensch, allein in der Wildnis, mit scharfem Metallwerkzeug und Feuer bewaffnet.

Wer älter als sechs Jahre und nicht gerade im Wahlkampfmodus ist, hat inzwischen wahrscheinlich anerkannt, dass die sozialen Isolierungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus zwar leidig, aber eben auch sinnvoll sind. 

Trotzdem tut es weh, Ausflüge, Familienbesuche, Partys und Dates absagen zu müssen. Und sich stattdessen vor keuchenden Joggern und hustenden Supermarktbesuchern in den eigenen vier Wänden zu verstecken und so die meiste Freizeit aus Furcht vor der Außenwelt drinnen zu verbringen. Mit Covid-19 zeigt die Natur – für viele Westler das erste Mal seit Langem – ihre gefährlichen Zähne. Und wir bleiben zurück: machtlos, verwundbar ausgeliefert. (bento)

Zum Glück gibt es ein uraltes Ritual, das dem Menschen schon seit Jahrtausenden ein Gefühl der Überlegenheit über seine direkte Umwelt gibt. Ein Ritual, das Machtgefühle nährt, Aggressionen abbaut, Raubtiere verscheucht, Wärme spendet und gleichzeitig einen ganzen Stamm mit Nahrung versorgen kann: Sachen anzünden und dann über den Flammen Essen rösten. 

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Wie schmecken dir 300 Grad, Corona? 

Beim Grillen ist es vollkommen egal, ob man eine mit Schokolade gefüllte Banane, einen Gemüsespieß, Marmorkuchen oder kapitale Straußensteaks auf den Rost wirft. Das Gefühl von Macht entspringt nicht dem Blutigkeitsgrad des Gerichts oder dem Geschlecht der Grillenden. Sondern der Erkenntnis, dass man allein die glühende Urgewalt gebändigt hat. "Ich habe Feuer gemacht", möchte man in feinster Tom Hanks-Manier brüllen, während die Kohlen ihre Farbe knisternd von Schwarz zu Orange zu Weiß wechseln. 

Heißer Grill-Fakt 1: Die Methode, schwer Verdauliches über Feuer zu garen, erlaubte es den frühen Menschen, mehr Energie für ihre wachsenden Hirne bereitzustellen – und weniger Zeit und Energie fürs Verdauen zu verschwenden. Erst seit der Bändigung des Feuers hat die Spezies daher, evolutionär und sozial, einen richtigen Sprung gemacht. (Deutschlandfunk)

2020, in einer Epoche der latenten Angst vor der Umwelt, spendet einem das Spiel mit dem Feuer ein verloren geglaubtes Gefühl der Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit. Allein schon, die Glut mit dem eigenen Atem anzuheizen, lässt einen für einige Sekunden gottgleich und unverwundbar scheinen – zumindest, bis man sich die Augenbrauen versengt. 

Cops gegen Griller

Auf die Frage, ob man denn in Zeiten der Ausgangssperre eigentlich auch in Parks grillen dürfe, entgegnete Münchens Polizeichef Marcus da Gloria Martins kürzlich entgeistert: "Ich darf mein Zuhause aus den bekannten Gründen verlassen. Da ist zwar Spazierengehen und Sport mit dabei, aber auf keinen Fall Grillen." Denn: Grillen käme immer mit sozialem Erlebnis und sozialer Interaktion daher. (BR) Auch in Hamburg sind das "Zubereiten und der Verzehr von Speisen an öffentlichen Orten" nicht erlaubt, es droht ein Bußgeld von 150 Euro. Viele Bundesländer sehen das ähnlich.

Womit bei der Erstellung dieser Richtlinien aber offenbar niemand gerechnet hat? Solo-Grillern. Dabei verkündete User "brenner", Forumsmitglied der Website "Grillsportverein", schon im Jahr 2008: "Sologrillen ist schwer im Kommen, niemand quatscht dich voll, niemand ist unzufrieden – einfach klasse." Es ist der Inbegriff der sozialen Distanz: ein Mensch, allein in der Wildnis, mit scharfem Metallwerkzeug und Feuer bewaffnet. 

Dracarys

Die Rolle des "Pitmasters" ist bei Familienfeiern meist heißer umkämpft als der Eiserne Thron. Wahrscheinlich, weil damit jene besondere Macht über das Feuer verbunden wird. Steht man am Grill, umschwärmen einen sofort viele Neider, die einem die Position durch zermürbende Kommentare streitig machen wollen: Vom neugierigen 'Hast du die schon gedreht?' über das forschere 'Ist das nicht schon lange durch?' bis zum vorgeblich hilfsbereiten 'Soll ich mal übernehmen?' gibt es viele Variationen. Besonnen, wer hier keine (Schweine-)Nackenschelle verteilt.

Beim Solo-Grillen hingegen hat man die Feuerstelle per definitionem für sich. 

Heißer Grill-Fakt 2: Während die westliche Werbung seit Jahrzehnten versucht, Grillen (und Fleisch) als besonders männlich zu verkaufen, deuten archäologische Funde darauf hin, dass sich über Jahrtausende vor allem Frauen ums BBQ gekümmert zu haben. In vielen anderen Teilen der Welt ist es heute noch so. (Forbes / Smithsonian)

Bis das Solo-Grillen im Park freigegeben wird, zahlt sich ein Spießigkeitsinvestment aus. Wer vor der Krise auf einen Schrebergarten, eine Bleibe im dünn besiedelten Randgebiet oder gleich die Verliererbude über der Garage des voll ausgestatteten Elternhauses in Idar-Oberstein spekuliert hat, steht nun als Krisengewinner da. 

Denn Rauchzeichen sind zwar ein charmant-exzentrischer Weg, um Corona den Mittelfinger zu zeigen und ohne Videokonferenz auf das eigene Dasein aufmerksam zu machen – auf dem kleinen Balkon im Szeneviertel aber auch ein schneller Weg, um ordentlich Feuer unterm Hintern zu erzeugen. (bento)

In der nächsten Folge von Widerstand snacklos: Erdnussflips.


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